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Zu Gast bei den Romantikern – der SC Kriens gastiert am Sonntag bei Winterthur

Schweizweit einzigartig: die «Sirupkurve» – eine Tribüne exklusiv für Kinder.

Schweizweit einzigartig: die «Sirupkurve» – eine Tribüne exklusiv für Kinder.

Am Sonntag um 15 Uhr spielt der SC Kriens in Winterthur. Die Schützenwiese ist einer der letzten Horte der Nostalgie im Schweizer Profifussball.

Die Auftritte des FC Winterthur auf der Schützenwiese werden meist vom wütenden Anti-Establishment-Sound des Punkrocks begleitet. Es ist kein Wunder: An der Stadionbar arbeitet Hasu Langhart, der Sänger der «Peacocks», einer der wenigen international erfolgreichen Schweizer Punkbands. Und Andreas Mösli spielte in seiner Jugend mit «Abriss» einst in besetzten Häusern, ehe er vom überzeugten Trotzkisten zum Geschäftsführer des FCW wurde.

Figuren wie Mösli und Langhart gibt es einige im Umfeld des FC Winterthur, sie geben dem Verein einen subversiven Charme, der ankommt in der ehemaligen Arbeiterstadt. Da passt es ins Bild, dass der Verein die Fussballkultur pflegt wie wenige andere Klubs – ein Besuch auf der Schützenwiese fühlt sich an wie eine Zeitreise in die 1990er-Jahre, als die Stadien noch nicht Stangenware waren, die sich in ihrer Beliebig- und Seelenlosigkeit nicht mehr auseinanderhalten lassen.

Kitsch, Kunst und Alkohol in der Fankurve

Die Anzeigetafel wird hier noch von Hand bedient, es gibt den legendären «Salon Erika», ein Refugium für Kitsch, Kunst und Alkohol innerhalb der Fankurve; manchmal finden dort Vernissagen oder Lesungen statt. Die vor über zwölf Jahren gegründete «Sirupkurve» ist der Fanklub für die Kleinen. Diese Tribüne ist exklusiv für Kinder reserviert. Der FCW, Schweizer Meister von 1906, 1908 und 1917, ist ein Gemeinschaftsprojekt, eine Liebhabersache. Oft werden Vergleiche zum FC St.Pauli bemüht, dem Liebkind von Sozialromantikern in aller Welt, der immer wieder zu Freundschaftsspielen nach Winterthur reist. Es mag Parallelen geben, beim Klientel und den Werten etwa, der FCW hat diese in seiner Sozialcharta klar definiert, er grenzt sich gegen Diskriminierung ab. Doch Winterthur ist seinen Idealen sehr viel treuer geblieben als sein Hamburger Pendant.

Mit dem Verliererimage in die Super League schielen

Bei St.Pauli wird inzwischen alles kapitalisiert, was sich irgendwie und irgendwo zu Geld machen lässt: Man kann St.-Pauli-Duschgel («Anti-Fa») und Seifenspender kaufen. Winterthur kommt ohne solche entwürdigenden Produkte aus, schon nur, weil es sich in anderen finanziellen Sphären bewegt; das Budget liegt bei nur vier Millionen Franken. Die Realität heisst Challenge League, der FCW führt die ewige Tabelle der zweiten Liga an; inzwischen steht er in seiner ­ 20. Challenge-League-Saison in Folge seit dem Wiederaufstieg von 1999.

Geschäftsführer Mösli hat einmal gesagt, man zelebriere im Klub das Verliererimage, doch natürlich schielt der FCW auch auf die Super League – dann vor allem, wenn die Beletage aufgestockt werden sollte. Das letzte NLA-Abenteuer liegt 34 Jahre zurück, aber leise Hoffnungen machen sich die Verantwortlichen schon, zumal die Stabilität weiter garantiert ist. Am Mittwoch kommunizierte der Klub, dass die Keller AG, die Firma des langjährigen Patrons und Mäzens Hannes W. Keller, sich zum FCW bekennt und weiterhin Hauptsponsorin sowie Hauptaktionärin bleibt; sie deckt das strukturelle Defizit von gegen 1,5 Millionen.

FCW wird nicht nach Aserbaidschan verkauft

Mike Keller, ein Sohn von Hannes W., wird Präsident. Der Posten war seit dem Rücktritt von Keller senior im Jahr 2015 vakant gewesen. Die Söhne Mike und Tobias suchten lange nach Investoren, nach einer Nachfolgeregelung, sie redeten mit etlichen Interessenten, «auch aus Aserbaidschan», wie sie dem «Landboten» sagten. Eine Lösung war nicht dabei, was für Winterthur und den Schweizer Fussball vermutlich ein Segen ist, weil es eine Schande gewesen wäre, hätte man auch aus dem FCW ein Spekulations­objekt gemacht. Das Produkt Winterthur funktioniert auf dem aktuellen Level auch ohne Millionen aus dem Ausland.

Immer wieder ist die Winterthurer Schützenwiese ein Sprungbrett für grosse Karrieren, alleine in den letzten Jahren spielten spätere Nationalspieler wie Manuel Akanji (Dortmund), Admir Mehmedi (Wolfsburg) und Remo Freuler (Atalanta, ex FC Luzern) hier. Mösli sagt, es sei das Konzept, dass man vorab auf Spieler aus der Region setze. Das kommt an: Winterthur weist einen Zuschauerschnitt von 4229 Besuchern aus, es ist der höchste der Liga. Die Zahl unterliegt einer gewissen Inflation, weil das Derby gegen die Zürcher Grasshoppers 9000 Zuschauer anzog – morgen gegen den SC Kriens werden es deutlich weniger sein. Doch wer da ist, kann sich einem unverfälschten Fussballerlebnis erfreuen, einem Nachmittag voller nostalgischer Romantik mit dem Soundtrack der Auflehnung als Hintergrundmusik.

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