WM-Qualifikation
Ein Sieg für den Trainer, der Einfluss der Rückkehrer und ein bisschen Hoffnung für Rom – das sind die Erkenntnisse nach dem 2:0 der Schweizer Nati gegen Nordirland

Die Schweizer Nati überwindet ihre Mini-Torkrise nach 313 erfolglosen Minuten. Nati-Trainer Murat Yakin verspürt eine kleine Erlösung. Und schielt auf einen Rekord. Das müssen Sie nach dem 2:0 der Schweiz in der WM-Qualifikation gegen Nordirland wissen.

Etienne Wuillemin
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Die Spieler der Schweizer Nati durften das Feld als Sieger verlassen,

Die Spieler der Schweizer Nati durften das Feld als Sieger verlassen,

Urs Lindt / freshfocus

Ein Sieg für Trainer Murat Yakin

Die grossen Buchstaben auf dem Teambus stehen für den Anspruch, den diese Nationalmannschaft an sich selbst hat. «Team Switzerland #DreamBig» steht da geschrieben. Nun, wer gross träumen will, wer an die WM reisen und dort für Ausrufezeichen sorgen will, der muss in einem Spiel gegen eine Equipe der Stärkeklasse Nordirlands liefern. Das Fazit aus dem gestrigen Fussballabend: Die Schweizer WM-Träume sind weiter intakt. Alles deutet darauf hin, dass es am 12. November zum Final um den Gruppensieg zwischen Italien und der Schweiz kommt. Die Nati muss, um sich direkt für Katar 2022 zu qualifizieren, in Rom gewinnen.

Wie gross die Schweizer Chancen auf einen Exploit in Italien wirklich sind, das lässt sich nach diesem 2:0 gegen Nordirland noch nicht abschliessend beurteilen. Klar ist jedoch, dass die Schweiz mit einem guten Gefühl nach Italien fahren wird – davon ausgehend, dass am Dienstag in Litauen nicht ein unerwarteter Rückschlag folgt.

Trainer Murat Yakin beim Spiel gegen Nordirland.

Trainer Murat Yakin beim Spiel gegen Nordirland.

Urs Lindt / freshfocus

Für niemanden ist dieser gestrige Sieg wichtiger als für Trainer Murat Yakin. In den beiden bisherigen WM-Qualifikationspartien seiner Ära gab es zweimal ein 0:0. Das war ein Erfolg gegen Europameister Italien, aber ein Misserfolg in Nordirland. Die beiden torlosen Spiele führten dazu, dass sich einige Beobachter bereits bemüssigt fühlten, Yakin die Fähigkeiten abzusprechen, offensive Lösungen für das Team zu finden. Und das, obwohl mit Shaqiri, Embolo und Gavranovic drei von vier Spielern fehlten, die an der EM Tore schossen.

Nun hätten die Schweizer in Genf gegen Nordirland ohne weiteres zwei, drei oder gar vier Tore mehr erzielen können als jene Treffer von Zuber und Fassnacht. Aber für einmal war die Art und Weise des Auftritts gerade so wichtig wie das positive Resultat. Und es war tatsächlich eine sehr erfreuliche Leistung, die den Schweizern gelang. Gegen ein sehr destruktives Nordirland gelang es immer wieder, das Abwehrbollwerk zu überwinden. Immer wieder stiessen sie in die gefährliche Zone vor. Immer wieder überforderten sie ihren Gegner dank viel Bewegung und Zug nach vorne. Genau so eben, wie das Yakin im Vorfeld gefordert und während der Woche mit dem Team einstudiert hatte.

Die Schweiz jubelt mit Fans nach dem Spiel.
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Die Schweiz jubelt nach dem Tor zum 2:0 von Christian Fassnacht. Enttäuschung bei Shane Ferguson.
Christian Fassnacht jubelt nach dem Tor zum 2:0 mit Denis Zakaria.
Christian Fassnacht jubelt nach dem Tor zum 2:0.
Christian Fassnacht erzielt das Tor zum 2:0.
Christian Fassnacht erzielt das Tor zum 2:0 gegen Bailey Peacock-Farrell.
Fabian Schaer beim Wechsel mit Manuel Akanji.
Kevin Mbabu gegen George Saville.
Innovative Plakate der Fans.
Breel Embolo gegen Torhueter Bailey Peacock-Farrell.
Der Torjubel Steven Zubers.
Steven Zuber jubelt nach seinem Tor zum 1:0. Enttäuschung bei, (von links) Jordan Thompson, Ciaron Brown, Craig Cathcart und Daniel Ballard.
Zuber trifft zum 1:0.
Steven Zuber erzielt das Tor zum 1:0 gegen (von links): Jordan Thompson, Daniel Ballard und Ciaron Brown.
Steven Davis gegen Renato Steffen.
Der nordirische Goalie Bailey Peacock-Farrell gegen Xherdan Shaqiri.
Paddy McNair gegen Ricardo Rodriguez.
Steven Zuber gegen Daniel Ballard und Steven Davis.
Die Fans vor dem Match in Genf.

Die Schweiz jubelt mit Fans nach dem Spiel.

Pascal Muller/Freshfocus

Der Abend von Genf stimmt darum auch im Hinblick auf den März 2022 optimistisch. Sollte die Schweiz nämlich die WM-Qualifikation als Gruppenzweite beschliessen, folgt dann die Barrage, wo es zwei Siege im Halbfinal und Final bräuchte, um doch noch nach Katar zu reisen. Mögliche Gegner zeichnen sich bereits ab. Sie tragen Namen wie Österreich, Wales, Tschechien, Schottland, Albanien, Polen, Ukraine, Serbien oder Schweden. Es sind unangenehme, aber auch nicht unlösbare Aufgaben. Gerade dann, wenn die Schweiz so beschwingt spielt wie gegen Nordirland.

Die Mini-Torkrise ist überwunden

Kein Tor gegen Italien. Kein Tor in Nordirland. Zuvor 88 Minuten ohne Tor gegen Litauen. Die Nati-Fans mussten sich in dieser WM-Qualifikation lange gedulden, ehe sie endlich wieder jubeln durften. Steven Zuber war es, der nur wenige Sekunden vor der Pause die Schweizer Mini-Torkrise beendete. Wobei der Treffer nur folgerichtig war. Weil die Schweiz in der Offensive ein ganz anderes Gesicht zeigte vor allem im Vergleich zur Partie in Belfast.

Zufall ist das nicht. Der Schweizer Verve im Sturm hat viel mit zwei Rückkehrern zu tun, Breel Embolo und Xherdan Shaqiri. Embolo zeigte bereits an der EM einige starke Leistungen. Sein Pech war, dass er sich gleich zu Beginn des Viertelfinals gegen Spanien am Oberschenkel verletzte und darum zum Saisonstart noch pausieren musste (und darum auch in den September-Länderspielen fehlte). Es hat ihn aber offensichtlich nicht daran gehindert, die tolle EM-Form zu konservieren. In der Bundesliga hat man ihn jedenfalls noch nie so gut gesehen wie in den letzten Spielen mit Mönchengladbach. Die Frage ist nun einfach, ob es ihm gelingt, aus dieser Momentaufnahme einen Dauerzustand werden zu lassen. Gegen Nordirland fehlte einzig ein Tor, das aus einer sehr guten eine überragende Leistung gemacht hätte.

Breel Embolo (links) gegen Goalie Bailey Peacock-Farrell.

Breel Embolo (links) gegen Goalie Bailey Peacock-Farrell.

Urs Lindt / freshfocus

Zum andern ist da noch Xherdan Shaqiri. 30-jährig wird der Ausnahmekönner heute Sonntag. Seit Jahren prägt er das Schweizer Spiel. Das merkt man auch dann immer wieder, wenn er einmal fehlt oder zu wenig Spielpraxis hat. Beides ist in den letzten Jahren häufiger vorgekommen als es sich ein Nati-Trainer wünschen würde. Nun schüren die letzten Wochen aber Hoffnungen, dass sich dies in nächster Zeit ändert. Mit dem Wechsel zu Lyon hat Shaqiri die Voraussetzungen geschaffen, um endlich wieder regelmässig zu spielen. Bleibt zu hoffen, dass er sich nicht verletzt. Wie viel seine Spielfreude und Geistesblitze wert sind, wurde gegen Nordirland schnell offensichtlich. Auch wenn er am Ende an den Toren nicht direkt beteiligt war, schuf er mit seinen Ideen immer wieder Unruhe.

Zuber schliesslich ist zwar im Moment gerade nicht mehr jener Zuber, der an der EM schlicht überragend auftrat. Aber er hat sich zu einem Spieler entwickelt, der für die Schweiz derzeit einen ziemlich unverzichtbaren Wert darstellt. Denn er ist jederzeit für einen Treffer gut. Dass er bei AEK Athen nun regelmässig spielt (und ebenfalls trifft), könnte sein Standing in der Nati noch einmal erhöhen.

Murat Yakin und der Rekord

Dass die Schweiz gewisse Probleme beim Toreschiessen hat, ist das eine. Eine andere Erkenntnis ist jedoch, dass sie unter Murat Yakin bis anhin defensiv eine reine Weste aufweist. Zumindest in den drei WM-Qualifikationspartien kassierte das Team stets kein Gegentor. Einzig im Test gegen Griechenland (2:1) traf der Gegner. Erwähnenswert findet das natürlich auch Yakin selbst. Er sagt nach dem Sieg gestern zufrieden: «Gerade im Moment weiss ich nicht, wann es das zum letzten Mal gegeben hat.» Es ist fast vier Jahre her. Auch zwischen Herbst 2017 und Frühling 2018 waren es vier Spiele, welche die Schweiz gegentorlos überstand. Die Barrage-Spiele gegen Nordirland und zwei Tests gegen Panama und Griechenland.

Pascal Muller/Freshfocus / freshfocus

Kurz zuvor hielt sich die Schweiz gar während sechs Spielen schadlos, es war die beste Serie unter Vladimir Petkovic. Rekord ist aber auch diese Marke nicht. Dieser gehört Köbi Kuhn und der Equipe rund um die WM in Deutschland. Zwischen Juni und September 2006 kassierte die Nati sieben Mal in Serie kein Gegentor. Murat Yakin hat also noch ein paar Aufgaben vor sich, um in rekordnähe zu kommen.

Genf und die Nati – das passt

19129 Zuschauer sorgten im Stade de Genève für eine tolle Ambiance. Und auch während der Woche durfte sich die Nati bei den öffentlichen Trainings über viel Support freuen. Erstmals seit zwei Jahren war der Schweizer Tross wieder in der Romandie stationiert. Das Fazit lautet: Es hat sich gelohnt. Es scheint jedenfalls, als wäre in der Westschweiz ziemlich viel von der EM-Euphorie hängen geblieben. Das ist, neben dem positiven Resultat, eine weitere schöne Erkenntnis aus dieser Woche.

Nun bestreitet die Schweiz zwei Auswärtsspiele, in Litauen am Dienstag, danach am 12. November in Italien, ehe sie am 15. November dann zum Abschluss in Luzern Bulgarien empfängt. Dann wird sich entscheiden, ob der Weg der Schweizer direkt nach Katar oder in die Barrage führt.

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