Volleyball
«Wir waren kalkuliert blauäugig»: Zwei Jahre tuckerte Traktor erstklassig - ein Rückblick

Nach zwei Jahren mit wenigen Siegen und vielen Finanzsorgen ist das NLA-Abenteuer für Traktor Basel vorbei. Captain, Sportchef, Trainer und Präsident blicken auf das Abenteuer zurück und erklären, warum eine dritte Saison nicht mehr möglich war.

Esteban Waid und Simon Leser
Merken
Drucken
Teilen
Der Höhenflug der Traktoren in der NLA dauerte zwei Jahre. Szenen wie diese wird es in Zukunft nur noch eine Klasse tiefer geben.

Der Höhenflug der Traktoren in der NLA dauerte zwei Jahre. Szenen wie diese wird es in Zukunft nur noch eine Klasse tiefer geben.

zVg

Als Traktor Basel vor zwei Jahren in die NLA aufstieg, war es ein Märchen. In diesem Jahr reichte aber das Geld nicht mehr. Vier Protagonisten schauen auf das NLA-Abenteuer von Traktor Basel zurück und erzählen, was ihnen bleibt.

Samuel Ehrat, Captain: «Wir können gewinnen»

Samuel Ehrat: «Wir waren immer der krasse Underdog der Liga.»

Samuel Ehrat: «Wir waren immer der krasse Underdog der Liga.»

Kenneth Nars

«Einer der schönsten Momente war auf jeden Fall unser erster Heimsieg gegen Luzern. Das war auch cool, weil wir auch noch vor Publikum spielen konnten. Es war kurz bevor die Zuschauer ausgeschlossen wurden. Wir haben da richtig guten Volleyball gespielt. Ich erinnere mich, dass wir zwei Sätze gut spielten und solide gewannen. Und im dritten Satz waren wir dann sechs oder sieben Punkte im Rückstand. Eigentlich verliert man solche Sätze, aber wir legten dann eine verdammte Serie hin und drehten den Satz. Am Ende gewannen wir gleich mit 3:0. Das war sehr speziell. Die Stimmung in der Kabine war dann auch dementsprechend ausgelassen, wir haben lautstark gesungen. Das war einer der Höhepunkte, was Festivitäten in der Garderobe angeht.

Wir hatten es aber immer lustig, weil wir in den zwei Jahren eine tolle Truppe hatten. Und ich erinnere mich auch an den ersten Sieg überhaupt in der NLA, auch gegen Luzern. Der war ebenso speziell. Nach diesem Spiel fiel uns aber mehr eine Last von unseren Schultern. Wir hatten in beiden Jahren ein sehr junges, unerfahrenes Team und waren immer der krasse Underdog in der Liga. Dann zu merken, dass wir andere Teams überhaupt schlagen können, war eine grosse Erleichterung. Sonst verloren wir die Spiele immer knapp, weil die anderen Teams erfahrener waren und eine Schippe drauflegen konnten. Hätten wir mit dem Team weiterspielen können, dann hätten wir diese Sätze und Spiele öfters gewonnen. Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher.»

Heiko Breer, Sportchef: «Die NLA ist ein grosser Schritt»

Heiko Breer: «Immer wieder waren wir nah dran, immer wieder fehlten die entscheidenden Punkte.»

Heiko Breer: «Immer wieder waren wir nah dran, immer wieder fehlten die entscheidenden Punkte.»

Nicole Nars-Zimmer

«Es war Oktober 2019, als ich mich auf den Weg in unser Abenteuer machte. Das erste Spiel von Traktor Basel in der NLA wollte ich schliesslich nicht verpassen. In Basel stieg ich in den Zug, in Genf ging ich raus. Es wartete mit Chênois Genève gleich ein nationales Schwergewicht, zum damaligen Zeitpunkt sechsfacher Schweizer Meister. Auf der anderen Seite wir als Aufsteiger, ohne ausländische Spieler und wenig Erfahrung.

Ich erwartete von der Mannschaft keinen Sieg. Was ich sehen wollte, waren Motivation und Freude über die Möglichkeit, in der höchsten Volleyballliga spielen zu dürfen. Dass die Jungs daran glaubten, etwas zu erreichen. Dass wir einen positiven Spirit auf den Platz bringen und alles in die Waagschale werfen. Der Aufstieg aus der NLB in die NLA war machbar, dafür brauchte es gar nicht so viel. Sich dort zu etablieren, ist aber ein wirklich grosser Schritt.

Einen Sieg gab es in Genf nicht. Doch die Rückreise trat ich mit neuen Erkenntnissen an: Der Unterschied zu Spitzenmannschaften war kleiner als erwartet, es fehlten nur die entscheidenden Punkte. Und das wichtigste, der positive Spirit im Team war da. Ich hoffte, es würde so weiter gehen. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Niederlage in Genf sinnbildlich für die gesamten zwei Jahre in der NLA sein würde. Immer wieder waren wir nah dran, immer wieder fehlten die entscheidenden Punkte. Und vor allem: das entscheidende Geld auf dem Konto. Beim Aufstieg dachten wir: ‹Das Finanzielle wird sich schon regeln.› Tat es sich leider nicht.»

Daniel Rocamora, Trainer: «Die Siege behalte ich im Herzen»

Daniel Rocamora: «Schade, dass diese Zeit jetzt vorbei ist.»

Daniel Rocamora: «Schade, dass diese Zeit jetzt vorbei ist.»

Nicole Nars-Zimmer

«Wenn ich auf die erste Saison zurückblicke, denke ich an die Playoffs, für die wir uns qualifizierten, weil Lutry-Lavaux mit einem ausländischen Spieler ohne Lizenz gegen uns gespielt hatte. Auf einmal waren wir in den Playoffs und konnten dann wegen Corona aber nur die erste Runde spielen. Das war im ersten Jahr bei Traktor und das behalte ich immer in Erinnerung.

Daneben erinnere ich mich auch gerne an jedes Spiel, in dem wir den Gegner aus seiner Komfortzone locken und dem Gegner Probleme bereiten konnten. Zum Beispiel ein Spiel gegen Chênois, das wir zwar verloren, aber in dem es Chênois nicht einfach hatte. Es war immer schön zu sehen, wenn auch die stärkeren Mannschaften wie Schönenwerd oder Lausanne 100 Prozent geben mussten, um gegen uns zu gewinnen. Und natürlich behalte ich jedes Spiel, das wir gewannen im Kopf und in meinem Herzen. In spezieller Erinnerung bleiben die beiden Siege gegen Luzern in der zweiten Saison.

Vergleiche ich den Zeitpunkt, als ich bei Traktor unterschrieb, mit der Gegenwart, in der die Zeit vorbei ist, sehe ich immer noch fast die gleiche Mannschaft vor Augen. Aber der Niveau-Unterschied ist gross. Am Anfang war es einfach eine tolle Mannschaft, jetzt sehe ich professionelle Spieler, die wissen, um was es geht, was sie wollen und was sie machen müssen, um die Spiele am Wochenende zu gewinnen. Es war einfach schön, diese Jungs zu trainieren. Schade, dass diese Zeit jetzt vorbei ist.»

Roland John, Präsident: «Wir kamen an die Grenzen»

«Wenn etwas nicht finanzierbar ist, ist das halt so.»

«Wenn etwas nicht finanzierbar ist, ist das halt so.»

Nicole Nars-Zimmer

«Als wir aufstiegen, waren wir blauäugig, aber kalkuliert blauäugig. Uns war bewusst, dass die Finanzierung für die NLA nicht für die nächsten zehn Jahre gesichert ist. Wir hofften, dass es sich ergeben wird, dass es sich entwickeln wird. Doch nach der ersten Saison realisierten wir im Frühling, dass es mit der Finanzierung knapp werden würde. Konkret wurde die Finanzierungsnot um Weihnachten, als wir merkten: Die Coronasituation verändert sich nicht in nützlicher Frist.

Wir haben intensiv versucht, an die Gelder zu kommen, hatten unser Sponsoringteam vergrössert. NLA in Basel, eine starke Jugendbewegung mit vielen Schweizer-Meister-Titeln, eine gute Dynamik – das waren unsere Kernargumente. Die potenziellen Sponsoren fanden das toll, doch wenn es um konkrete Unterstützung ging, verwiesen sie auf ihr Marketingkonzept. Und dort spielte dann Volleyball halt meistens keine grosse Rolle. Letztendlich war der Frust gross, dass wir derart viel Aufwand betreiben mussten, um nur mal an einen Sponsor zu gelangen, der letztendlich 1000 bis 2000 Franken zahlte. Wir machten das alles freiwillig. Wir kamen an die Grenzen.

Im Februar zogen wir als Vorstand den Verein zurück – ein frustrierender Moment. ‹Wieso ist es nicht möglich, diese Beträge zu erhalten?›, fragten wir uns. Doch wenn etwas nicht finanzierbar ist, ist das halt so. Nach diesem Entscheid fiel der Druck ab, jetzt schauen wir wieder vorwärts. Die NLB nehmen wir mit einem verjüngten Team in Angriff. Käme wieder ein Aufstieg in Frage, müsste die Finanzierung für ein paar Jahre geklärt sein. Ein zweites NLA-Abenteuer macht so spontan nicht nochmals Sinn.»