Die Sportförderung in der Schweiz verläuft mustergültig, lautete ein Fazit dieser Zeitung nach den Grosserfolgen an den Olympischen Spielen in Südkorea. Nicht alle sind mit dieser Interpretation einverstanden. Vor allem an der Basis – bei Sportlehrern und Vereinsfunktionären – warnt man davor, dass die Ziele des Sportfördergesetzes nicht erreicht werden und die staatlichen Subventionen am Ziel vorbei schiessen. Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport (Baspo), stellt sich der Kritik im grossen Streitgespräch.

Was läuft falsch in der Schweizer Sportförderung?

Markus Fuchs: Es gibt mehrere Dinge, die nicht rund laufen. Ein Bereich betrifft die Infrastruktur. Es werden zu kleine Sporthallen geplant und gebaut. Sportvereine haben teilweise horrende Kosten für die Hallenbenützung oder sind mangels Trainingsmöglichkeiten sogar von der Auflösung bedroht. Ein anderer Punkt betrifft die Arbeit in der Schule. Die Ideen der Sportförderung dringen zu wenig gut durch.

Thomas Wüthrich: Man muss sich sehr gut überlegen, wie man mit dem für die Sportförderung zur Verfügung stehenden Geld einen maximalen Effekt erzielt. Wenn man das aktuelle Schweizer Breitensportkonzept betrachtet, hat man zwar mehrere Millionen Franken zusätzlich für Jugend- und Sport (J+S bietet Sportkurse und Lager für Kinder und Jugendlich an; d. Red.) zur Verfügung. Ich frage mich aber, ob das Geld gut investiert ist, wenn es per se an J+S fliesst. Das Sportfördergesetz sieht im Artikel 1 den Auftrag einer „Steigerung der Bewegungsaktivitäten“ vor. Die Realität sieht anders aus: Bei den Jugendlichen und Kindern gibt es keine Steigerung, sondern einen Rückgang mit möglicherweise verheerenden gesundheitlichen Folgen neben den potenziell ausbleibenden sportlichen Erfolgen. 

Sportlehrer Markus Fuchs während des Gesprächs

  

Matthias Remund, ist das Geld für die Bewegungsaktivität falsch investiert?

Matthias Remund: Mehr als 80 Prozent unserer Mittel kommen den Kindern und Jugendlichen zugute. Ob die Subventionen richtig eingesetzt werden, bestimmt die Politik. Bei der jüngsten Diskussion um die Höhe der Beiträge für Jugend und Sport hat sich das Parlament klar gegen eine Reduktion ausgesprochen. Über 100 Millionen fliessen in die jährlich mehr als 60 000 Kurse. Das neue Sportgesetz unterscheidet sich aber vom alten, indem es sich an sämtliche Bevölkerungsgruppen und Alterssegmente richtet. Wir sehen denn auch eine Steigerung der Bewegungs- und Sportaktivität. Das ist über die Studie „Sport Schweiz“ belegt.

Also auch bei den Jugendlichen und Kindern?

Remund: Im Segment der Kinder und Jugendlichen geht die Bewegungsaktivität in der Tat von Generation zu Generation zurück. Dies ist ein gesellschaftliches Phänomen. Unsere Bewegungsräume werden ständig enger. Auf der anderen Seite verzeichnen wir im Bereich der J+S-Kurse eine Zunahme von jährlich rund 5 Prozent. Mehr als 600 000 Kinder und Jugendliche  haben im vergangenen Jahr an mindestens einem J+S-Kurs  teilgenommen. Das sind 45 Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Insbesondere beim freiwilligen Schulsport gibt es eine sehr erfreuliche Entwicklung. Die Rolle von J+S in diesem Kontext ist wichtig, weil J+S Qualität im freiwilligen Schulsport und im Vereinssport bedeutet. Ein weiteres Wirkungsziel von J+S ist das lebenslange Sporttreiben. Schweizer Erwachsene bewegen sich mehr, weil sie letztlich «Kinder» von J+S sind. Eine Kernkompetenz des Bundesamts für Sport (Baspo) ist die Aus- und Weiterbildung. Wir haben auch hier eine schöne Zunahme bei den insgesamt 80 000 J+S-Leitenden.

Fuchs: Wir bilden in der Schweiz zwar sehr viele Trainer aus, aber die Halbwertszeit dieser Trainer wird immer kürzer. Gerade bei J+S investiert man viel Geld in die Ausbildung von Leuten, die sich nach drei, vier Jahren bereits wieder aus der Jugendarbeit verabschieden. Das Geld wird so nicht nachhaltig eingesetzt.

Remund: Diese Fluktuation gibt es, die Verweildauer in einem Sportklub nimmt ab – auch bei Leiterinnen und Trainerinnen bzw. Leitern und Trainern. Auch das ist eine gesellschaftliche Entwicklung und für die Vereine ein Problem. Menschen wollen sich nicht mehr zu stark binden. Wir können nur unterstützend wirken, damit die Tätigkeit  als  J+S-Leiter möglichst attraktiv ist.

Sportlehrer Thomas Wüthrich während des Gesprächs

   

Welche Probleme gibt es beim Kindersport?

Wüthrich: Die Zahlen des Breitensportkonzepts erwecken den Anschein, als würde die Bewegungsaktivität zunehmen und alles entwickle sich in die richtige Richtung. Die Realität aber ist, dass der Anteil der Übergewichtigen in der Gesellschaft – ich würde sagen epidemisch – zunimmt. Es gibt in wenigen Ländern eine derart hohe Zuwachsrate wie in der Schweiz. Wir liegen als Vereinsvertreter vor allem die Jungen am Herzen. Und die Abnahme deren Bewegungsaktivität gibt mir zu denken. Die Sportlehrer in der Schule werden täglich mit der Konsequenz daraus konfrontiert. Als ehemaliger Sportlehrer und Trainer sowie aktueller Präsident eines Sportklubs sehe ich, dass die Rahmenbedingungen, die dazu führen würden, dass sich Kinder adäquat und hoffentlich auch wieder vermehrt bewegen, nicht stimmen. Dabei besteht eine gesetzliche Vorgabe, die eine Förderung und eine Steigerung verlangt.

Remund: Der Anteil der übergewichtigen und adipösen Kinder und Jugendlichen nimmt in der Schweiz nicht mehr zu. Ihre Interpretation des Gesetzes stimmt zudem nicht. Wir haben in der Schweiz keinen Staatssport. Die öffentliche Hand unterstützt die Vereine und Verbände subsidiär. Auf der öffentlich-rechtlichen Seite tragen die Gemeinden und Kantone den Hauptanteil. Hier besteht eine weitgehende Autonomie. Jeder Kanton bestimmt sein Fördersystem selber. Einzig bei J+S trägt der Bund die Programmverantwortung.

Wüthrich: Sie schieben die Verantwortung ab und vergessen, dass wir uns auch im föderalistischen Staat an die Gesetze halten müssen.

Remund: Noch einmal: Die Privatinitiative steht beim Sport an erster Stelle. Der Bund ist keine Zentralmacht, und die Fördermodelle in den Kantonen und Gemeinden sind unterschiedlich, auch was die Sportinfrastrukturen anbetrifft.  Ich verstehe, wenn Sie sagen, dass hier Handlungsbedarf besteht.  Aber der Bund kann weder Gemeinden noch Kantonen vorschreiben, wie sie das regeln müssen.

Fuchs: Ich bin nicht einverstanden damit, dass man die Verantwortlichkeiten einfach so den Gemeinden und Kantonen zuschiebt. Es gibt in der Schweiz viele Projekte, bei welchen Gemeinde und Kantone eng mit dem Bund zusammenarbeiten. Wieso soll das nicht auch für die Steigerung der Sportaktivität möglich sein? Dort könnte man auch eine gemeinsame Finanzierung der Massnahmen definieren. Denn von den Gemeinden höre ich stets die gleiche Rückmeldung: Müssen wir das tun und was kostet es? Mit der konkreten Folge, dass «freiwillige» Sportaktivitäten wie Sportlager, Eislaufen, Schwimmunterricht rasch gestrichen werden.  Ich vermisse im Schweizer Sportkonzept den Blickwinkel auf einen gemeinsamen Weg zu mehr Bewegungsaktivität. Wie können das Bund, Kantone und Gemeinden gemeinsam tun? In der Vernehmlassung zum neuen Sportgesetz wird der Ball immer wieder dem Baspo zugespielt. Man möchte, dass der Bund den Lead übernimmt.

Matthias Remund, Direktor des Bundesamtes für Sport während des Gesprächs

  

Wie steht es mit dieser möglichen Führungsrolle durch den Bund?

Remund: Unsere Rolle ist in der Verfassung und im Sportgesetz definiert. Daran haben wir uns zu halten und wir können das nicht ändern.

Wüthrich: Was kann man nicht ändern?

Remund: Man kann kein Diktat des Bundes einführen, was im Sport passieren muss. Der Trend geht sogar in eine andere Richtung. Regelmässig reklamieren die Kantone  die Zuständigkeit im Sportunterricht für sich und wollen das ändern. Die Idee einer Zentrale, die bestimmt und koordiniert, würde dem Sport sicherlich helfen. Aber diese Zentralisierung entspricht nicht der politischen Überzeugung in unserem Land. Der Bund  kann nicht die Armee schicken, um in den Kantonen sicherzustellen, dass das drei Stunden Schulsport-Obligatorium durchgesetzt wird. Und man muss dazu ergänzen: Es ist entscheidend, dass die Kinder Sport treiben – mindestens eine Stunde pro Tag. Das Setting dafür ist auch wichtig, aber es kommt an zweiter Stelle. Ein starker freiwilliger Schulsport in Koordination mit den Vereinen ist ebenso viel wert. Wisst ihr, wieviel eine Stunde Sport in der Schule kostet?

Wüthrich: Nein, aber wir werden es jetzt gleich erfahren.

Remund: 9.30 Franken pro Kind – eine Stunde J+S-Sport im Verein kostet 1.80 Franken.

  

Kommen wir zum Vorwurf, dass der Zugang zu Sporthallen für Vereine teuer und limitiert ist?

Remund: Das grösste Problem in der Schweizer Sportförderung liegt in der Tat beim Zugang zum Sport - bei der Infrastruktur.

Wüthrich: In diesem Punkt sind wir uns offensichtlich einig. In den vergangenen 20 Jahren hat die Anzahl Sportanlagen in der Schweiz stagniert, während die Bevölkerung von 7 auf 8,5 Millionen angewachsen ist. Studien belegen, dass mit besseren Rahmenbedingungen auch mehr Sport betrieben würde. Es gibt einen Aktionsplan des Bundes, wo er in den nächsten fünf Jahren Geld investiert. Ich sehe in diesem Aktionsplan nirgends Mittel für Infrastruktur ausserhalb von den Leistungszentren in Magglingen und Tenero.

Remund: Das Baspo kann den Gemeinden und den Kantonen nicht vorschreiben, was sie punkto Sportinfrastruktur tun müssen. Das Baspo betreibt eine Fachstelle für Sportanlagenbau, welche beratend unterstützt. Zudem führt es das nationale Sportanlagenkonzept (Nasak) für die Sportverbände.

Wüthrich: Wie kann es denn beispielsweise sein, dass im Limmattal – einer Region mit grossem Entwicklungspotenzial punkto Bevölkerung – der Kanton gemeinsam mit der betroffenen Gemeinde beschliesst, in einer Kantonsschule zwei Doppelturnhallen zu bauen, die absolut kein Bedürfnis ausser jenem der Schule abdecken. Die Region braucht erwiesenermassen Dreifachturnhallen. Wenn man am Schluss über 60 Millionen für etwas ausgibt, das nicht bedürfnisgerecht für den Sport ist. Hier funktioniert offensichtlich auf der Ebene Gemeinde, Kanton und allenfalls Fachberatung vom Bund etwas nicht. Kinder und Jugendliche sind mehr auf Bewegungsräume angewiesen als Erwachsene. Indem man an deren Bedürfnissen vorbeiplant, schränkt man faktisch die Bewegungsmöglichkeiten der Kinder ein.

Remund: Ich gebe Ihnen Recht, aber das liegt nicht in der Kompetenz des Bundes.

Wüthrich: Das sehe ich anders. Im Sportkonzept beschreiben Sie ja bei den Massnahmen ab 2024, dass es gut wäre, wenn in allen Regionen sogenannte Sportkoordinatoren eingesetzt würden.

Remund: Das sind Empfehlungen für die Kantone, um die Sportaktivität zu steigern. Das Baspo bildet diese Sportkoordinaten, die es schon seit einiger Zeit gibt, lediglich aus. Wir führen auch einen Dialog mit dem Verband der kommunalen Sportämter. Aber die Entscheidung über Investitionen liegt nicht bei uns.

Fuchs: Das Kernziel aller Massnahmen muss doch sein, die Bewegungszeit der Kinder und Jugendlichen zu erhöhen. Das ist auch gesetzlich so verankert. Für mich ist es in diesem Zusammenhang unverständlich, dass die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) verneint, dass Sport und Bewegung bildungsrelevant sind. Das ist hundertprozentig eine Fehleinschätzung.

  

Wieso?

Fuchs: Die Entwicklung eines Kindes läuft in den ersten Jahren zu einem grossen Teil über die Bewegung. Ich vermisse in diesem Bereich wie auch bei den anderen Punkten eine gemeinsame Linie von Bund, Kantonen und Gemeinden. Ich entnehme aus der Argumentation von Herrn Remund, dass es in der föderalistischen Schweiz offensichtlich nicht möglich ist, im Bereich der Sportförderung und Bewegungsentwicklung von Kindern am gleichen Strick zu ziehen.

Remund: Diese Einschätzung ist falsch. Der Gesetzesauftrag verlangt von uns eine gute Zusammenarbeit mit Kantonen, Gemeinden und Sportverbänden. Die Ziele der Bewegungssteigerung sollen im Rahmen dieser Zusammenarbeit erreicht werden. Was ist die Stärke des Schweizer Sports? Dass er so vernetzt und breit abgestützt ist. Was ist die Schwäche? Genau das gleiche. Es dauert bei uns, bis wir etwas entwickelt haben. Aber was wir entwickeln, ist stabil. Ich denke etwa an Jugend + Sport.

Wüthrich: Wenn der Staat nicht vorschreiben kann oder will – wieso ist es nicht zumindest möglich, die Kantone an einen Tisch zu holen und mit ihnen zu vereinbaren, wie man sich organisieren muss, um das Ziel von mehr Bewegungsförderung gemeinsam zu erreichen? Denn die Feststellung, dass es derzeit bei Kindern und Jugendlichen in die falsche Richtung geht, darf man nicht mit Verweis auf die verschiedenen Kompetenzen ignorieren. Gefragt wäre eine Task Force für den Schweizer Sport.

Ist die rückläufige Sportaktivität der Kinder nicht auch für den Bund alarmierend?

Wüthrich: Es besteht ja nicht nur das Problem der Rückläufigkeit. Zahlen belegen auch, dass die Schweiz im internationalen Vergleich bei der Bewegungsaktivität von Kindern auf den hintersten Rängen liegt.

Remund: Sie sprechen die Studie der WHO an. Man muss diese relativieren, denn der Sportbegriff ist ein gefährlicher Begriff. Je nachdem, wie man ihn definiert, fallen die Messungen unterschiedlich aus. Das sehe ich als Schwäche dieser Studie. Aber grundsätzlich: Bei der Abnahme der Bewegungsaktivität der Kinder kann der Staat intervenieren wie er will. Er kann die Abnahme vielleicht ein wenig abbremsen, aber es ist eine gesellschaftliche Entwicklung.

Wüthrich: Hat sich das Baspo überlegt, wieso die gesellschaftliche Entwicklung weg geht vom Vereinssport?

Remund: Die Anzahl der Sportvereine ist in der Schweiz insgesamt stabil. Die Sportvereine haben Mühe, genügend Leitende zu finden. In allen Sportarten.  Das BASPO unterstützt hier, indem es die Aus- und Weiterbildung auf sämtlichen Stufen – von der J+S-Leiterin, über die Trainerin mit Berufsanerkennung bis hin zum Masterabschluss im Bereich Spitzensport - anbietet. Die Ausbildungen werden sehr rege besucht.

Wüthrich: Ich möchte Ihnen einen weiteren Weg vorschlagen: Der Zugang zu dem, was der Trainer machen möchte – Trainings leiten – wird immer schwieriger und immer teurer. Die Trainingszeit wird durch andere Bedürfnisse und Vorgaben laufend geschmälert. Das macht den Sportverein weniger attraktiv und macht es schwieriger, Trainer zu finden. Um der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung zu tragen, müsste man die Attraktivität des Sportvereins wieder steigern, indem man beim Zugang zur Infrastruktur eingreift.

Remund: Eingreifen ist ein hartes Wort. Ich bevorzuge den Ausdruck „Anreize schaffen“. Wichtig ist, dass man miteinander Plattformen gründet, um dem entgegenzuwirken. Zum Beispiel jüngst unsere Schneesportinitiative. Bei einem grossen Forum in Magglingen wurden über 50 Massnahmen vorgestellt, um Schneesport-Lager zu fördern. Daraus entstand eine Plattform. Der Gewinn ist, dass wirklich alle Player rund um Wintersport hier mitmachen: Sportverbände, Tourismusorganisationen, Lehrerschaft, Sportartikelhändler und die Kantone. In der heutigen Zeit sind solche Initiativen der Schlüssel, um weiterzukommen. Aber zu oft wird nur über die Frage diskutiert: Wer zahlt?

Als nächstes also die „Task Force Sportstätten“?

Remund: Wir haben dafür die Fachstelle und wir thematisieren die Sportinfrastruktur regelmässig. Vertreter von Kantonen und Gemeinden kommen durchaus nach Magglingen, um sich unsere Ideen anzuhören. Es gibt aus der jüngsten Zeit verschiedene Beispiele, wo daraus gute Sportstätten entstanden sind.

Fuchs: Aber dieses Vorgehen basiert doch auf Zufälligkeit. Wenn die entsprechende Gemeinde nicht empfänglich ist für die Inputs der Fachstelle, dann passiert gar nichts.

Kehren wir nochmals zur Kritik zurück, dass der Bereich Bildung im Breitensportkonzept des Baspo fehle.

Remund: Wir sind im Bereich Bildung durchaus aktiv. Wir haben den Schulsport aber vom Breitensportkonzept getrennt angeschaut. Das Baspo hat bei der Entwicklung des Lehrplans 21 aktiv mitgearbeitet.

Fuchs: Da kommen wir zur Frage, wer genau darf Sportunterricht geben?

Remund: Dies ist in der Kompetenz der Kantone. Ein Antrag, die Lehrerausbildung zur Bundessache zu machen, wurde abgelehnt. Die Überzeugung der meisten Kantone ist, dass auf der Unterstufe keine spezialisierten Fachlehrer eingesetzt werden sollen.

Ist die Qualität des Sportunterrichts in den Schulen heute schlechter als vor 20 Jahren?

Fuchs: Ich stelle fest, dass vielen Sportlehrpersonen mit dem normalen Ausbildungsweg durch die pädagogischen Hochschulen etwas fehlt, was früher die grosse Stärke der Absolventen der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen (EHSM) war: Das Selbstverständnis von Sport. Meiner Ansicht nach hat dadurch im Sportunterricht ein Qualitätsabbau stattgefunden. Doch auch die EHSM-Ausbildung wurde durch den Weg „Turnlehrer als Mehrkämpfer“ schlechter.

Remund: Ich wehre mich mit Vehemenz gegen diese Behauptung. Die EHSM hat ihre Lehrgänge an  die Anforderungen des Bologna-Systems sowie an das neue Hochschulfördergesetz angepasst. Unsere Studentinnen und Studenten haben eine sportpraktische Eintrittsprüfung zu bestehen. Nur rund 30% bestehen diese. Was die Qualität anbetrifft, ist auch der Spassfaktor der Kinder und Jugendlichen wichtig. Wir haben im Rahmen der Kinder- und Jugendstudie nachgefragt: Sport erhält sehr gute Noten und ist für viele das Lieblingsfach.

Fuchs: Trotzdem steigen die Anforderungen an Turnlehrer stetig. 

Remund: Ich gebe Ihnen Recht, dass die Ansprüche an die Lehrperson heute deutlich höher sind als früher. Und es ist selbstverständlich so, dass es in der Unterstufe Lehrpersonen gibt, die einen grösseren oder weniger grossen Bezug zu Sport haben. Aber ich warne davor, pauschal von einer Qualitätseinbusse zu sprechen.

Fuchs: Früher haben sich viele Sportlehrer auch im freiwilligen Schulsport und im Vereinssport engagiert. Wenn nun immer öfter Mehrkämpfer den Sportunterricht in den Schulen bestreiten, dann leiden früher oder später auch die Vereine darunter.

Kommen wir zur Quintessenz aus dieser Diskussion!

Remund: Das Sportsystem ist in der Schweiz über Jahrzehnte gewachsen und ist stabil. Man kann  gegen dieses ankämpfen, verbraucht dabei unglaubliche Ressourcen, kommt aber trotzdem nicht weiter. Vielmehr sollte man sich überlegen, wie man systemgerecht etwas bewirkt. Wir suchen in Magglingen immer nach Hebeln, um etwas zu verändern. Unser grösster Hebel liegt bei der Ausbildung. Mit unseren Instrumenten kann man in einigen Bereichen Einfluss nehmen, bei anderen nicht, weil es sich um gesellschaftliche Phänomene handelt. Hier muss die Politik von Zeit zu Zeit den Ball aufnehmen.

Wüthrich: Ich zweifle daran, dass die Politik den wahren Zustand im Zusammenhang mit den gesetzlichen Vorgaben zur Sportförderung kennt. Für mich setzt konsequente Sportförderung, die an der Basis ankommt, bei der Verbindlichkeit an. Das bedeutet nicht unbedingt vorschreiben, weil wir das in unserem föderalen System offensichtlich nicht können. Das heisst aber, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die einzelnen Player an einen Tisch bringen und gemeinsam Verbindlichkeiten schaffen. Nur so sind die richtigen Leute involviert, wenn es um neue Sportinfrastrukturen geht. Wenn es darum geht, ob in den Schulen aus Geldmangel Sportkurse gestrichen werden. Und wenn es darum geht, dass die Trainer in den Tausenden von Schweizer Sportvereinen jenen attraktiven Sport machen können, weil sie die Möglichkeit dazu haben. Die Frage, wie wir diese Verbindlichkeit schaffen, wird mir in der aktuellen Schweizer Sportförderung zu wenig beantwortet.

Remund: Verbindlichkeit holt man dort ab, wo man Partner hat. Bei den Sportanlagen sind das in den meisten Fällen die Gemeinden. Sie sind gleichzeitig die grössten Sportförderer der Schweiz. Sie geben dafür 1,3 Milliarden Franken jährlich aus. Der Bund garantiert Verbindlichkeit bei der Ausbildung und bei der Subventionierung von J+S und den Sportverbänden. Wir haben in der föderalen Schweiz ein sehr komplexes System, welches das Zusammenspiel aller Partner bedingt – und funktioniert.

Fuchs: Ich habe einen Wunsch an die Sport-Schweiz. Wir brauchen eine Partnerschaft zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden, welche eine Wirkung bis zur Basis bringt. Ich hoffe, die Politik überlegt sich gut, ob das Geld, das sie für den Sport einsetzt, die Wirkung beim Kernziel von mehr Bewegungszeit auch erreicht. Und hört auf unsere Kinder. Diese würden bei ihrem Wunsch nach mehr Bewegung in Sportstätten, in Spielplätze und in tolle Trainer investieren.