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«Wir haben alles hinterfragt»: Um wieder Erfolge einfahren zu können, musste Tom Lüthi sich neu erfinden

Tom Lüthi startet in Jerez am Sonntag in den vierten GP seit seinem Abstieg aus der Moto GP- in die Moto 2-Klasse.

Tom Lüthis erstaunliches Comeback: 2018 ein Hinterherfahrer, 2019 fährt er um Sieg und Titel. Der 32-Jährige leistet Eindrückliches, ragt aus der Menge heraus und könnte durch einen Gewinn in Jerez sogar WM-Leader werden. Doch um sich zurückkämpfen zu können, musste Lüthi einiges in seinem Leben ändern.

Eigentlich sollte es den Titelanwärter Tom Lüthi, 32, gar nicht geben. Noch nie seit der Einführung der Moto2-WM (2010) hatte ein Absteiger aus der Königsklasse Moto GP in der zweithöchsten Klasse ein Erfolgserlebnis.

Der Abstieg aus dem Töff-Himmel Moto GP ist halt ein Karriere-Knick. Dass es ganz oben, dort wo die echten Kerle fahren, nicht reicht. Selbst der Spanier Tony Elias, 2010 erster Moto 2-Weltmeister, scheiterte bei zwei Comeback-Versuchen kläglich.

Der Brite Sam Lowes müht sich in der zweiten Moto 2-Saison seit einem missglückten Moto GP-Abenteuer ab. Vergangene Saison hatte es bloss für den 16. WM-Schlussrang gereicht.

Nach wie vor einer der populärsten Sportler

Tom Lüthi ist die grosse Ausnahme. Er hat soeben als Rückkehrer das letzte Rennen (GP Texas) gewonnen und liegt in der Gesamtwertung nur fünf Punkte hinter Lorenzo Baldassarri, 22, zurück. Gewinnt Lüthi am Sonntag in Jerez zum zweiten Mal in dieser Saison, ist er WM-Leader. Die Aussichten sind gut. Nach dem ersten Trainingstag liegt er dem 4. Platz.

Ein erstaunliches Comeback mit 32 Jahren. Tom Lüthi sagt: «Rennsport ist Kopfsache und keine Frage des Alters. Wenn die Motivation stimmt, spielt das Alter keine Rolle.» Motivation ist das Schlüsselwort.

In Spanien oder Italien kommt ein gescheitertes Moto GP-Abenteuer einem Karriereende gleich. Nicht aber in der Schweiz. Tom Lüthi gehört in unserem Land nach wie vor zu den populärsten Einzelsportlern. Wenn er gewinnt, fragt niemand nach der WM-Klasse. Die Motivation hängt nicht von der WM-Kategorie ab.

Erfolgreiche Neuerfindung

Tom Lüthis erfolgreiches Comeback nach schmählichem Scheitern (vergangene Saison kein Moto GP-WM-Punkt) ist noch erstaunlicher als sein Titelgewinn 2005 in der 125-ccm-Klasse. Der Emmentaler musste in der Winterpause nicht nur eine herbe Enttäuschung überwinden.

Er hat sich sozusagen neu erfunden. Sein Manager und Freund Daniel Epp fasst es in einem Satz zusammen: «Wir haben alles hinterfragt.» Das Training in der Winterpause ist mit mehr Kilometern im Töffsattel (Cross und Strasse) optimiert worden. Das professionelle Umfeld nun noch breiter abgestützt, die Zusammenarbeit mit einen Mental-Trainer und einem Riding-Coach («Fahrlehrer») intensiver.

Das richtige Team erwischt

Bei der Rückkehr in die Moto 2-WM durfte nichts mehr schiefgehen. Hätte er – wie vergangene Saison – das falsche Team erwischt, dann wäre seine Karriere auf dem Spiel gestanden. Er hatte das Glück, dass er sein Moto 2-Team auswählen konnte.

Ein Siegfahrer, der 2016 und 2017 die Moto 2-WM auf dem zweiten Platz beendet hat und immense Erfahrungin ein Team einbringt, ist nicht oft auf dem Markt. Daran änderte auch die missglückte Moto GP-Saison nichts.

«Das Interesse war gross. Ich glaube, es waren insgesamt etwa zehn Offerten.» Das Dynavolt-Intact-Team sei von Anfang an ganz oben auf seiner Liste gestanden. «Ich habe über die Jahre gesehen, wie sich dieses Team entwickelt hat und wie gearbeitet wird.»

Ein Titel mit deutscher Stützenhilfe

Vergangene Saison war das falsche Team eine der Ursachen des Scheiterns, jetzt ist das richtige Team einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg. Mit Marcel Schrötter, 29, hat Tom Lüthi einen schnellen Teamkollegen, der doch kein echter Konkurrent ist: Der hochtalentierte, freundliche, aber mental zerbrechliche Deutsche war bisher in den Rennen im Direktvergleich chancenlos.

Aber er ist gut genug, um in der Schlussphase der WM im Falle eines Falles Tom Lüthi den Rücken freizuhalten. Das Traumszenario: ein WM-Titel mit deutscher Hilfe. Warum nicht?

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