Wimbledon
Roger Federer umweht der kalte Hauch der Endlichkeit – weshalb wieder jedes seiner Wörter auf die Goldwaage gelegt wird

Rekordsieger Roger Federer spielt in Wimbledon gegen die Geister der Vergangenheit und hofft auf einen grossen Sieg. Darüber, ob er dazu noch einmal in der Lage ist, gehen die Meinungen weit auseinander.

Simon Häring
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Roger Federer träumt in Wimbledon vom neunten Triumph.

Roger Federer träumt in Wimbledon vom neunten Triumph.

Nic Bothma / EPA

Es war nur ein Wortfetzen, die Qualität der Tonübertragung aus dem Hotelzimmer in den Auktionssaal von Christie’s, wo am Donnerstag Gegenstände aus der privaten Sammlung von Roger Federer für 1,3 Millionen versteigert wurden, war nicht besonders gut. Aber sie war immerhin gut genug, um jenen, die beunruhigt sind, eine ruhige Nacht zu bescheren. Die Aufforderung des Auktionators, Federer solle noch lange weiterspielen, erwiderte dieser mit den Worten: «Ich werde es versuchen.»

Versuchen. Unter diesem Motto steht auch die Rückkehr nach seinen zwei Operationen am Knie und anderthalb Jahren Pause, im Sommer, in dem Federer seinen 40. Geburtstag feiert. Er will noch einmal das Rad der Zeit aufhalten, vielleicht noch einmal einen grossen Titel gewinnen, am liebsten in Wimbledon, beim Turnier, bei dem er 2003 als erster Schweizer Mann einen Grand-Slam-Titel im Einzel gewann. Dort, wo er mit acht Triumphen (2003 bis 2007, 2009, 2012 und 2017) Rekordsieger ist.

Alarmierende Signale bei Wimbledon-Hauptprobe

Darüber, ob das realistisch ist, gehen die Meinungen weit auseinander. Die Optimisten verweisen auf den Umstand, dass Federer 2019 im Final 14 Punkte mehr als Novak Djokovic gewinnen konnte, und ihm zwei Mal nur ein Punkt zum Titel gefehlt hätten. Die Pessimisten erinnern an das, was seither geschehen ist. Zuletzt in Halle hinterliess der Baselbieter nicht den Eindruck, als könne er um den Titel mitspielen. Bei seiner Achtelfinal-Niederlage liess er fast alles vermissen, was ihn früher ausgemacht hatte: die Präzision, die Leichtfüssigkeit, die innere Ruhe und die Überzeugung.

Bei seiner Achtelfinal-Niederlage in Halle zeigte sich Federer nicht nur frustriert über seine Leistung, sondern auch über seine Einstellung.

Bei seiner Achtelfinal-Niederlage in Halle zeigte sich Federer nicht nur frustriert über seine Leistung, sondern auch über seine Einstellung.

Friso Gentsch / dpa

Besonders alarmierend war aber die Einstellung, die er dabei an den Tag legte, und die er danach selber monierte. Federer liess den Kopf hängen, er wirkte frustriert, resigniert, und vor allem ratlos. Und damit nicht wie einer, der von dem überzeugt ist, was er tut. Kurz: Er gab nicht das Bild ab, das er von sich erwartet. Federer sagte: «Das kann ich nicht akzeptieren.» Federer tat etwas, das er nie tut: Er ging auf Tauchstation. Als er wieder auftauchte, liess er einen ungewohnt tiefen Einblick in sein Innenleben zu, als er sagte: «Ich wollte keine dummen Entscheidungen treffen.»

Viele sahen darin ein Indiz, dass Roger Federer sich in diesem Moment die grundsätzlichste aller Fragen gestellt hat: Schaffe ich es noch einmal dorthin, wo ich mich sehe? Und: Höre ich auf, wenn ich zur Erkenntnis gelange, dass es nicht mehr reicht?

Die Familie kann Roger Federer für einmal nicht nach London begleiten.

Die Familie kann Roger Federer für einmal nicht nach London begleiten.

Alpha Press / MAXPPP

Schon früh hat Federer alles auf die Karte Wimbledon gesetzt, verwies bei Rückschlägen darauf, dass seine Saison erst dann beginne, wenn auf dem von ihm bevorzugten Rasen gespielt werde. Dass er bei den French Open vor den Achtelfinals ausgestiegen war, wurde kontrovers diskutiert, doch es war typisch für Federer: konsequent und pragmatisch. Er nahm damit auch in Kauf, dass die Erwartungen in Wimbledon wachsen würden.

In Halle sagte er: «Meine Ambitionen dort sind immer hoch. Sonst würde ich nicht spielen.» in die Höhe hat schnellen lassen. Im März sagte er: «Ich werde einen letzten Versuch wagen, um zu sehen, was noch im Tank ist.» Nach seinen letzten Auftritten ist allerdings nur schwer vorstellbar, dass es genug sein wird, um in Wimbledon um den Turniersieg mitzuspielen.

Seinen letzten Wimbledon-Sieg feierte Federer 2017.

Seinen letzten Wimbledon-Sieg feierte Federer 2017.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Roger Federer spürt die Last der Ungewissheit, und zum ersten Mal auch, dass ihm die Zeit davonrennt. In Wimbledon umwehen seine Spiele mehr denn je der kalte Hauch der Endgültigkeit, der auch er sich nicht entziehen kann. Wie sein Programm nach Wimbledon aussieht, ist nicht bekannt, was das Narrativ füttert, dass Federer schon dort zurücktreten könnte. Viel wahrscheinlicher ist aber: Er weiss es selber nicht.

Und so wird auch künftig jedes seiner Wörter auf die Goldwaage gelegt.

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