Tour de France
Wenn die Fans am Streckenrand zur Gefahr für die Fahrer werden

Es ist eine Krux: Einerseits sind die frenetischen Fans am Rande der Strecken der Tour de France eine enorme Bereicherung, andererseits können sie aber auch zur Gefahr für die Fahrer werden. Besonders auch an der Alpe d'Huez am Samstag.

Martin Probst
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Richie Porte, Nairo Quintana, Chris Froome und Vincenzo Nibali (v.l.) klettern während der 17. Etappe einen Berg hinauf
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Tour-Leader Chris Froome (mit gelbem Helm) hat es nicht einfach: Immer wieder wird er von mitrennenden Fans gestört
Vincenzo Nibali wird während eines Aufstiegs der 16. Etappe angefeuert
Die Fans an der Tour de France

Richie Porte, Nairo Quintana, Chris Froome und Vincenzo Nibali (v.l.) klettern während der 17. Etappe einen Berg hinauf

Keystone

Der Grat ist schmal. Zwischen Ekstase und Wahnsinn liegt wenig, wenn die Radsportfans ihre Helden am Strassenrand anfeuern. Genau dies ist das Problem: «Als Veranstalter wünscht man sich viele Zuschauer. Man möchte frenetische Fans, die nicht nur dastehen und still zuschauen. Gleichzeitig hofft man, dass sich die Fans vernünftig verhalten und niemanden gefährden», sagt Olivier Senn, der Generaldirektor der Tour de Suisse.

Es bleibt beim Wunsch. Denn immer wieder kommt es zu Zwischenfällen. «Wenn ich gewisse Bilder von der Tour de France sehe, dann wird es mir als Veranstalter fast schlecht», sagt Senn. Er meint Szenen, in denen die Zuschauer mitrennen oder die Strasse überqueren, obwohl die Fahrer heranrauschen. Es sind Bilder, die es manchmal auch an der Tour de Suisse zu sehen gibt. «Wir haben aber das Glück, dass die Fans in der Schweizer in der Regel vernünftig sind», sagt Senn.

Anders in Frankreich. «Die Fans sind ausser Kontrolle. Sie sind wie ein Fussball-Mob, durch den wir jeden Tag durchfahren müssen», sagte Dave Brailsford, der Teamchef von Tourleader Chris Froome, dem TV-Sender «Sky». Gegipfelt hat es darin, dass Froome von einem Zuschauer mit einem Urinbecher beworfen wurde.

Ein Minimum an Respekt

Der Radsport-Fan als Hooligan? Jean-Claude Leclercq, ehemaliger Profi und heute als Eurosport-Experte an der Tour der France dabei, verneint. «Extremer ist es in meinen Augen nicht geworden. Die Chaoten kann man aus der riesigen Masse nicht rausfiltrieren. Das war schon immer so», sagt er. Beispiele für bewusste und böswillige Angriffe auf die Stars habe es in der Geschichte der Tour schon immer gegeben.

Auch Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme sagte französischen Medien: «Dass die Leader nicht geliebt werden, ist kein neues Phänomen. So erging es schon Eddy Merckx. Ein Minimum an Respekt muss trotzdem vorhanden sein. Das Verhalten einiger Zuschauer ist nicht tolerierbar.»

Es sind aber nicht nur diese gezielten Attacken, die zum Problem werden. Ebenso gefährlich und weitaus häufiger sind Situationen, in denen sich die Zuschauer vergessen. Immer wenn die TV-Kameras kommen, werden die Fans – zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung – selbst zum Star.

«Die Selbstinszenierung hat stark zugenommen, gerade mit den sozialen Medien. Die Fans versuchen, die eigenen fünf Minuten Ruhm zu erhalten», sagt Sven Montgomery, ehemaliger Radprofi und heutiger SRF-Experte. Das bestätigt auch Leclercq: «Wenn man die Rennfahrer gefährdet, nur weil man sich selbst im Fernsehen sehen will, ist das schwachsinnig.»

Doch was tun? Möglichkeiten gibt es wenig. Die ganze Strecke mit Gittern abzusperren ist logistisch unmöglich und im Grunde auch nicht gewünscht. «Es ist ein Anlass, der keine Barrieren zwischen Zuschauern und Sportlern kennt. Die Zuschauer spüren den Sport hautnah, hören den Atem der Fahrer und riechen vielleicht sogar deren Schweiss», erklärt Leclercq die Faszination, die erhalten bleiben soll. Mit Restriktionen würde man den grossen Teil der sich korrekt verhaltenen Fans bestrafen. Das wollen die Veranstalter nicht.

Aufruf per Videobotschaft

Trotzdem haben die Fahrer auf die Gefahren reagiert. In einer Videobotschaft rufen sie die Zuschauer dazu auf, sich respektvoll zu verhalten. Für Leclercq ist das der richtige Weg: «Man muss an die Vernunft der Zuschauer appellieren. Jeder ist für sich, seine Kinder und den Hund verantwortlich.» Olivier Senn ergänzt: «Den Zuschauern muss klar sein, dass es eine Sport- und keine Showveranstaltung ist, wo sich jeder in Szene setzen kann, wie er will.»

Heute wird der Grat zwischen Euphorie und Wahnsinn besonders schmal. Die zweitletzte Etappe der Tour de France führt hinauf zur Alpe d’Huez. 21 Kehren, ein Anstieg ebenso so brutal wie berühmt. Wenn sich die Besten ein letztes Mal um den Toursieg duellieren, sind die Gassen durch die Massen eng. «In der Regel geht der Korridor rechtzeitig auf», sagt Montgomery, der die positive Rolle der Zuschauer herausheben will: «Wenn die Fans klatschen und deinen Namen rufen, pusht dies extrem.» Er hat es als Profi selbst erlebt auf dem Weg hinauf zur Alpe d’Huez.