Weltmeister Rohan Dennis kommt in Ulrichen nicht ins Rollen

Egan Bernal ist der Sieg an der 83. Tour de Suisse so gut wie sicher. Im Zeitfahren im Obergoms verliert der Kolumbianer bloss 19 Sekunden auf den Weltmeister und Herausforderer Rohan Dennis.

Daniel Good, Ulrichen
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Die Kräfte schwinden: Rohan Dennis lässt in Ulrichen zu viel Zeit liegen. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Ulrichen, 22. Juni 2019)

Die Kräfte schwinden: Rohan Dennis lässt in Ulrichen zu viel Zeit liegen. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Ulrichen, 22. Juni 2019)

Man rechnete allgemein mit einem Leaderwechsel. Auch der Leader Egan Bernal selber. «Ich hatte es mit dem Besten der Welt zu tun. Deshalb dachte ich am Morgen vor dem Zeitfahren, dass ich den ersten Platz im Gesamtklassement verlieren würde», sagte der Kolumbianer.

Rohan Dennis schien im Vorfeld der Etappe übermächtig. Der Australier ist Weltmeister und gewann eine Woche zuvor die erste Prüfung gegen die Uhr. In Langnau nahm er Bernal auf knapp zehn Kilometern 27 Sekunden ab.

Aber in Ulrichen hielt Bernal vehement dagegen. Selbst ein Ausrutscher, der leicht zu einem Sturz hätte führen können, hielt den 22-Jährigen nicht auf. Auf dem knapp 20 Kilometer langen Parcours verteidigte der Kolumbianer etwa die Hälfte seines Vorsprungs. Er nimmt die Königsetappe am Sonntag über die Pässe Nufenen, Gotthard und Furka mit 22 Sekunden Vorsprung auf Dennis in Angriff. «Natürlich habe ich nun gute Karten. Es kann jedoch immer etwas passieren. Zuversichtlich stimmt mich, dass ich eine starke Mannschaft zur Seite habe», sagte Bernal. Für Bernal spricht insbesondere, dass er der beste Bergfahrer an der 83. Tour de Suisse ist.

Die Schweizer Landesrundfahrt geht am Sonntag in Ulrichen zu Ende. Nach 2016, als Miguel Angel Lopez gewann, dürfte wieder ein Kolumbianer die Tour für sich entscheiden. Bernal fährt im Team der Tour-de-France-Gewinner Chris Froome und Geraint Thomas. Er hat gute Aussichten, dereinst als erster Kolumbianer im wichtigsten Radrennen zu triumphieren.

Patrick Schelling weiter bester Schweizer

Für die Schweizer ging es fast nur noch um die Ehre. Im Gesamtklassement hält einer die Fahne der Einheimischen hoch, der sonst für ein drittklassiges Team fährt. Patrick Schelling darf dank einer Ausnahmeregelung mit einer Schweizer Nationalmannschaft an der Tour de Suisse teilnehmen. Gestern gab der Toggenburger Kletterer auch im Zeitfahren keine schlechte Figur ab und ist nun Gesamtelfter. Er wird sich am Ende wohl sogar unter die ersten zehn verbessern.

Ein ordentliches Zeitfahren lieferte als 16. auch Claudio Imhof ab, obwohl er wegen einer geschlossenen Barriere fast den Start verpasst hatte. Imhof trat im Trikot des besten Bergfahrers an. Weil Bernal, der auch diese Spezialwertung anführt, das Zeitfahren natürlich im Gelb des Leaders bestritt.

Tagessieger wurde überraschend der Belgier Yves Lampaert. Dennis belegte in der Tageswertung den sechsten Platz unmittelbar vor Stefan Küng, dem besten Schweizer. Bernal legte mit dem elften Platz den Grundstein zum Tour-Sieg. Das ist gut für ihn, aber schlecht für die Spannung an diesem Tag.

Stefan Küng muss über die Bücher

Die Hoffnungen waren gross, das Ergebnis wieder mager. Stefan Küng kam in Ulrichen auch im zweiten Zeitfahren der 83. Tour de Suisse nicht auf Touren. Auf einem Parcours mit langen geraden Abschnitten, der eigentlich auf ihn zugeschnitten gewesen wäre, büsste er 20 Sekunden ein und belegte nur den siebten Platz. «Es fehlte der letzte Zacken. Ich merkte schon früh, dass ich kämpfen muss. Das ist kein gutes Zeichen», so der 25-jährige Thurgauer. «Woran es lag, kann ich jetzt nicht sagen. An der Abstimmung sicher nicht. Das erste Zeitfahren in dieser Saison habe ich ja gewonnen.» Er sei eigentlich in Form, sagte Küng, habe gut mitgehalten in dieser Tour de Suisse. «Auch bergauf», wie er findet. Am Ende des Zeitfahrens war Küng ratlos. «So ist eben der Sport. Ich muss nun über die Bücher. Wahrscheinlich muss ich gelassener werden. Aber ich bin sicher, dass es wieder aufwärts geht.» Schon im ersten Zeitfahren vor einer Woche in Langnau kam Küng – als Favorit gestartet – nicht über den neunten Rang hinaus. Damit bleiben die Schweizer 2019 wohl ohne Etappensieg. Küng war der letzte Hoffnungsträger. Er war es auch, der vor einem Jahr die Schweizer Ehre mit dem ersten Platz im Zeitfahren von Bellinzona rettete. In der heutigen Königsetappe, die nur über gut 100 Kilometer führt, aber mit drei Pässen durchsetzt ist, werden erneut Rennfahrer aus anderen Ländern den Ton angeben. (dg)

8. Etappe, Einzelzeitfahren in Ulrichen (19,2 km): 1. Lampaert (BEL) 21:58 (52,443 km/h). 2. Asgreen (DEN) 0:05 zurück. 3. Andersen (DEN) 0:10. 4. Scully (NZL) 0:13. 5. Bevin (NZL), gleiche Zeit. 6. Dennis (AUS) 0:19. 7. Küng (SUI) 0:20. 8. Benjamin Thomas (FRA) 0:32. 9. Arndt (GER) 0:34. 10. Trentin (ITA) 0:36. 11. Bernal (COL) 0:38. – Ferner: 16. Imhof (SUI) 0:49. 26. Bohli (SUI) 1:04. 28. Spilak (SLO) 1:05. 30. Konrad (AUT) 1:11. 33. Benoot (BEL) 1:13. 34. Mas (ESP) 1:14. 35. Hirt (CZE) 1:14. 36. Hollenstein (SUI) 1:15. 40. Hirschi (SUI) 1:18. 44. Schelling (SUI) 1:24. 45. Mäder (SUI), gleiche Zeit. 58. Friesecke (SUI) 1:35. 66. Frankiny (SUI) 1:42. 78. Thalmann (SUI) 1:54. 84. Schär (SUI) 2:00. 92. Sagan (SVK) 2:06. 93. Morabito (SUI) 2:07. 103. Pellaud (SUI) 2:22. 106. Albasini (SUI) 2:27. 120. Frank (SUI) 2:50. 123. Lienhard (SUI) 2:53. 133. Badilatti (SUI). – 136 gestartet, 136 klassiert. – Nicht gestartet: u.a. Kristoff (NOR). Gesamtklassement: 1. Bernal 24:40:24. 2. Dennis 0:22. 3. Konrad 1:46. 4. Benoot 1:54. 5. Hirt 1:55. 6. Mas 2:43. 7. Spilak 2:53. 8. Pozzovivo 2:56. 9. Betancur (COL) 3:17. 10. Roche (IRL), gleiche Zeit. – Ferner die Schweizer: 11. Schelling 3:28. 17. Frankiny 4:55. 27. Morabito 10:15. 30. Frank 11:16. 38. Mäder 17:03. 40. Thalmann 18:29. 44. Pellaud 20:37. 48. Hirschi 21:42. 49. Badilatti 22:08. 56. Schär 24:01. 64. Küng 29:00. 70. Albasini 32:35.