Achtung, Verwechslungsgefahr! Wären die Brille weniger Hipster-mässig und die Haare weniger blond, hätte man denken können, man hätte Mirjam Ott vor sich am TV. Doch es war Alina Pätz, die nach dem gewonnenen Playoffspiel fast gelangweilt und mit gleichmässiger Stimme ins Mikrofon sprach. Die Coolness und der Fokus ist ein Gesicht der 25-jährigen Limmattalerin. Das neckische Grinsen, das während des Interviews ihre Lippen umspielte, verriet das zweite. 

Thomas Lips, Coach des Weltmeisterteams von 2012, als Pätz Ersatzspielerin war, hat sie während des Turniers in Japan beobachtet: Er begleitete das deutsche Team in seiner aktuellen Funktion als Bundestrainer. «Als sie merkte, dass sie um Medaillen spielen, war es ihr irgendwie peinlich», hat er festgestellt, «sie ist eine sehr bescheidene Person.»

Selbstsicherheit auf dem Eis

Was ihre Einstellung zum Sport anbelangt, hält sich die Bescheidenheit in Grenzen. Als sich das Team 2013 formierte, sammelte es auf den Input von Pätz hin auf einer Crowdfunding-Plattform, um die kostspielige Saison mitzufinanzieren und um die Grundlage für die grossen Ziele zu schaffen: «Unser Fernziel sind die Olympischen Spiele 2018. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir die Nummer 1 im Schweizer Frauencurling werden.» 7500 Franken waren das Ziel, 9140 Franken kamen zusammen. Zwei Jahre später ist das Team Weltmeister.

Highlights des Curling-WM-Finals 2015 zwischen der Schweiz und Kanada

Highlights des Curling-WM-Finals 2015 zwischen der Schweiz und Kanada

Dafür hat Pätz auch neben dem Rink die Voraussetzungen geschaffen. Die gelernte Bankkauffrau mit Hochschulabschluss befindet sich im zweiten Semester des Master-Studiums Spitzensport in Magglingen. Im Sommer wird sie voraussichtlich in die Spitzensport-RS einrücken. Und auch im Liebesleben ist der Sport ein Thema: Sie ist mit Sven Michel liiert, dem Europameister-Skip des Teams Adelboden von 2013.

Pätz als Stimmungskanone

Nicole Dünki trat nach dem ersten Jahr des Teams aus beruflichen Gründen aus der Equipe zurück. Sie spielte zuvor schon für die Grasshoppers und Basel im gleichen Team wie Alina Pätz, als jene noch nicht Skip war. Sie hat die Urdorferin als «einen absoluten Teamplayer» kennen gelernt, die «nicht unbedingt Skip sein muss, sie will einfach das Beste für das Team.» Dünki hebt auch die private Seite ihrer ehemaligen Mitspielerin hervor. Nach ihren Äusserungen kommt man zum Schluss: Die Urdorferin ist eine Stimmungskanone.

Tanja Schärer kann das bestätigen. Die Skiakrobatin hat einst die Parallelklasse von Pätz besucht, sie sind Nachbarn auf Sichtweite. Sie streicht die positive und fröhliche Art ihrer Freundin heraus, die sie während des WM-Finals wiedererkannt habe. «Mit Alina hat man immer was zu lachen.» Schärer hofft, dass sie sich – wie schon letztes Jahr – 2018 als Athleten an den nächsten Olympischen Spielen begegnen werden.

Männter-Nationalcoach Schwaller: «Alina setzt voll auf das Curling»

Der Curling-Nationalcoach Andreas Schwaller aus Oberengstringen ist im Berufsleben Coach für Führungskräfte. Pätz’ Leistung hat auch ihn fasziniert, doch sie kommt nicht von ungefähr. «Ich habe sie vor vier Jahren das erste Mal gesehen. Damals war sie eine noch jüngere Frau, doch sie hatte schon da eine Menge Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.» Thomas Lips beschreibt das folgendermassen: «Alina spielt enorm selbstsicher, aber niemals hochnäsig-arrogant. Sie lässt einfach keinen Zweifel an ihrer Entscheidung offen.» Diese Selbstsicherheit lässt sie Ruhe ausstrahlen. Schwaller sagt: «Sie ist immer easy going. Als Spielerin äussert sich das in ihrer Lockerheit gegenüber taktischen Entscheidungen. In unserem Sport gibt es so viele Möglichkeiten, sich zu hintersinnen. Das gibt es bei Alina nicht. Sie verlässt sich auf ihr Bauchgefühl.»

Schwaller ist gegenwärtig mit dem Männerteam an der WM in Halifax, das unter anderen auf die Italiener trifft. Deren Nationaltrainer ist Claudio Pescia, Mitglied im CC Limmattal wie auch Alina Pätz. Auch er streicht ihre lockere Art heraus, die sie trotz der im Leistungssport gebotenen Seriosität an den Tag legt. «Alina setzt voll auf das Curling, sie trainiert sehr viel. Trotzdem spielt sie immer mit Spass und hat die Gelassenheit, Fehler zu akzeptieren. Das ist im Curling sehr selten geworden.»

Nun ist Pätz' Bruder Claudio der Fan

Selbst am Empfang am Flughafen in Kloten wirkte Pätz cool, wenngleich da auch die Müdigkeit aus ihrem Gesicht sprach. Natürlich war auch ihr Bruder Claudio da, auch er ist Spitzencurler. Mit Adelboden wurde er vor zwei Jahren Europameister, mit Genf WM-Bronzemedaillen-Gewinner als Ersatzspieler (2014). Er habe «nie gedacht», dass er beim Anschauen des Finals von Alina so nervös werden würde. Seine Schwester habe er während des Turniers stets wiedererkannt. «Natürlich ist man zu Hause anders, aber als Spielerin war sie so wie immer.» Für ihren aggressiven und kompromisslosen Spielstil hat er eine interessante Erklärung: «Sie hat – auch wegen mir – eine Menge Männercurling geschaut, wo anders gespielt wird.»

Dank ihres Weltmeistertitels hat Alina Pätz ihren Bruder «überholt». Für Claudio ist das kein Problem: «Früher war sie Fan von mir, jetzt bin ich Fan von ihr», sagt er lachend. Dass Claudio Pätz in der geschwisterlichen Hierarchie nur die Nummer 2 ist, ist überdies nichts Neues: Schon im Golf hat seine Schwester ihn einst ausgestochen. Mit ihrem bewährten Erfolgsrezept aus Lockerheit und einem Ehrgeiz, für den nur das Beste gut genug ist. Ob in der Welt, oder daheim.