Höchstetten
«Was viele heute vermissen, finden sie hier»

Auch 14 Tage nach dem Eidgenössischen Hornusserfest in Höchstetten schwärmt OK-Präsident Hans Rudolf Kummer immer noch von diesem Anlass, der seiner Meinung nach neue Massstäbe für das Nationalspiel gesetzt hat. «Das war das Grösste, was ich als Hornusser je erlebt habe», hält er fest.

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Hornussen

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Berner Rundschau

Walter Ryser

Hans Rudolf Kummer, 14 Tage sind seit dem Eidgenössischen Hornusserfest in Höchstetten vergangen. Was bleibt in den Erinnerungen zurück?
Hans Rudolf Kummer (OK-Präsident): Unser Ziel war es von Anfang an, ein Fest für die Hornusser zu veranstalten und nicht, um möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Wir wollten einen Anlass bieten, der die Teilnehmer vollumfänglich zufrieden stellt. Ich gebe ihnen dazu ein Beispiel: Wir wollten, dass alle Hornusser im Festzelt einen Sitzplatz vorfinden. Das war bei früheren «Eidgenössischen» oft nicht der Fall. Dieses Vorhaben ist uns gelungen. Es ist zwar ein kleines Detail, aber vielleicht ein entscheidendes, damit ein solches Fest bei den Hornussern gut ankommt.

Dann hat das OK bei der Infrastruktur bewusst grössere Ausgaben in Kauf genommen?
Kummer: Schauen Sie, die Infrastruktur für die Teilnehmer muss einfach optimal sein, schliesslich bezahlen sie diese mit dem Festkartenpreis. Also haben wir dafür zu sorgen, dass diese den Erwartungen der Teilnehmer entspricht. Es darf nicht sein, dass hier aus Gründen der Gewinnmaximierung Abstriche gemacht werden.

Für Höchstetten war es ein Jahrhundert-Fest. Wie war es überhaupt möglich, dass eine so kleine Gemeinde (260 Einwohner) einen solchen Grossanlass auf die Beine stellen konnte?
Kummer: Die gesamte Bevölkerung stand geschlossen hinter diesem Anlass. Viele haben mitgeholfen, ohne dass sie von uns dazu aufgefordert wurden. Als Gemeindepräsident bin ich stolz auf dieses gemeinsame «Werk». Tagtäglich fahren rund 8000 Autos durch unser Dorf, aber nur wenige Fahrer wissen, wo Höchstetten liegt. Die Hornusser haben dies nun geändert. Jetzt weiss man in vielen Landesteilen, wo Höchstetten liegt.

Auch für Sie persönlich und ihre OK-Kollegen war es sicher ein Jahrhundert-Ereignis?
Kummer: Ja, das stimmt. Für mich war es das Grösste, was ich als Hornusser je erlebt habe. Dabei habe ich sogar noch viel gelernt, vor allem in den Bereichen Marketing und Medien. Hier wurde erstklassige Arbeit verrichtet.

Höhepunkt des Festes war zweifellos der erstmalige Königsstich der besten Hornusser. Mit über 4000 Zuschauern hat das Nationalspiel in ungewohnter Weise die Massen angelockt und begeistert. Entwickelt Hornussen im 21. Jahrhundert noch zum grossen Publikums-Magneten?
Kummer: Unser Spiel wird nie eine solche Popularität erlangen wie beispielsweise das Schwingen. Aber der Zuschauer-Aufmarsch beim Königsstich hat doch gezeigt, dass Hornussen ein Leistungssport geworden ist, der eine breite Masse faszinieren kann. Dafür braucht es von uns aber immer wieder grosse Anstrengungen. Die vier Teilnehmer des Königsstichs boten an diesem Tag erstklassige Leistungen und machten damit beste Werbung für unseren Sport.

Marco Roos hat wie erwartet den ersten Königsstich dominiert. Ist seine grosse Überlegenheit Segen oder Fluch für das Hornussen?
Kummer: Er ist für uns ganz klar ein Segen. Marco Roos ist der Inbegriff des heutigen Hornussers. Er ist unbestritten der Beste und damit ein erstklassiger Botschafter für unseren Sport. Marco Roos ist quasi der Roger Federer der Hornusser.

Während die Top-Sportarten Fussball und Eishockey wegen Ausschreitungen immer wieder für Aufsehen sorgen, haben die Hornusser an beiden Festwochenenden für keine negativen Schlagzeilen gesorgt. Haben Sie höchst persönlich den Warnfinger erhoben?
Kummer: Nein, das ist bei den Hornussern gar nicht nötig. Das sind alles Naturburschen (lacht). Nein, im Ernst: Wenn einer nur einigermassen die Kinderstube korrekt durchlaufen hat, weiss er, wie er sich an einem solchen Grossanlass zu verhalten hat. Wer dies nicht weiss, wird von den andern zurecht gewiesen.

Zur Person

Der 56-jährige Hans Rudolf Kummer, den Hornussern auch als «Jumbo» bekannt, ist in Höchstetten eine feste Grösse. «Es gibt kaum ein Amt, das ich in dieser Gemeinde nicht schon bekleidet habe», sagt der Betriebsleiter der Kummer Kabinenbau AG in Kirchberg. OK-Präsident des Eidg. Hornusserfest, Gemeindepräsident und Präsident der Hornussergesellschaft sind die aktuellen Ämter des verheirateten, zweifachen Familienvaters. (war)

Ist es wirklich so einfach?
Kummer: Fairness ist bei uns nicht bloss ein Wort, sondern eine Einstellung. Wer beim Hornussen nicht verlieren kann, hat in diesem Sport nichts verloren. Ich will die Fussballer nicht schlecht machen, aber hier beginnt das Problem doch bereits vor den Spielen, in der Garderobe, wenn der Trainer seinen Verteidiger anweist, den besten gegnerischen Stürmer gleich beim ersten Mal so zünftig von den Beinen zu holen. Nun soll mir noch einer sagen, wo denn hier noch der Fairnessgedanke bleibt. Das sind doch bloss Worthülsen. Bei uns gibt es weder Tumulte noch Ausschreitungen.

Ein Eidgenössisches Hornusserfest bietet dem Nationalspiel ein einmaliges Schaufenster. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe, dass sich diese Sportart, die absolut nicht dem Trend entspricht, auch im 21. Jahrhundert behaupten kann (auch bei den Jungen)?
Kummer: Wir betreiben eine Sportart, die für alle erschwinglich ist. Jeder kann sein Training absolvieren, wenn er Zeit hat. Aber wohl entscheidend ist, der grosse Zusammenhalt unter den Hornussern, der weit über das Ries hinaus geht. Dieser ist einmalig. Die Hornusser organisieren sämtliche Feste selber, während in andern Sportarten Verbände oder sportart-fremde Vereine dafür aufkommen. Wir benötigen lediglich ein Stück Land, für den Rest sind wir selber besorgt. Daraus entsteht dann ein Selbstläufer. Bei den Hornussern finden sie ein klassisches Gegenstück zur heutigen Entwicklung in unserer Gesellschaft und wir stellen immer wieder fest, dass gerade dieses ungeheure Gefühl der Zusammengehörigkeit viele Leute anzieht und ihnen etwas vermittelt, das sie in ihrem Leben schmerzlich vermissen.

Welche Tipps können Sie dem nächsten OK, 2012 in Lyss, mitgeben, damit auch dieses Eidgenössische Fest reibungslos durchgeführt werden kann?
Kummer: Das Wichtigste ist, dass es gelingt, die vielen Helfer für den Anlass zu begeistern. Man muss zu ihnen Sorge tragen, sie vor und während des Festes begleiten und «pflegen». Das geht von der Verpflegung, über das Einkleiden bis hin zu den Gratis-Eintritten für die Abendunterhaltungen.

Haben Sie bereits einen kleinen Überblick über das finanzielle Ergebnis des Festes?
Kummer: Nein, so weit sind wir noch nicht. Aber wir wissen, dass wir, im Vergleich zu früheren «Eidgenössischen», einen sehr guten Umsatz erzielt haben. Ich rechne damit, dass bis Ende Monat erste grobe Zahlen vorliegen werden.

Wie wird ein allfälliger Reingewinn verteilt?
Kummer: Drei Vereine neben der Hornussergesellschaft Höchstetten werden für ihren Einsatz entlöhnt. Der Rest fliesst in unsere Vereinskasse. Damit werden wir den Neubau unserer Hornusserhütte finanzieren.

In ihrer langjährigen Hornusserkarriere haben Sie alles erlebt und mitgemacht. Ist für Sie nun der Zeitpunkt gekommen, Hornussen nur noch zu geniessen, ohne ständig Hand anlegen zu müssen?
Kummer: Nein, das wird nicht so sein. Das kann ich einfach nicht. Ich kann nicht tatenlos zuschauen. Wenn etwas am «chaubere isch», dann muss ich eingreifen. Der Zeitpunkt wird kommen, wo ich kein Amt mehr versehen werde, aber im Moment fühle ich mich noch nicht so, dass ich bereits zurücklehnen müsste.

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