American Football

Verlieren NFL-Teams absichtlich für bessere Draft-Möglichkeit?

"Wer hier gewinnt, ist in Wirklichkeit der Verlierer", hiess es in der Vorschau. Die New York Giants (li. Punter Riley Dixon) siegten am Sonntag gegen die Washington Redskins (re. Linebacker Nate Orchard)

"Wer hier gewinnt, ist in Wirklichkeit der Verlierer", hiess es in der Vorschau. Die New York Giants (li. Punter Riley Dixon) siegten am Sonntag gegen die Washington Redskins (re. Linebacker Nate Orchard)

Es ist so unamerikanisch wie es nur geht: absichtlich verlieren. Genau dies passiert in der Football-Liga NFL immer wieder um die Weihnachtszeit.

So lautete eine Überschrift vor dem Kellerduell am Sonntag zwischen den Washington Redskins und den New York Giants: "Wer hier gewinnt, ist in Wirklichkeit der Verlierer."

Bereits vor dem Wochenende und der zweitletzten Runde standen sieben der zwölf Playoff-Teilnehmer fest. Viele interessiert deshalb das "Rennen", wer die letzten Plätze der Rangliste belegt, mindestens so sehr. In der NFL wird nämlich belohnt, wer möglichst oft verliert. Er darf im kommenden Draft den besten jungen Spieler aus dem College auswählen. Das ist zwar in den anderen Profisportarten ähnlich, doch in der NBA (Basketball) und NHL (Eishockey) kommt zwischen den schlechtesten Teams auch noch eine Lotterie zum Einsatz. Um zu verhindern, dass Teams absichtlich verlieren, damit sie auch sicher Letzte werden.

Die Washington Redskins verloren also am Sonntag nach Verlängerung gegen die New York Giants und dürften nun im Draft als Zweite aussuchen dürfen. Die Cincinnati Bengals verloren gegen die Miami Dolphins und stehen mit nur einem Erfolg aus fünfzehn Spielen als "Sieger" im Rennen um den ersten Pick fest.

Dieser Draft war seit seiner Einführung 1935 umstritten, später folgten aber alle anderen grossen amerikanischen Sportligen. Zuvor hatten die reichen Organisationen einfach alle viel versprechenden Spieler zusammengekauft, die Folge waren einseitige Ligen. Entsprechend war der Widerstand bei etablierten Mannschaften am grössten, sie bezeichneten den Draft als Kommunismus. Sie wurden aber von den notorischen Verlierern überstimmt, die sich bessere Chancen versprachen. In den Fünfzigerjahren gab es sogar Hearings im Kongress, die die Legalität des Draft-Systems untersuchten. Am Ende setzte es sich aber durch.

Rechnung geht selten auf

Und damit auch die Kuriosität, dass verlieren unter Umständen erstrebenswerter wurde als gewinnen. Das Problem: Die Spieler und Coaches sehen dies meistens anders als ihre Chefs. Bestes Beispiel sind in diesem Jahr die Miami Dolphins. Bereits vor dem Start waren die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Saison klein. Nach einem schlechten Start transferierte die sportliche Führung bereits nach acht Wochen ihre vier besten Spieler weg. Als Gegenleistung erhielten sie zukünftige Draft-Picks und hofften, mit dem reduzierten Kader, die Saison auf dem letzten Platz zu beenden. Die übrig gebliebenen Spieler schlugen sich allerdings besser als gedacht, holten bislang immerhin vier Siege und werden nun wohl "nur" als viert- oder fünftschlechtestes Team abschliessen.

Die Rechnung der Verlierer geht aber auch sonst selten auf. Das Recht, den vermeintlich besten Spieler aussuchen zu dürfen, bringt nämlich kaum je die grosse Wende. 1998 holten die Indianapolis Colts den mittlerweile als Legende zurückgetretenen Quarterback Peyton Manning und gewannen 2007 die Super Bowl. Seither hat keine Mannschaft mit Nummer-1-Drafts mehr die Meisterschaft geholt und nur zwei erreichten mit ihnen die Super Bowl. Bestes Negativ-Beispiel: die Cleveland Browns. Sie konnten von 1999 bis 2018 nicht weniger als vier Mal als erste wählen - und zogen nur Nieten. Ein einziges Mal schafften sie es in dieser Zeitspanne in die Playoffs.

Verlieren mag also die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft erhöhen. Glücklich macht es langfristig aber nicht. 2017 wurden neun Spieler vor Patrick Mahomes gezogen. Der Quarterback wurde aber bereits in seinem zweiten Jahr zum MVP und machte seine Kansas City Chiefs zum heissen Super-Bowl-Kandidaten. Entscheidend ist eben nicht, wer als erstes wählt, sondern wer seine Hausaufgaben macht und die richtigen Spieler aussucht.

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