Interview

Skisprung-Senior Simon Ammann vor seiner 23. Saison: «Vor einem Jahr gab's mehr Unsicherheit»

Simon Ammann zwischen Uni-, Profi- und Familienalltag.

Simon Ammann zwischen Uni-, Profi- und Familienalltag.

Der Toggenburger Skispringer, Student und Familienvater hat auch im Sommer alle Hände voll zu tun. Seiner 23. Saison sieht er zuversichtlich entgegen.

Am Morgen trainierte Simon Ammann im Kraftraum in Einsiedeln. Am Nachmittag absolvierte er eine Prüfung im Rahmen seines Betriebswirtschaftsstudiums an der Universität St. Gallen. Kurz darauf steht er für ein Treffen vor dem Unigebäude bereit. Wie zum Beweis, dass beim Toggenburger neben all den sportlichen und schulischen auch familiäre Verpflichtungen anstehen, ruft seine Frau an, um einen Termin abzusprechen. Dann kann das Gespräch losgehen mit dem 38-Jährigen, der im Mai entschied, eine weitere Saison anzuhängen – es wird sein 23. Winter als Skispringer sein.

Wie lief die Prüfung?

(zuckt mit den Schultern) Na ja, es geht so. Englisch mündlich stand an – es war die dritte und letzte Prüfung in diesem Sommer. Ich bin jetzt schon ein wenig «flach» nach all den Anstrengungen.

Sie stehen im Bachelorstudium in der Assessmentphase. Sind Sie auf Kurs?

Ich habe es kürzlich im HSG-Magazin so formuliert: Es lief bisher zu gut, um aufzuhören. Aber zu schlecht, um zufrieden zu sein. Die Herausforderung ist gross. Auf jeden Fall habe ich schon sehr vieles mitnehmen können, das ich in meinen beruflichen Projekten brauchen kann: Bei den Toggenburg Bergbahnen, bei unserer Sportmarketing-Agentur oder im Dachdeckergeschäft, das mein Bruder führt und ich mit eingebunden bin.

Und dann ist da noch Ihr Hotelprojekt. Sie haben den «Hirschen» in Alt St. Johann erworben. Ist bald Eröffnung?

Auf keinen Fall. Hier steht zunächst die Frage an, wie wir das Gebäude sanieren wollen. Sogar ein Neubau wird geprüft. Aber das hat derzeit nicht die höchste Priorität.

Gab es für Sie seit dem Saisonende so etwas wie einen Ferientag? An dem Sie nichts arbeiteten, büffelten oder trainierten?

Ja, zwei Tage lang war ich krank (lacht). Und als die Skisaison im Toggenburg verlängert wurde, ging ich mit meinem Sohn ein paar Mal Ski fahren. Das habe ich richtig genossen. Als Papi zu sehen, wie der Vierjährige Ski fahren lernt, ist grossartig.

Andere Profis konzentrieren sich ausschliesslich auf den Sport. Wie bringen Sie so vieles unter einen Hut?

Vieles ist eine Organisationsfrage. Ich bin sicher nicht einer, der sich am Abend die Zeit mit Netflix vertreibt, sondern ich versuche, die Zeit zu nutzen. Wichtig ist bei so vielen Herausforderungen auch zu akzeptieren, wenn nicht alles immer perfekt läuft.

Nebst allen Projekten läuft Ihre ­Skisprungkarriere weiter. Was gab den Ausschlag, weiterzumachen?

Da waren wie immer viele Faktoren. Wichtig war das Momentum am Saisonende. Vor der WM hatte ich eine schwierige Phase, mein Flug war zu wenig selbstverständlich. Der Sprung wurde schnell tot, oder «fussschwer», wie wir sagen. Nachdem ich lange versuchte, die Technik anzupassen, kam ich zum Schluss, dass es beim Material noch einmal eine Änderung braucht. Vor dem WM-Wettkampf auf der Normalschanze in Seefeld bauten wir während nur vier Stunden das Set-up um. Unter anderem passten wir den Karbonschuh noch einmal an. Plötzlich stabilisierte sich der Flug, was danach zu den guten Ergebnissen im Skifliegen in Norwegen und in Planica führte. Im Flug passierte wieder etwas. Dass mein Entscheid dennoch erst im Mai fiel, hatte damit zu tun, dass sich die Trainersituation klären musste.

Dem Vernehmen nach war der Finne Janne Väätäinen, zuletzt Trainer des japanischen Überfliegers Ryoyu Kobayashi, Ihr Favorit als Trainer.

Da gab es Gespräche, ja, es wäre eine spannende Sache gewesen. Aber die Zusammenarbeit mit Martin Künzle ist für mich ebenfalls eine sehr gute Lösung. Wir sind beides Toggenburger und haben lange zusammengearbeitet, verstehen uns blind.

Nicht zum ersten Mal sind Sie erst am Ende der Saison auf Touren gekommen. Man könnte daraus schliessen, dass andere Ihre Form im Sommer besser konservieren können.

Das denke ich nicht.

Das hat vielleicht mit der Routine zu tun. In den Jahren des Umbaus, dem Wechsel auf Slatnar-Ski und auf den neuen Karbonschuh, war das schwieriger als auch schon, aber es gelang. Vor einem Jahr gab es definitiv mehr Unsicherheit, was das Material angeht.

Im Gegensatz zum vergangenen Jahr werden Sie im Training wieder näher zu den anderen Schweizer Athleten rücken, Ihre eigene «Trainingsgruppe» mit Roger Kamber ist passé. Ein Nachteil für Sie?

Es machte im vergangenen Jahr Sinn, aufgrund meines Materialwechsels auf einer eigenen Schiene zu fahren. Es macht nun aber ebenso Sinn, wieder zusammenzurücken.

Fühlen Sie sich gleich fit wie in früheren Jahren?

Die Grundfitness ist da. Für mich geht es derzeit darum, an der Schnelligkeit zu arbeiten. Da muss ich natürlich schon mein eigenes Programm fahren. Hier die richtige Mischung zu finden, ist nicht immer einfach. Aber ich fühle mich fit.

Nach dem Rücktritt des Slowenen Robert Kranjec sind Sie der älteste Skispringer auf der Tour – nach dem 47-jährigen Noriaki Kasai.

Ja, das ist schon verrückt. Ich traf Noriaki kürzlich im Training. Er rief mir fröhlich zu: «Still young, still young!» (lacht)

Was unterscheidet die neue Generation von Skispringern von jener, die Sie zu Beginn Ihrer Karriere erlebt haben?

Der Inbegriff des Skispringers waren einst wortkarge Sportler wie der Pole Adam Malysz oder der Finne Janne Ahonen. In ihren Interviews gaben sie nur einsilbige Antworten. Malysz sah man am Morgen mit seiner Zipfelmütze einsame Joggingrunden drehen. Bei ihnen spielten ruhige Rituale eine grosse Rolle. Ich glaube, bei jüngeren Sportlern ist das weniger der Fall. Einige sagen den Jungen nach, sie seien faul, was aber nicht stimmt. Vielleicht sind sie weniger fokussiert, dafür offener und extrovertierter. Das zeigt sich zum Beispiel vor den Springen auf der Schanze, wo heute mehr geschwatzt wird als zu Beginn meiner Karriere. Früher waren nur die lockeren Norweger bis kurz vor dem Sprung am Plaudern.

Lesen Sie die Onlinekommentare, in denen Ihr Entscheid, weiterzumachen, diskutiert wird?

Ich stosse zuweilen darauf. Einige finden, ich hätte den Absprung verpasst. Andere freuen sich, dass ich weitermache. Ich gebe nicht viel darauf. Die Entscheidung mache ich mit mir aus, ich muss da nicht mitdiskutieren. Ich sage mir: Es ist einfach ein riesiges Privileg, in meinem Alter noch Spitzensport betreiben zu können.

In der kommenden Saison steht die Skiflug-WM an, 2021 die WM, 2022 die Olympischen Spiele in Peking. Hängen Sie weitere Saisons an?

Ganz ehrlich: Darüber mache ich mir momentan keine Gedanken.

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