Im Gehölz südlich von Oslo werden ab Mittwoch nur noch sechs Medaillensätze vergeben.

Wie in vielen anderen Sportarten grassiert auch im Orientierungslauf das Wachstum an Disziplinen. Die Athleten begrüssen dies, die Organisatoren hingegen ächzen. Sie mussten vor 2019 in der Stadt wie auch im Gelände eine identische Infrastruktur zur Verfügung stellen. Das ging ins Geld und schränkte für die Funktionäre die Wahl an Organisatoren ein. Erstmals seit der Einführung des Sprints ins WM-Programm im Jahr 2001 werden die Titelkämpfe nun gesplittet. Die Champions in den urbanen Disziplinen jagen erst wieder 2020 im Süden von Dänemark durch die Gassen. Diese Woche geht es in Norwegen mit der Lang- und Mitteldistanz sowie der Männer- und Frauenstaffel traditionell zu und her.

Im Vergleich zum Vorjahr fallen für das erfolgsverwöhnte Schweizer Team drei Chancen auf einen Medaillengewinn weg. Zehn Podestplätze wie 2018 in Lettland liegen nicht mehr drin, zumal die Skandinavier den Heimvorteil geniessen. Sumpfige Wälder, hohe Stauden und fehlende Wege erfordern einen kraftvollen Laufstiel. Der Kilometerschnitt der Männer dürfte bei 5:30 Minuten liegen, in den hiesigen Wäldern benötigt die Elite bloss vier Minuten. Zudem stellt das unberührte Gebiet höhere Anforderungen an das Kartenlesen. Die Schweizer Equipe passte sich mit Trainingslagern diesen Verhältnissen bestmöglich an.

Das verkürzte WM-Programm führt dazu, dass die Allrounder alle Disziplinen laufen werden und nicht mehr Prioritäten setzen müssen. Dies erschwert den Sprung aufs WM-Podest zusätzlich, denn die Besten gehen allesamt an den Start. Die vier anpeilten Medaillen bilden für die Schweizer Equipe ein hohes Ziel.

Zweimal Einzel, zweimal Staffel

Christine Lüscher-Fogtmann, die Bereichsleiterin Leistungssport bei Swiss Orienteering, will zweimal im Einzel und zweimal mit der Staffel erfolgreich sein. Bei den Männern sollen es primär Daniel Hubmann und Matthias Kyburz richten. Der 36-jährige Thurgauer mit acht und der 29-jährige Fricktaler mit vier Goldmedaillen weisen zusammen ein Dutzend WM-Titel vor. Hubmann ist diesmal stärker einzustufen. Kyburz erlitt vor gut einem Monat eine Bänderverletzung am Fuss und schaffte erst im letzten Moment den Sprung zurück ins Kader. Der Fricktaler läuft in der Region Östfold wie Daniel Hubmann alle drei Disziplinen, sofern sein Fuss hält.

"Vor der Verletzung hatte ich mir eine Einzel- und eine Staffel-Medaille zum Ziel gesetzt", sagte Kyburz. Diese Vorgabe sei wohl nicht mehr realistisch. "Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf." Für Hubmann kann nur das Podest das Ziel sein. Er tritt am Mittwoch zu seinem 50. WM-Lauf an, bereits 27 Mal liess er sich eine Medaille umhängen. "Eine Weltmeisterschaft ist immer etwas Spezielles. Viele wollen gut sein und sind auch gut vorbereitet. Entscheidend ist nun, wer die WM-Woche auch mental gut handhaben kann. Auf diese Aufgabe freue ich mich besonders", betonte er.

Bei den Frauen kommt die neunfache Junioren-Weltmeisterin Simona Aebersold zur WM-Premiere bei der Elite. Die 21-jährige Bernerin stieg leistungsmässig bereits zur Nummer 1 im Frauenteam auf und qualifizierte sich für alle drei Einsätze. Sie dämpft zu hohe Erwartungen und orientiert sich über die Lang- und Mitteldistanz primär an Top-Ten-Klassierungen.

Die Team-Kollegin Sabine Hauswirth hat eine Bronzemedaille in der Langdistanz zu verteidigen, freut sich aber primär auf den Team-Wettkampf. "Eine Staffel-Medaille in Skandinavien und am besten noch vor den nordischen Nationen wäre das Höchste aller Gefühle", hielt sie fest. "In den Einzelrennen bin ich nur für mich selbst verantwortlich, in der Staffel hingegen trage ich auch eine Verantwortung für das Team. Doch genau dieses Team macht die Staffel so besonders. Man leidet und feiert gemeinsam."