Ist Armstrong ein Held oder doch ein Schwindler?

In den USA droht Radsport-Superstar Lance Armstrong der schwierige Gang vors Gericht. Amerikanische Ermittler wollen herausfinden, ob er einst zu Doping griff. Ehemalige Teamkollegen werden nun gerichtlich einvernommen.

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Armstrong an der diesjährigen Tour de France

Armstrong an der diesjährigen Tour de France

Keystone

Renzo Ruf, Washington

Dem breiten Publikum ist Jeff Novitzky nicht bekannt. Eine Gruppe von Spitzenathleten zittert allerdings bei der blossen Erwähnung des Namens des gross gewachsenen, glatzköpfigen Bundesbeamten. Als er noch für die amerikanische Steuerverwaltung IRS (Internal Revenue Service) arbeitete, war Novitzky für die Ermittlungen gegen Baseball-Superstar Barry Bonds, den amerikanischen Home-Run-Rekordhalter, verantwortlich.

Er warf Bonds vor, illegale, leistungssteigernde Substanzen konsumiert zu haben – obwohl Novitzky seine Vorwürfe nie vollumfänglich beweisen konnte, nahm Bonds Karriere 2007 ein unrühmliches Ende. Ähnlich ging es Marion Jones, fünffache Medaillengewinnerin an den Olympischen Sommerspielen in Sydney: Im Oktober 2007 gab sie zu, im Zuge von Doping-Ermittlungen unter Eid gelogen zu haben. Sie wurde in der Folge einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt; ihre Medaillen wurden ihr aberkannt.

Armstrong streitet entschieden ab

Nun hat sich Novitzky, der seit Frühjahr 2008 für FDA (Food and Drug Administration) arbeitet, an die Fersen von Lance Armstrong geheftet. Der Ermittler will nachweisen, was schon lange behauptet wird: Der siebenfache Tour-de-France-Sieger soll leistungssteigernde Substanzen eingenommen haben. Der 39-jährige Texaner streitet die Vorwürfe entschieden ab.

Novitzky lässt sich davon nicht bremsen. Sein Kronzeuge: Floyd Landis, ehemaliger Teamkollege von Armstrong beim U.S. Postal Service Pro Cycling Team und 2006 (disqualifizierter) Sieger der Tour de France. Landis gab diesen Frühling in
E-Mails zu, verbotene Aufputschmittel eingenommen zu haben – nachdem er diesen Vorwurf lange Jahre abgestritten hatte. Er beschuldigte aber auch Armstrong, lange Jahre gedopt zu haben, indem er sich beispielsweise eigenes Blut gespritzt habe. Auch seien Tour-Offizielle bestochen worden. «Ich will nicht mehr Teil des Problems sein», behauptete Landis damals.

Unter Eid

Die Ermittlungsbehörden haben Landis diesen Monat eine Vorladung zugestellt. Er soll unter Eid versichern, dass seine Vorwürfe gegen Armstrong der Wahrheit entsprechen – und sich damit dem Risiko aussetzen, Meineid zu begehen. Auch Tyler Hamilton, ein weiterer Ex-Kollege von Lance Armstrong, der sich dopte, erhielt kürzlich Post von Novitzky. Und gestern musste der dreifache Tour-de-France-Sieger Greg LeMond in Los Angeles auspacken. LeMond gilt als scharfer Kritiker von Lance Armstrong.

Die Ermittler stützen sich allerdings nicht allein auf die Aussagen von ehemaligen Radsportstars. Sie rollen auch einen Streit zwischen Armstrong und einem Sponsor aus dem Jahr 2004 noch einmal neu auf. Die Firma SCA Promotions weigerte sich damals, Armstrong 5 Millionen Dollar an bereits zugesicherten Bonuszahlungen zu überweisen. SCA verwies auf die kursierenden Gerüchte, dass der Radsportstar seine Erfolge nur dank der Einnahme von verbotenen Substanzen erzielt habe.

Armstrong und der Besitzer des Post-Teams klagten die Firma daraufhin ein. Schliesslich einigten sich die beiden Seiten vor einem Schiedsgericht darauf, dass Armstrong ein Bonus zustehe – er erhielt 7,5 Millionen Dollar.

«Konversation hat es nie gegeben»

Nachdem der lange Streit beigelegt worden war, sickerten vertrauliche Zeugenaussagen an die Medien durch. So berichtete «Le Monde» 2006, dass Armstrong zugegeben haben soll, nach seiner Hirnoperation im Jahr 1996 leistungssteigernde Drogen eingenommen zu haben. Immer wieder zitiert wurden auch die Aussagen von Stephen Swart, einem ehemaligen Trainingskollegen von Armstrong. Swart behauptete, er habe im März 1995 Armstrong sagen hören, dass er bald mit der Einnahme von Epo beginnen werde, um bei der Tour de France konkurrenzfähig zu sein. Armstrong sagt, diese Konversationen hätten nie stattgefunden. Die Anwälte von SCA Promotions haben nun ebenfalls eine gerichtliche Vorladung erhalten. Auch Swart wird seine Behauptungen unter Eid wiederholen müssen.

Die Rechtsvertreter von Lance Armstrong sprechen von einer Hexenjagd. Er wisse nicht einmal, ob sich die (geheimen) Ermittlungen überhaupt gegen seinen Klienten richteten, sagte Bryan Daly diese Woche dem «Wall Street Journal». Für ihn sei es deshalb nicht nachvollziehbar, welche Klagepunkte Novitzky zu beweisen versuche. Denn Armstrong sei nie positiv auf Doping getestet worden. Daly: «Er ist kein Schwindler.»