Viktor Röthlin
«Ich lasse mich nicht mehr so schnell verunsichern»

Europameister Viktor Röthlin spricht über Formtests, unliebsame Erfahrungen und seine spezielle Beziehung zu New York. Dort wird er am 6. November zum New York Marathon antreten. Doch schon am Wochenende läuft er beim Hallwilerseelauf mit.

Simon Steiner
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Viktor Röthlin steht vor seinem Debüt am Hallwilerseelauf. Chris Iseli

Viktor Röthlin steht vor seinem Debüt am Hallwilerseelauf. Chris Iseli

Viktor Röthlin, konnten Sie seit Ihrem letzten Halbmarathon vor knapp drei Wochen in Lissabon wunschgemäss trainieren?

Viktor Röthlin: Leider nein! Nach Lissabon hatte ich während 10 Tagen mit einer starken Erkältung zu kämpfen. Jetzt hoffe ich, dass mich diese Geschichte nicht zu viel Substanz gekostet hat. Im Hinblick auf den New York Marathon musste ich im Training einige Umstellungen vornehmen. Der Hallwilerseelauf wird nun zeigen, wo ich auf dem Weg nach New York stehe.

Was für Rückschlüsse erhoffen Sie sich?

Ich hoffe auf ein gutes Laufgefühl und auf das nötige Stehvermögen. So, dass ich in den verbleibenden drei Wochen bis New York nur noch an Details arbeiten muss.

Könnten Sie in den drei Wochen bis New York noch reagieren, falls der Test am Hallwilersee nicht zufriedenstellend verlaufen sollte?

In den letzten drei Wochen vor einem Marathon kann man keine Berge mehr versetzen. Aber ich bin schon zu lange in diesem Geschäft, als dass ich mich gleich verunsichern lassen würde. Als Beispiel: Drei Wochen bevor ich letztes Jahr in Barcelona Europameister wurde, absolvierte ich einen Test in der Linthebene und hatte dabei gar kein gutes Gefühl. Eine Woche vor dem Wettkampf kam das gute Gefühl – und nachher auch der Erfolg.

Ursprünglich hatten Sie für diesen Herbst einen schnellen Marathon wie Berlin im Auge. Warum laufen Sie nun wieder in New York, wo eher ein taktisches Rennen gefragt ist?

Berlin wäre meine erste Wahl gewesen. Die Veranstalter haben mir jedoch klar gemacht, dass ich zwar laufen könnte, dass sie aber voll auf Haile Gebrselassie setzen würden (der dann allerdings aufgeben und den Weltrekord abgeben musste, Red.). Die New Yorker hingegen haben mir ausdrücklich signalisiert, dass sie mich wieder am Start haben wollen. New York ist nun aber nicht zweite Wahl – New York ist immer erste Wahl.

Was macht den besonderen Reiz des New York Marathon aus?

Es ist der Stadtmarathon mit der grössten Tradition und dem grössten Renommee. An diesem Tag ist New York absolut laufverrückt.

OK-Chefin Mary Wittenberg ist wie schon letztes Jahr selber an den Greifenseelauf gereist, um zu unterstreichen, dass Sie willkommen sind.

Diese Beziehung ist für mich ganz speziell. Bei meinem ersten Mal in New York war ich sehr beeindruckt vom Interesse, das mir entgegengebracht wurde. Beim zweiten Mal habe ich herausgefunden, dass sie sich nicht mal mehr an den Namen meiner Frau erinnern können. So schnell sie auf einen zukommen, so schnell vergessen sie wieder – alles ist oberflächlicher. Wenn man sich aber wieder sieht, ist die Freundschaft ehrlich. Und die New Yorker haben sich auch gemeldet, als es mir nach meinen beiden Lungenembolien im Frühjahr 2009 schlecht ging. Das machen nur ganz wenige Menschen, mit denen du auf dieser Ebene zu tun hast. Eher wirst du fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel.

Was ist Ihr Ziel für den New York Marathon?

In New York ist es eine Riesengeschichte, unter die besten 10 zu laufen, und eine noch grössere, unter die besten fünf zu kommen. Und dann kannst du auch plötzlich auf dem Podest stehen. Der Sieger von 2009, der Amerikaner Meb Keflezighi, weist zum Beispiel eine schlechtere Marathon-Bestzeit auf als ich. Das zeigt, dass in New York auch jemand gewinnen kann, der nach Papierform vielleicht nicht der Beste ist.

Vor einem Jahr mussten Sie aufgeben. Haben Sie eine Rechnung offen?

Nach der EM hat mich der Versuch gereizt, mit einer verkürzten Vorbereitung nach New York zu gehen. Aber es war ein Versuch, und er ist gescheitert. Umso wichtiger ist es für mich, nochmals den Central Park zu erreichen und mit einem guten Gefühl über die Ziellinie zu laufen. Das ist meine Motivation.

Es war also kein Fehler zu starten?

Nein, es war eine gute Erfahrung – auch die Grösse zu haben und zu sagen: Es geht nicht, ich höre auf. Es ist immer schwierig aufzugeben. Im ersten Moment ist es einfach, aber danach holt dich das viel mehr ein, als wenn du einfach schlecht ins Ziel läufst. Aber in New York hätte ich meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt.

Ein negatives Erlebnis hatten Sie auch im Frühling in London mit einer unsachgemäss durchgeführten Dopingkontrolle am Vorabend des Marathons. Wie beurteilen Sie diese Sache aus der Distanz?

Antidoping Schweiz hat sich nach dem Reglement verhalten. Sie dürfen mich jederzeit kontrollieren lassen, und das begrüsse ich auch. Leider war die Ausführung der Kontrolle so schlecht, dass sich das hinzog, dass es Stress verursachte und ich kollabiert bin, als die britische Kontrolleurin mit der Nadel herumstocherte.

Wie haben Sie den Vorfall verdaut?

Für mich war es extrem frustrierend. Ich weiss nicht, wie gross der Einfluss dieser Geschichte auf meine Leistung schliesslich war. Drei Wochen zuvor hatte ich beim Halbmarathon in Mailand gezeigt, dass ich für eine schnelle Zeit gut sein sollte.

Aber dieses Resultat fehlt Ihnen nun.

Die Ironie meines Lebens ist, dass ich in der Vorbereitung noch so gute Halbmarathons laufen kann: Wenn mir der Marathon misslingt, ist die halbe Saison im Eimer. Man muss allerdings sehen: Ich bin in London fertig gelaufen und habe die Olympialimite locker unterboten. Obwohl ich einen schlechten Tag erwischte, sind in diesem Jahr nur wenige Europäer schneller gelaufen.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Erfahrung von London?

Ich muss nächstes Mal cooler bleiben und darf nicht kollabieren. Das war es, was den Körper so in Stress versetzte, dass ich am anderen Tag einen Nachteil hatte. Nur dies ist natürlich einfacher gesagt als getan. Letztlich musste die Kontrolle zudem abgebrochen werden, weil es einfach nicht mehr ging. Dies kann als Vergehen gewertet und wie ein positives Ergebnis geahndet werden. So lag ich in der Nacht vor dem Wettkampf wach und habe mir Gedanken über die Konsequenzen des Abbruchs gemacht.

In London finden nächstes Jahr auch die Olympischen Spiele statt – ihr erklärtes Ziel. Wie stark beschäftigen Sie sich schon damit?

Wenn ich ein hartes Training absolviere und auf die Zähne beissen muss, dann denke ich an mein nächstes Ziel: New York. Natürlich ist Olympia aber in der Planung präsent. So habe ich mich im Sommer intensiv mit dem Wetter in London auseinandergesetzt.

Werden Sie im nächsten Frühling noch einen Marathon laufen?

Ich spiele mit diesem Gedanken, wobei aus terminlichen Gründen fast nur ein Marathon in Japan in Frage kommt. Zuerst folgt nun aber New York, dann schaue ich weiter.

Sie feiern morgen Ihren 37. Geburtstag. Geben Sie bei den Olympischen Spielen Ihre Abschiedsvorstellung?

Ursprünglich wollte ich meine Karriere dieses Jahr abschliessen. Nun hänge ich das wegen der beiden Lungenembolien verlorene Jahr 2009 hinten an. Ich hoffe, dass ich bis zu den Olympischen Spielen so trainieren kann wie zu meinen besten Zeiten. Danach werde ich meinen Trainingsumfang möglicherweise langsam reduzieren. Es wäre für den Körper nicht gut, von 13 Trainingseinheiten pro Woche direkt auf Hobbysport-Niveau zu gehen. Es ist gut möglich, dass ich 2013 mit weniger Vorbereitung nochmals einen Marathon laufe. Aber der Fokus ist jetzt mal auf London gerichtet. Vielleicht ergeben sich bis dann auch neue private und berufliche Perspektiven.