Leichtathletik
Eine Hürde ist für Noemi Zbären noch lange kein Hindernis

Unter Gleichaltrigen gehört Noemi Zbären seit Jahren zur Weltspitze. Mit 21 hat sich die Hürdensprinterin nun bereits zum zweiten Mal für Olympische Spiele qualifiziert – undist noch längst nicht am Zenit.

Simon Steiner
Drucken
Teilen
Vielseitig begabt: Noemi Zbären trainiert mehr als nur den Hürdenlauf und studiert gleichzeitig Biochemie an der Uni Bern.

Vielseitig begabt: Noemi Zbären trainiert mehr als nur den Hürdenlauf und studiert gleichzeitig Biochemie an der Uni Bern.

freshfocus

Für den grossen Coup kamen die Europameisterschaften in Zürich etwas zu früh. Während Kariem Hussein und Mujinga Kambundji die Titelkämpfe im eigenen Land zum Durchbruch in der Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit nutzten, bewegte sich Noemi Zbären noch in deren Schatten. Wo sie sich eigentlich ganz wohl fühlte: «Ich stehe nicht gern im Rampenlicht», sagt Zbären, die in Zürich als Neunte den Final über 100 m Hürden nur knapp verpasste – ein Resultat, welches das Fachpublikum der damals 20-Jährigen durchaus hoch anzurechnen wusste.

Geht ihre Leistungsentwicklung so weiter wie bisher, wird sich Zbären bald nicht mehr verstecken können. Im direkten Vergleich mit Alterskolleginnen gehört sie schon seit Jahren weltweit zu den Besten. Bereits mit 16 gewann sie bei den Olympischen Jugend-Spielen ihre erste internationale Medaille. 2013 wurde sie Junioren-Europameisterin. Im vergangenen Jahr erreichte Zbären mit 12,92 Sekunden eine Zeit, die sie in die Top 15 Europas brachte.

Daran hat sie in der laufenden Saison nahtlos angeknüpft. Mit 12,97 sorgte sie beim Heim-Meeting in Langnau nicht nur gleich zu Beginn der Freiluft-Saison für einen Paukenschlag, sondern unterbot auch die geforderten Limiten für die WM vom August in Peking und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro – ehe sie gestern in Zofingen mit 12,96 nachdoppelte. Um sich das Ticket nach Brasilien definitiv zu sichern, genügt im kommenden Jahr eine Bestätigung (13,16). Bleibt Zbären gesund, ist dies nur noch Formsache – und die zweite Olympiateilnahme perfekt, nachdem sie für London 2012 als Nachwuchsathletin von erleichterten Selektionskriterien profitiert hatte. Das nächste grosse Ziel bildet allerdings die U-23-EM in Tallinn, wo sie sich den Gewinn einer Medaille vorgenommen hat.

Ihren Leistungszenit dürfte die 21-Jährige noch längst nicht erreicht haben. Bezüglich Trainingsumfang hat Zbären, die noch immer bei ihrem Stammverein in Langnau trainiert, noch reichlich Steigerungspotenzial. In der Regel absolviert die Athletin wöchentlich vier Einheiten à zwei Stunden. Dieser vergleichsweise geringe Trainingsaufwand liegt teils an der Philosophie ihres dreiköpfigen Betreuerteams, ihre Karriere behutsam aufzubauen. Vor allem aber kombiniert sie – ähnlich wie Kariem Hussein – den Spitzensport mit einem anspruchsvollen Studium. «Ich brauche beides», sagt Zbären. «Die Abwechslung hilft, mich vom jeweils andern zu erholen.» Im Juni wird sie die Bachelor-Prüfungen in Biochemie hinter sich haben und bis September als Profi leben. Danach wird Zbären das Masterstudium um ein Jahr ausdehnen, um mehr Zeit für Sport und Regeneration zu haben.

So gering Zbärens Trainingsumfang erscheinen mag, so eindrücklich ist ihr Wettkampfpensum. Rund 25 Rennen stehen dieses Jahr in ihrem Programm. «Im Hürdenlauf ist die Wettkampfpraxis besonders wichtig, damit der Rhythmus zwischen den Hürden stimmt.» Daneben setzt die 1,77 Meter grosse, athletische Sportlerin auf eine abwechslungsreiche Trainingsgestaltung. So übt sich Zbären regelmässig in allen SiebenkampfDisziplinen, um Überbelastungen vorzubeugen. «Reines Hürdentraining wäre auf Dauer zu einseitig», sagt die Athletin, die beim SK Langnau gleich in acht Disziplinen den Vereinsrekord hält – nicht aber im Hürdensprint. Dort hat Lisa Urech mit dem Schweizer Rekord von 12,62 eine Marke aufgestellt, von der Zbären noch ein gutes Stück entfernt ist.

Dass ihre 25-jährige Klubkollegin wegen anhaltender Verletzungsprobleme in dieser Saison auf Starts verzichtet und möglicherweise überhaupt nicht mehr auf Bahn zurückkehren wird, bedauert Zbären auch deshalb, weil ihr ohne Urech auf nationaler Ebene ebenbürtige Gegnerinnen fehlen. «Schliesslich wächst man an der Konkurrenz», sagt sie. Angesichts von Zbärens Potenzial scheint Urechs Rekord mittelfristig jedoch stark in Gefahr. Und wo sieht Zbären ihre Grenzen? «Das ist nicht eine Frage, die mich interessiert.»