Die Schweiz hat ein Luxusproblem: Sie verfügt bei den Frauen mit den Teams von Weltmeisterin Alina Pätz, ihrer Vorgängerin Binia Feltscher und der formstarken Silvana Tirinzoni über drei Weltklasse-Equipen. An der EM in Dänemark darf jedoch nur eine des Trios an den Start. Mit entsprechend harten Bandagen wird daher auf dem Eis gekämpft – und anlässlich der EM-Trials von letzter Woche in Langnau neu auch neben dem Eis. Was war geschehen?

Bereits vor dem ersten Spiel der EM-Ausscheidung zwischen Pätz und Tirinzoni sorgte ein kurzfristig einberufenes Meeting der drei Teams für Diskussionen. Pätz und Feltscher forderten Mitkonkurrentin Tirinzoni auf, mit den herkömmlichen Besen zu spielen, statt den Besen eines anderen Herstellers zu verwenden. «Mit den neuen Besen kann man die Richtung und die Länge des Steins stärker beeinflussen. Damit die Voraussetzungen für alle gleich sind, haben wir uns darauf geeinigt, dass alle mit denselben Besen spielen», so Alina Pätz.

Unter Druck gesetzt

Ganz anders ist dieser Vorstoss von Silvana Tirinzoni und ihrem Team aufgefasst worden. «Wir wurden gerade mal eine Stunde vor dem ersten Spiel von den Konkurrentinnen aufgefordert, unsere Besen nicht zu benutzen. Sie haben uns richtiggehend unter Druck gesetzt. Es war ein ziemliches Chaos, aber wir haben dann schliesslich eingewilligt», so Tirinzoni. «Wir wären für die Materialdiskussion durchaus offen gewesen, aber eine Stunde vor dem Spiel mit diesem Thema zu kommen, ist nicht ok.»

Der Zeitpunkt des Teammeetings mutet in der Tat etwas seltsam an, denn Tirinzoni und ihr Team spielen bereits seit eineinhalb Jahren mit den Besen dieses Herstellers. Und sie sind bei weitem nicht die Einzigen. Weltweit setzen verschiedene Spitzenteams auf Produkte dieses Herstellers. Darunter auch die beiden besten Schweizer Männerteams von Peter De Cruz und Sven Michel – notabene der Lebenspartner von Alina Pätz. Kommt hinzu, dass das Reglement die Besen nicht verbietet.

Alina Pätz fordert Tirinzoni vehement auf mit den herkömmlichen Besen zu spielen.

Alina Pätz fordert Tirinzoni vehement auf mit den herkömmlichen Besen zu spielen.

«Sie dürfen spielen, womit sie wollen. Diese Besen sind nicht verboten», weiss auch Pätz. «Trotzdem verändert sich durch die neuen Besen das Spiel. Diese Materialdiskussion gibt es vor allem in Kanada schon seit längerem und es werden sicher Regulationen vom Weltverband kommen. Bis es jedoch so weit ist, müssen die Spieler selbst Initiative zeigen und für ausgeglichene Voraussetzungen sorgen. Vor allem weil die Besen seit der letzten Saison deutlich weiterentwickelt wurden.»

Warten auf den Weltverband

Mit dieser Argumentation ist Tirinzoni indes nicht einverstanden. «Das Handling des neuen Besens ist nicht einfach. Wir haben eineinhalb Jahre dafür trainiert.» Dem Skip des Teams PWC Aarau ist die Enttäuschung über das Vorgehen der Konkurrentinnen deutlich anzumerken. «Einen solchen Wettkampf habe ich noch nie erlebt. Es herrschte ein Ausnahmezustand. Vor allem nachdem wir im zweiten Spiel wieder mit unseren Besen gespielt haben, weil wir das OK des Schiedsrichters erhalten hatten, ging das Chaos richtig los.

Wir verzichteten daraufhin wieder auf unsere Besen, aber an diesem Wettkampf wurde viel Geschirr zerschlagen. Das war total unnötig und ist schade für den Curling-Sport.» Auch Nationalcoach Andreas Schwaller bedauert die Situation. «Es ist für uns alles andere als eine Wunschsituation, dass sich die Beteiligten nicht einig waren und die Emotionen hochkochten.

Wir hätten es viel lieber gesehen, wenn sich die Teams nur auf dem Eis bekämpft hätten.» Der Verband hat sich in dieser Situation jedoch bewusst zurückgehalten. «Wir halten uns an das internationale Reglement und dort ist klar festgehalten, dass die Besen legal sind. Wenn die Athleten untereinander Absprachen treffen, ist das ihre Sache.» Schwaller hofft jedoch, dass der Curling Weltverband das Reglement so schnell wie möglich anpasst und damit die Materialdiskussion endgültig aus der Welt schafft.