Sanktionsentscheide

Wegen Corona folgt ein heisser Schweizer Dopingherbst

In den kommenden Wochen werden in der Schweiz so viele Dopingurteile veröffentlicht wie wohl noch nie innerhalb eines halben Jahres.

In den kommenden Wochen werden in der Schweiz so viele Dopingurteile veröffentlicht wie wohl noch nie innerhalb eines halben Jahres.

Der virusbedingte Lockdown hat zu einer halbjährigen Verzögerung bei den Sanktionsentscheiden geführt. Deshalb sind derzeit in der Schweiz nicht weniger als 13 Fälle in der Pipeline.

Die Dopingrichter schieben derzeit Sonderschichten. Alleine in der vergangenen Woche waren vier Verhandlungen vor der Disziplinarkammer von Swiss Olympic angesetzt. Es besteht Aufholbedarf. Wegen Corona mussten im ersten Halbjahr nicht nur die Dopingkontrollen auf ein Minimum heruntergefahren werden. Auch die Urteilsfindung geriet arg ins Stocken. «Wir konnten während rund fünf Monaten keine Anhörungen durchführen», bestätigt der Basler Jurist Carl-Gustav Mez, der Vorsitzender der DK.

Die Folge: In den kommenden Wochen und Monaten werden in der Schweiz so viele Sanktionen ausgesprochen und kommuniziert, wie wohl noch nie innerhalb eines halben Jahres. Vier Urteile sind bereits gefällt, aber noch nicht veröffentlicht, drei weitere Verhandlungen sind ebenfalls über die Bühne gegangen und sechs Dopingverfahren sind bei der Disziplinarkammer eröffnet. Macht insgesamt 13 potenzielle Vergehen gegen die Antidoping-Bestimmungen. Dazu wurden im laufenden Jahr bereits ein Radfahrer, ein Kickboxer und ein Kraftsportler mit jeweils vierjährigen Sperren belegt. Zum Vergleich: 2019 waren es total elf Strafanträge und sechs Verurteilungen.

Mehrere Verfahren haben einen Zusammenhang mit der spektakulären Dopingermittlung «Operation Aderlass» rund um den deutschen Sportarzt Mark Schmidt mit bislang 23 involvierten Athleten aus acht Nationen. Schmidts Strafprozess in München steht ebenfalls Ende September auf dem Programm.

Brisantes Verfahren gegen Berner Arzt dauert an

Zum einen muss nach dem Abschluss des zivilen Strafverfahrens gegen Ex-Radprofi Pirmin Lang nun auch die Sportgerichtsbarkeit ein Urteil fällen. Lang wurde einerseits von Doktor Schmidt als Kunde enttarnt, von der Aargauer Staatsanwaltschaft andererseits verurteilt, weil er selber Schmidt im Jahr 2013 Dopingutensilien verkauft hatte. Der zweite prominente Fall ist jener des ehemaligen Rad-Nationaltrainers Danilo Hondo. Der Deutsche wurde seinen Job bei Swiss Cycling im Mai 2019 nach Bekanntwerden seiner Vergangenheit als Konsument von Mark Schmidts Dopingmittel über Nacht los. Sein Verfahren wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Ein weiterer spektakulärer Fall ist seit mehr als anderthalb Jahren bei der Berner Staatsanwaltschaft in Bearbeitung. Mit versteckter Kamera filmte die ARD einen Berner Arzt und ehemaligen Triathleten im Winter 2018 dabei, wie er einem angeblichen Langläufer Dopingsubstanzen verschreiben wollte. Das Verfahren kommt auch darum nur schleppend voran, weil einerseits bei der sportlichen Kundschaft des Arztes wenig Motivation zur engen Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft besteht und der Arzt selber alle Vorwürfe abstreitet. Andererseits kam durch die laufende Entwicklung beim Verfahren um Schmidt zusätzlich Bewegung in die Ermittlungen.

Gut unterrichtete Kreise bestätigen, dass der Berner Arzt, der nach wie vor praktiziert und von Enthüllungsjournalist Hajo Seppelt namentlich genannt wurde, in direktem Kontakt zu Mark Schmidt stand für den Erwerb von Equipment zum Blutdoping. Ob damit Sportler effektiv gedopt wurden, ist eine Frage, die auch Antidoping Schweiz brennend interessiert.

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