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«Was derzeit im Langlauf passiert, ist Verhältnisblödsinn»

Hippolyt Kempf ist als Langlaufchef viel beschäftigt: «Ich beantworte nachts um elf das letzte Telefon und morgen um sechs die erste SMS.»

Hippolyt Kempf ist als Langlaufchef viel beschäftigt: «Ich beantworte nachts um elf das letzte Telefon und morgen um sechs die erste SMS.»

Der Schweizer Langlaufchef Hippolyt Kempf sagt vor den Heimrennen in Davos, wie es Dario Cologna geht, wieso er fast nur am Kopieren und Reagieren ist und warum ihn die Diskussion um giftiges Fluor nervt.

Die Frage, die am meisten interessiert: Wie geht es Dario Cologna?

Hippolyt Kempf: Gut.

Was heisst gut?

Gut.

Wadenprobleme bereits nach dem ersten Weltcuprennen. Muss man mit einer harzigen Saison rechnen?

Wir sind klar der Ansicht: Nein. Dass Dario zum Distanzrennen in Kuusamo nicht antrat, war eine reine Vorsichtsmassnahme und geschah aus einer Komfortsituation heraus. Man hat bei Dario im Training das eine oder andere umgestellt. Er ist etwas kräftiger und etwas explosiver geworden. So eine Umstellung ist ein diffiziler Prozess. Wir waren aber mit der Massnahme, auf die Rennen zu verzichten, sicher übervorsichtig.

Dann macht Ihnen die Situation mit Dario Cologna vor dem Heimweltcup am Wochenende in Davos keine Sorgen?

Nein, die Situation ist sehr entspannt, auch Dario selbst. Sorgen macht uns etwas anderes.

Was denn?

Die guten Resultate der Skispringer und der Biathleten. Jetzt müssen auch wir in Davos liefern (lacht).

Sie gelten bei Cologna als Dauer­optimist. Nüchtern betrachtet wechseln sich seit einiger Zeit Husten-, Waden- und Achilles­sehnenprobleme ab. Ist Cologna nicht einfach ein Athlet, der mit 33 seine besten Tage hinter sich hat?

Das sehe ich nicht so. Wir hatten mit Dario Cologna in der Vergangenheit immer wieder unsere Challenges. Er ist ein Athlet, der gewisse Anfälligkeiten hat. Aber das ist nicht neu. Und man vergisst bei dieser Diskussion oft, dass er meistens sehr stark war, wenn es zählte. Dario ist vor nicht einmal zwei Jahren in Pyeongchang zum vierten Mal Olympiasieger geworden. Wir ­sollten jetzt nicht nach einem Rennen die Saison schlechtreden.

Bei den Frauen ist mit Nathalie von Siebenthal die beste Distanz­läuferin weg. Wenn Dario Cologna eines Tages auch aufhört, kann der Schweizer Langlauf nicht mehr mit den Besten mithalten.

Wir haben erst zwei Wochenenden ­hinter uns und bereits sechs Schweizer Athletinnen und Athleten, welche in die Weltcuppunkte liefen. Die Mannschaft lebt. Als Dario Cologna vor fünf Jahren seinen Fuss verletzte, verliessen wir solche Rennen mit Nullnummern. Aber natürlich ist es schwierig, mit einem Ausnahmeathleten derart verwöhnt zu werden. Das Anspruchsniveau, das ­Dario Cologna gesetzt hat, ist für Schweizer Langlaufverhältnisse sehr hoch. Ein Podestplatz wird nie eine Selbstverständlichkeit sein. Unser Anspruch muss aber auch in Zukunft sein, regelmässig Plätze in den Top 10 zu erreichen.

Ist Langlauf für Schweizer Jugendliche noch eine attraktive Sportart?

Wir haben Nachwuchsmannschaften, die starke Resultate liefern und im Team eine sehr gute Stimmung haben. An der Jugendolympiade im ver­gangenen Jahr gewannen wir fünf ­Medaillen – so viele wie noch nie. Wir haben auch konstant hohe Teilnehmerzahlen bei den nationalen Rennen bis U16. Es pendelt sich bei rund 300 Teilnehmenden ein.

Dann darf man optimistisch sein?

Wir haben unsere Herausforderungen. Am wenigsten attraktiv ist Langlauf zwischen 15 und 18. Der Wechsel zum Leistungssport und in ein fixes Fördergefäss, verbunden mit den höheren ­Ansprüchen bei Schule und Training, sorgen dafür, dass wir hier zu viele ­Jugendliche verlieren.

Ist das nicht ein Problem, das alle Sportarten haben?

Aber wir sind im Vergleich schwächer. Andere Disziplinen haben grössere ­Förderleistungen und mehr Komfort zu bieten – vor allem auch Entlastung für die Eltern. Wir sind hier nicht so ­offensiv unterwegs wie andere Sportarten. Das heisst, wir verlieren gegen Mountainbike, wir verlieren gegen Eishockey.

Kommen wir zu Ihnen: Was macht ein Chef Langlauf während der Saison?

Er beantwortet nachts um elf das letzte Telefon und schreibt morgens um sechs die erste SMS. Während der Saison ­dominiert das operative Geschäft, das ich eng begleite.

Was beschäftigt Sie am stärksten?

Wir haben zwei, drei Schwerpunkte. Einer davon ist die Förderstruktur. Wir stellen fest, dass wir zu lange brauchen auf dem Weg vom Talent bis an die ­Spitze. Die Dichte beim Leistungsniveau der 18- bis 20-Jährigen nimmt ab, weil die Jungen bei uns im inter­nationalen Vergleich schlechter ausgebildet ins Sportsystem reinkommen. Ich stelle mir also die Frage, wie ich die Förderstrukturen so anpassen kann, dass früher professioneller trainiert wird.

Was eine Frage des Geldes ist!

Es ist auch eine Frage des geschickten Einsatzes des Geldes. Natürlich ist es ein grosser Unterschied, ob man in den nationalen Leistungszentren für die Betreuung von 25 Talenten 150 oder 300 Stellenprozente zur Verfügung hat. Aber hier sehen wir viele Möglich­keiten, einen grossen Schritt für die Qualität der Nachwuchsathleten zu tun. Die skandinavischen Verbände sind in dieser Arbeit viel professioneller unterwegs.

Und der andere Schwerpunkt?

Es geht um die Trainingsphilosophie. Wir stellen fest, dass in anderen ­Nationen die Athleten früher schnell sind – zum Beispiel die Italiener zuletzt im Kontinentalcup. Ich muss mir die Frage stellen, wieso der 19-jährige ­Italiener dynamischer und explosiver unterwegs ist als der Schweizer. Stimmt bei uns in den jeweiligen Altersstufen das Verhältnis von Ausdauertraining, Krafttraining und intensivem Training?

Zuletzt zu reden gegeben hat der Einsatz des giftigen Fluors bei der Skipräparation. Sind Langläufer Umweltsünder?

Aus meiner Optik ist das, was derzeit passiert, Verhältnisblödsinn. Die ­grossen Umweltprobleme, die auch unser Sport hat, sind die CO2-Bilanz, der Energieverbrauch in den Wettkampfstätten und der Restmüll – etwa bei Material und Kleidung. Aber die Schlagzeilen gehören dem Wachs. Doch wie gross ist die Relevanz dieser Diskussion? Weltweit landet wegen uns kaum ein Kilogramm Fluor im Boden. Das ist zwar nicht vernachlässigbar, aber steht in keinem Verhältnis zu ­unseren anderen Umweltproblemen.

Wie kann man das Problem mit dem Fluor lösen?

Ich finde es im Grundsatz gut, dass die FIS die Initiative ergriffen hat. Uns stört die Aussicht auf ein kurzfristiges ­generelles Fluorverbot. Ganz einfach, weil es derzeit nicht kontrollierbar ist. Die Messverfahren sind noch nicht ­salonfähig. Es kann ja nicht sein, dass das Labor zwei Wochen nach einem Wettkampf bekannt gibt, ob Dario ­Cologna an diesem Rennen überhaupt startberechtigt war. Das ist der Tod des Langlaufs. Die EU-Norm sieht einen Ausstieg im Jahr 2025 vor. Wir müssen uns bis dahin auf ein effizientes Testverfahren fokussieren, das unmittelbar Resultate liefert, und keinen Schnellschuss produzieren.

Sie sind ein Denker und Tüftler. An welchen Erfindungen forschen Sie?

Ich habe einst von Karl Frehsner gelernt, dass ich nur das preisgeben soll, was schon längst erledigt ist. So gewinnt man Zeit für die Dinge, an denen man effektiv dran ist. Spass beiseite. Die Veröffentlichung der Geschichte mit dem Fluor hat unsere bisherigen Anstrengungen in dieser Sache etwas eingeholt. Wir haben viel Energie und Begeisterung reingesteckt, um qualitativ hochstehende und reine Produkte zu testen.

Wie lange werden Sie Swiss Ski noch zur Verfügung stehen?

Mein grosser Fehler ist, dass ich immer noch das Gefühl habe, ich hätte Ideen. Und ich bin noch immer extrem ­hungrig darauf, diese Ideenliste abzuarbeiten. Wenn ich dabei Fehler begehe, rege ich mich noch immer fürchterlich über mich auf.

Schauen wir nach Davos: Was darf man von den Schweizern erwarten?

Jetzt müssen wir liefern.

Was verstehen Sie unter liefern?

Wir haben behauptet, wir seien stark. In Davos haben drei, vier Athleten die Gelegenheit, sich in ihrer starken ­Disziplin zu zeigen. Ich erwarte zwei, drei ­Rangierungen in den Top 6.

An der Spitze dominieren zwei Nationen: Was macht die Norweger und die russischen Männer so stark?

Die Russen und die Norweger haben eine enorme Breite. Und das Auswahlverfahren an ihren Testrennen ist knallhart. Die Russen lösen es mit einer ­extrem scharfen Selektionspolitik und einem Konkurrenzkampf unter den Trainingsgruppen und Athleten. Das macht sie so stark.

Und die Norweger?

Bei den Norwegern ist neben der ­Qualität der Athleten das ganze Know-how dahinter enorm gut. Sie sind bei der taktisch-technischen Optimierung des Langlaufens allen anderen fünf Jahre voraus. Die haben jeden Meter einer Strecke analysiert, während wir noch immer denken: Schnell raufrennen und dann kommt es gut. Es ist beein­druckend, welche personellen und ­finanziellen Ressourcen sie dort reinstecken können. Wir andern sind eigentlich immer am Kopieren und am Reagieren. Es ist für uns unmöglich, die Norweger eine ganze Saison lang zu bedrängen. Wenn wir sie schlagen wollen, dann nur bei ganz ausgewählten Wettkämpfen.

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