Blinde Talfahrt
Warum Stan Wawrinka trotz Selbstzweifeln Gedanken ans Aufhören verdrängt

Stan Wawrinka (32) übt sich in Geduld, verzweifelt aber zunehmend an sich selbst. Weil er auf die Turniere in Indian Wells und Miami verzichtet, fällt er in der Weltrangliste erstmals seit über fünf Jahren aus den Top 20.

Simon Häring
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Wie weiter? Stan Wawrinka steht vor einer ungewissen Zukunft.

Wie weiter? Stan Wawrinka steht vor einer ungewissen Zukunft.

Keystone

Er hat gewusst, dass es schwierig wird. Dass er Geduld braucht. Dass es keine Garantie gibt, dass er wieder jener Spieler wird, der er einmal war: Ein Grand-Slam-Sieger, die Nummer drei der Welt, einer aus dem Konzert der Grossen. Doch hat Stan Wawrinka damit gerechnet, dass sein Weg derart beschwerlich sein würde? Er selber sagt: Ja. «Ich muss da jetzt durch. Ich muss akzeptieren, dass ich Zweifel habe.» Er kehrte auf den Platz zurück, ohne bereit zu sein. Weil Ungeduld und Ungewissheit an ihm nagten. «Weil mir der Wettkampf fehlte. Der Stress, das steigende Adrenalin.»

Dass er bei den Australian Open ein Spiel gewann, verbuchte er zu Recht als Erfolg. Doch was danach folgte, war nicht die erhoffte Annäherung an die Leistungsgrenze. Sondern gleicht vielmehr einem Blindflug. Es sind schwierige Wochen, die Stan Wawrinka nach seinen beiden Operationen am linken Knie durchmacht.

Sie sind geprägt von Schmerzen, von Zweifeln und depressiven Episoden. Und vielleicht ist er auf der Flucht vor den eigenen Gedanken in jene Falle getappt, die sich bedrohlich vor ihm auftat: die Ungeduld. Denn statt sich Ruhe zu gönnen, bestritt er ein Turnier in Sofia.
Vielleicht liess er sich von den beiden Siegen täuschen, vielleicht ignorierte er auch die Warnsignale. Jedenfalls scheiterte er in Rotterdam in der Startrunde. In Marseille musste er aufgeben.

Nun zog er die Reissleine und verzichtet auf Indian Wells und Miami. Wawrinka fällt damit erstmals seit August 2012 aus den Top 20 der Weltrangliste. Und wieder bemüht er das Mantra, das ihn seit Monaten begleitet: «Geduldig bleiben.» In jedem Spiel, in jedem Schlag wollte er Spuren des Fortschritts erkennen, «positiv bleiben». Aber seine Entscheidungen – sie lassen einen zuweilen ratlos zurück.

Ist ihm alles egal?

Doch viel beunruhigender ist, dass Wawrinka das verkörperte, an dem schon sein Erfolgstrainer Magnus Norman verzweifelt war: Er wirkte, als sei ihm das alles egal. Das stimmt natürlich nicht. Doch sein Auftreten sowie die Namen seiner Bezwinger zeugen davon, dass Wawrinka mehr mit sich selber beschäftigt ist. Mit seinen Gedanken.

Aber vor allem mit seinem Körper. Im letzten August hatte er sich zwei Eingriffen am linken Knie unterziehen müssen. «Ein schwerwiegender Eingriff», sagt Wawrinka. Die zentimeterlange Narbe über dem Knie lässt einen anderen Schluss auch kaum zu.

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Auch ein halbes Jahr nach dem Eingriff ist fraglich, ob das Gelenk den Belastungen des Spitzensports je wieder gewachsen sein wird. Bei jedem Schritt wirkt das Fünffache des Körpergewichts auf das Knie, beim Tennis sogar das Neunfache. Wawrinka hat Schmerzen. Trotzdem spielte er. Es ist ein Weg, den er selbst für alternativlos hält. Nur so könne er das Vertrauen in seinen Körper zurückfinden.

«Mein Team meint, die Schmerzen seien normal – unglücklicherweise und glücklicherweise», sagt er nach der Aufgabe in der ersten Runde von Marseille und gab dann doch zu: «Es ist frustrierend.» Wawrinka ist auf der Suche – nach dem Vertrauen in den Körper und in sein Spiel.

Es ist ein Teufelskreis. Denn mit jeder Niederlage bohrt sich der Stachel des Zweifels tiefer ins Bewusstsein. Nun ist es nicht so, dass der Romand allein wäre. Aber sein Umfeld hat sich verändert. Einen Ersatz für Trainer Magnus Norman gibt es noch immer nicht. Zuletzt sagte Wawrinka: «Ich habe zu viel anderes im Kopf, als mich darum zu kümmern. Gedanken daran rauben mir die Energie.» Heute ermüde ihn alles viel schneller – die Spiele, die Reisen, die Fragen und ebendiese Zweifel.

Die Zweifel als Motor

Einst bezeichnete er sie als wichtigsten Motor. «Sie sind mein ständiger Begleiter. Zweifel sind Teil meiner Persönlichkeit. Nur deswegen bin ich so weit gekommen. Sie bringen mich dazu, immer noch mehr zu arbeiten.» Wawrinka sieht die Lösung in Geduld und Beharrlichkeit. Auch darum liess er sich einst die Worte von Samuel Beckett auf den Unterarm stechen: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Kaum einer arbeitet mehr als er. Nur: Wann wird aus mehr zu viel? Es scheint, als hätte er auf diese Frage noch keine Antwort gefunden.

Also macht Wawrinka weiter, auch wenn er an sich selbst verzweifelt. Auch wenn er dabei einen verlorenen Eindruck macht. Weil niemand abschliessend beantworten kann, wo die Linie zwischen Beharrlichkeit und Sturheit verläuft. Weil Aufgeben für ihn noch nie eine Option war. Und vielleicht, weil er Gedanken an ein Ende nicht zulassen will.

Sie bereiten ihm Sorgen, «und auch Angst. An dem Tag, wo es aufhört, kommt vermutlich das Loch», sinnierte er im Tennismagazin «Smash». Er fürchtet, vom Loch verschlungen zu werden. Auch darum hat er nun entschieden, erst im April wieder Turniere zu bestreiten. In der Hoffnung, dass es das Ende der blinden Talfahrt bedeutet.

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