Ski alpin

Verschlungener Aufstieg in die Champions League

«Wollt ihr nicht einen, der mehr Erfahrung in der Abfahrt hat?» - Reto Nydegger, Trainer des norwegischen Speed-Männerteams

«Wollt ihr nicht einen, der mehr Erfahrung in der Abfahrt hat?» - Reto Nydegger, Trainer des norwegischen Speed-Männerteams

Bei Swiss-Ski lange Zeit verkannt, betreut Reto Nydegger jetzt die beiden norwegischen Superstars Aksel Lund Svindal und Kjetil Jansrud.

Es ist fast so, wie wenn der Nachwuchschef des FC Aarau plötzlich Bayern München übernähme. Zehn Jahre lang beschäftigte sich der Berner Oberländer Reto Nydegger in weitgehender Anonymität mit Schweizer Skitalenten. Jetzt ist er als Coach der beiden besten Speed-Rennfahrer der Welt unvermittelt in die Champions League des Skisports aufgestiegen

In der Schweiz war der Name Nydegger höchstens in Insiderkreisen bekannt, obwohl er 2008 Trainer des Jahres und erster Swiss-Ski-Betreuer von Lara Gut war. Trotzdem zögerte Nydegger einen Moment, als ihm das Angebot unterbreitet wurde, Svindal und Jansrud zu übernehmen. «Wollt ihr nicht einen, der mehr Erfahrung in der Abfahrt hat», gab er zu bedenken.

Svindals Antwort: «Im Weltcup geht es oft hektisch zu und her. Deshalb sind Leute wie Reto, die Ruhe ausstrahlen, wichtig. Kjetil und ich verfügen selber über viel Erfahrung. Wir brauchen keinen, der jede Kleinigkeit sieht, sondern einen mit Übersicht. Reto hat die und ist zudem ein harter Arbeiter.» Die zwei lernten sich letzte Saison kennen und schätzen, als sich der verletzte Superstar (Achillessehnenriss) zum Training oft dem Europacup-Team anschloss. Dabei war Nydegger dessen Genügsamkeit aufgefallen: «Wir logierten in einfachen Pensionen ohne Internet- und Handy-Verbindung. Aksel verlangte nie eine Sonderbehandlung.»

Norwegische Effizienz

In Norwegen fliesst fast alles Geld direkt in den Sport. In der Administration arbeiten nur vier Leute vollamtlich. Das knappe Budget fördert die Effizienz. Das gesamte norwegische Alpinteam, Europacup und Weltcup, besteht aus 14 Leuten; in der Schweiz sind es rund 40. Was Nydegger nicht hinderte, mit seinem Nachwuchsteam an der Junioren-WM in Jasna im Riesenslalom alle Medaillen zu holen. Neben Henrik Kristoffersen schafften es Marcus Monsen und Rasmus Windingstadt aufs Podest, dazu gewann Adrian Smiseth Sejersted den Abfahrtstitel. Und mit Aleksander Aamodt Kilde ist im Weltcup einer im Begriff, in die Fussstapfen von Svindal und Jansrud zu treten.

Bei Swiss-Ski blieb Nydegger mit Ausnahme eines kurzen Intermezzos, als er 2009 quasi als Nothelfer ein zerstrittenes Frauen-Slalomteam übernehmen musste, der Aufstieg in den Weltcup verwehrt. 2010 teilte ihm der neue Frauen-Chef Mauro Pini mit: «Sie wollen dich nicht mehr.» Nydegger weiss bis heute nicht, wer mit «sie» gemeint war: das Präsidium? Die Athletinnen? Pini selber? Martin Rufener offerierte ihm dafür im Männer-Team den Posten des Europacup-Chefs.

Auf Umwegen ans Ziel?

Als 2003 gleich drei Österreicher das Kommando übernahmen, kam das Angebot aus Norwegen zum richtigen Zeitpunkt. Beim Europacup-Finale in Sotschi hatte ihn ÖSV-Wackelkandidat Walter Hlebayna noch gefragt: «Wenn ihr in der Schweiz einen Posten freihabt, gebt mir bitte Bescheid.» Eine Woche später an der SM in Davos sagte Hlebayna fast verlegen zu Nydegger: «Jetzt bin ich dein neuer Chef.» Nydegger antwortete trocken: «Nicht für lange...»

Der Berner Oberländer wechselte definitiv nach Norwegen, wo er nun in diesem Winter einen neuen Karriere-Höhepunkt erreicht. Damit dürfte er mittelfristig wohl auch in der Schweiz wieder ein Thema werden. Auf Umwegen kommt man bei Swiss-Ski manchmal schneller zum Ziel.

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