Vendée Globe
Ein Drama auf hoher See bei Kollision mit einem Fischerboot, Solo-Segler Herrmann sagt: «Es ist der schlimmste Albtraum»

160 Kilometer vor dem Ziel kollidiert Solo-Segler Boris Herrmann mit einem Fischerboot und verliert damit das Rennen um den Sieg bei der Weltumseglung Vendée Globe. Weshalb er der moralische Sieger ist.

Simon Häring
Merken
Drucken
Teilen
Der Deutsche Segler Boris Herrmann begutachtet die Schäden an seiner Yacht nach der Kollision mit einem Fischerboot.

Der Deutsche Segler Boris Herrmann begutachtet die Schäden an seiner Yacht nach der Kollision mit einem Fischerboot.

Team Malizia

Am Donnerstag um 10:19:45 Uhr erreichte der Deutsche Boris Herrmann den Hafen von Les Sables-d'Olonne an der französischen Westküste. Nach 80 Tagen und knapp 15 Stunden, in denen er seiner erste Weltumseglung, der Vendée Globe, Wetterextremen, Einsamkeit und Schlafentzug getrotzt hatte. Der vierte Rang ist ein Erfolg für den Debütanten bei der härtesten Segel-Regatta der Welt. Und doch schwingt leises Bedauern mit. Denn bis kurz vor Ende war der 39-Jährige noch auf Siegeskurs gelegen, als erster Nicht-Franzose bei der neunten Austragung. Doch dann kollidierte er mit einem Fischerboot, 160 Kilometer vor dem Ziel. Herrmann sagt:

«Plötzlich sah ich eine Wand neben mir. Die Schiffe verhakten sich, ich hörte Männer rufen. Es war herzzerreissend. Das war der schlimmste Albtraum, Ich durchlebte echte Schockmomente.»

Der Bugspriet seiner Yacht wurde abgebrochen, sein Vorsegel zerfetzt, ein Tragflügel beschädigt. «Besonders kritisch war, dass das Steuerbord-Want abriss, die Leine, die den Mast seitlich gegen das Umfallen sichert», erklärt Herrmann. So etwas habe er noch nie auf See erlebt. «Aber das wichtigste ist, dass niemand verletzt wurde.» Weshalb ihn die Alarmsysteme seiner Yacht, Radar und Infrarotkamera in der Dunkelheit nicht warnten, und ihn aus dem Schlaf rissen, ist ein Rätsel. Ein automatisches Ausweichsystem hätte das Boot eigenständig reagieren lassen soll. Herrmann konnte die Schäden beheben, musste aber mit halber Geschwindigkeit weitersegeln.

Bis kurz vor dem Ziel hatte Herrmann noch Chancen auf den Sieg.

Bis kurz vor dem Ziel hatte Herrmann noch Chancen auf den Sieg.

Team Malizia

Mit den besten Wünschen von Greta Thunberg

Dennoch ist Herrmann so etwas wie der moralische Sieger der Vendée Globe. Wie der französische Sieger Yannick Bestaven, der das Ziel hinter seinem Landsmann Charlie Dalin erreicht hatte, sowie Jean Le Cam, auch er ein Franzose, war er bei Rennhälfte an der Rettungsaktion von Kevin Escoffier beteiligt gewesen, dessen Boot von einer Welle in zwei Teile gerissen worden war. Dafür war den Seglern von der Rennleitung eine Zeitgutschrift zugesprochen worden, die nach Ankunft abgezogen wurde.

Charlie Dalin hatte am Mittwochabend um 20.36 Uhr als Erster den Hafen erreicht. Doch Bestaven waren mehr als zehn Stunden gutgeschrieben worden, weshalb er zum Sieger erklärt wurde - dreieinhalb Stunden vor Dalin und knapp sieben Stunden vor dem Drittplatzierten Louis Burton. Nie zuvor war der Ausgang einer Vendée Globe enger gewesen. Als der Sieger um 05.40 Uhr den Hafen erreichte, wurde er von einem Feuerwerk empfangen, das die Bewohner der Küstenstadt aus dem Schlaf riss.

Boris Herrmann, der 2019 die Umweltschützerin Greta Thunberg mit der Yacht von Plymouth nach New York an die UNO-Klimakonferenz gebracht hatte, und der über die Schwedin sagt, sie seien auf dem Meer Freunde geworden, liess sein Boot mit Sensoren und einem automatisierten Labor ausstatten, das laufend Meeresdaten erhob, die dann an Forschende in Deutschland und Frankreich übermittelt worden waren. Es war das erste Mal, dass ein Datensatz von einer Reise um die Welt erhoben wurde.

Boris Herrmann und Greta Thunberg sind ein eingespieltes Team – an Land, auf dem Boot und im Kampf gegen den Klimawandel.

Boris Herrmann und Greta Thunberg sind ein eingespieltes Team – an Land, auf dem Boot und im Kampf gegen den Klimawandel.

Team Malizia / Ricardo Pinto

Seine Weltumseglung stand unter dem Motto «A Race We Must Win». Ein Rennen, das wir gewinnen müssen. Ein Rennen gegen die Verschmutzung des Planeten. Herrmann hat seinen Teil dazu beigetragen. Vielleicht tröstet das darüber hinweg, dass er die Vendée Globe nicht gewinnen konnte.

Die Strapazen, die Entbehrungen, der Schmerz über den Ausgang dürften aber spätestens dann Stolz und Freude gewichen sein, als Herrmann nach knapp drei Monaten in Einsamkeit seine Liebsten in die Arme schliessen konnte. Am Hafen von Les Sables-d'Olonne erwarteten ihn seine Frau Birte, die sieben Monate alte Tochter Malou und Familienhund Lilli.