Kolumne

Und dann erklärt der Kommentar-Schreiber: «Wer Shaqiri mag, gehört in den Kindergarten»

Xherdan Shaqiri. Derzeit meistgehasster Fussballer der Schweiz.

Xherdan Shaqiri. Derzeit meistgehasster Fussballer der Schweiz.

Die Funktion des Onlinekommentars hat alles revolutioniert und hilft uns, die Wahrheiten im Sport zu erfahren. Das schreibt Schriftsteller Pedro Lenz in seiner neuesten Kolumne.

Bevor die Onlinekommentarfunktion erfunden wurde, wusste die Menschheit praktisch nichts. Vor allem im Zusammenhang mit Sport war die Welt komplett unwissend. Vieles wurde seinerzeit nur angenommen, erahnt, geglaubt, vermutet und diskutiert. Als Kinder diskutierten wir zum Beispiel darüber, ob Johan Cruyff der weltbeste Fussballer ist oder doch Günter Netzer. Wir wussten es nicht. Niemand wusste Genaueres, weil niemand auf Beweise zurückgreifen konnte. Unser Sportwissen beruhte auf Vermutungen und Geschichten, die uns von älteren Schülern erzählt worden waren. Wir wussten nicht einmal, ob Muhammad Ali besser boxt als Joe Frazier. Dabei gab es Schulkameraden, die den beiden beim Boxen zugesehen hatten. Aber selbst diejenigen, die Kämpfe zwischen Frazier und Ali am TV verfolgt hatten, konnten nicht sicher sagen, wer besser ist.

Weil es zur aktiven Zeit von Köbi Kuhn und Karl Odermatt noch keine Onlinekommentarfunktion gab, wird die Welt nie wissen, wer besser schiessen konnte.

Weil es zur aktiven Zeit von Köbi Kuhn und Karl Odermatt noch keine Onlinekommentarfunktion gab, wird die Welt nie wissen, wer besser schiessen konnte.

Erst mit der Erfindung der Onlinekommentarfunktion kam das sichere Wissen in den Sport. Hätte es in meiner Kinderzeit schon die Onlinekommentarfunktion gegeben, hätten wir nicht jede Woche auf dem Pausenplatz darüber diskutieren müssen, ob Köbi Kuhn oder Karli Odermatt besser schiesst. Denn dann hätte bestimmt irgendein Kommentarschreiber die Wahrheit gewusst und am Ende seines Kommentars hätte er geschrieben: «Fertig Schluss!» Wäre Xherdan Shaqiri in unserer Kindheit Fussballer gewesen, hätten wir uns wohl über seine Tricks und Tore gefreut. Wir hätten uns bestimmt auch darüber gefreut, dass die Nati sich mit ihm für Europa- und Weltmeisterschaften qualifiziert.

Aber weil Shaqiri im Zeitalter der Onlinekommentarfunktion spielt, wissen wir nun, dass unsere Freude an seinem Spielwitz komplett ungerechtfertigt ist: «Er soll bleiben, wo er ist, und auf der Bank versauern!», erklärt uns ein Kommentar- schreiber klipp und klar. Ein anderer Kommentarschreiber weiss: «Eine Rückkehr von Shaq ist ausgeschlossen. Brauchen kein Kindergarten, sondern motivierte Männer. Fall erledigt.»

Das ist, abgesehen vom Akkusativfehler, eine fast schon wissenschaftliche Aussage. Shaqiri ist gegenwärtig der meistgehasste Fussballer der Schweiz. Wer ihn, wie ich zum Beispiel, als Fussballer noch immer sehr gut mag, gehört in den Kindergarten. Fall erledigt.

Pedro Lenz, Schriftsteller aus Olten.

Pedro Lenz, Schriftsteller aus Olten.

Meistgesehen

Artboard 1