Ein Leben als Profi? Das wäre Mario Thürig schnell zu langweilig. «Man kann gar nicht so viel trainieren, dass man den ganzen Tag etwas zu tun hat», sagt er. Und schon sind wir mittendrin in einem Thema, das jeden Schwinger im Lauf der Karriere früher oder später beschäftigt: Soll ich mein Arbeitspensum reduzieren, um in einem Sport, der immer professioneller wird, zu bestehen?

Mario Thürig hat es versucht. Zwei Jahre lang arbeitete er 80 Prozent. Doch dann war er oft verletzt. «Ich konnte gar nicht das Optimum herausholen», wie er sagt. «Und nur darum geht es.» Heute arbeitet er wieder Vollzeit. «Der Job ist Ausgleich zum Schwingen und umgekehrt.» Und Arbeit lenkt ab, wenn er mal wieder mit Stöcken unterwegs ist.

Immer wieder zurückgekehrt

Verletzungen begleiten den Aargauer aus Möriken schon lange. Zuletzt ist Thürig mehr als ein Jahr ausgefallen: Kreuzbandriss. Ausgerechnet, als er auf dem Höhepunkt war. 2014 siegte er auf der Schwägalp. «Und wenn ich gesund geblieben wäre, hätte ich für das ‹Eidgenössische› höhere Ziele.»

Das heisst: Er hätte vom Königstitel geträumt. Vier eidgenössische Kränze hat Mario Thürig schon, bei vier Teilnahmen. In Estavayer soll es nun der fünfte werden. Doch dafür muss es erst klappen mit der Teilnahme. Am Nordwestschweizerischen hat er sich am vergangenen Wochenende das Kreuzband gezerrt. Schon wieder eine Verletzung. «Doch ich bin zuversichtlich, dass ich bis zum ‹Eidgenössischen› fit bin», sagt er.

Mario Thürig weiss aus Erfahrung, dass es schnell gehen kann. In beide Richtungen. Und er weiss, dass eine Verletzung schnell alles verändert. Obwohl er bisher stets zurückgekommen ist. «Weil ich den Schwingsport liebe.»

Doch Thürig ist 31 Jahre alt, und obwohl er es sich vorstellen kann, noch lange zu schwingen, ist er froh, einen Plan zu haben. Einen Plan für danach. «Irgendwann ist es vorbei. «Ich bin beruflich etabliert und es geht nach dem Rücktritt vom Sport einfach weiter.»

Der gelernte Zimmermann arbeitet im Verkauf für die Roth Burgdorf AG, eine Holzleimbaufirma. «Schon früh war für mich klar, dass ich nicht ewig als Zimmermann arbeiten werde», sagt er. «Mich reizte der Kontakt mit Menschen.» Darum hat der Aargauer in Biel die Technikerschule besucht und sich zum Verkaufsprofi weitergebildet.

Plötzlich ohne den Bruder

Einen grösseren Unterschied in seiner Karriere als Schwinger erlebte Mario Thürig Ende 2013, als sich sein Bruder Guido entschied, die Karriere zu beenden. Plötzlich war der jüngere Bruder alleine im Kraftraum. «Ich sehe es aber auch als Chance. Ich kann mich nun voll und ganz auf mich konzentrieren», sagt Mario Thürig.

Weil er das Training seither ganz auf sich selbst abstimmen kann, während sie früher alles zusammen taten. «Zudem bin ich jemand, der sich sehr gut selbst motivieren kann», sagt Mario Thürig. «Natürlich fehlt Guido manchmal. Aber es hat alles Vor- und Nachteile.»
Ganz weg ist sein Bruder aber sowieso nicht.

Als Technischer Leiter des Aargauer Schwingverbandes ist Guido Thürig nicht nur oft an den Festen dabei, er beurteilt Ende Saison auch die Leistung der Athleten. Auch jene seines Bruders. Einen Bonus darf sich Mario Thürig davon aber nicht erhoffen.

Eine Bevorteilung passt nicht zu den Thürigs. Das musste der jüngere Bruder früh lernen. Während der vier Jahre ältere Bruder bereits dem Schwingklub Lenzburg angehörte, musste Mario warten, bis er mindestens 10 Jahre alt war.

Der Vater wollte es so, weil die Regel auch bei Guido galt. So meldete sich Mario Thürig bei den Kunstturnern an, um festzustellen, dass er dafür zu gross war. Als Handballer war er erfolgreicher, als gefragter Linkshänder gar so gut, dass er das Interesse der Nachwuchsabteilungen von Nationalliga-A-Klubs weckte.

Doch durchgesetzt hat sich am Ende die Leidenschaft für das Schwingen. «Mich fasziniert das Zusammenspiel dieses Sports. Es braucht Kraft und Technik, aber auch Koordination und Ausdauer», sagt Thürig. «Man kann nicht nur in einem Bereich gut sein. Nur Kraft, aber keine Ausdauer hilft nicht. Und umgekehrt geht es auch nicht.»

Darum hat sich Mario Thürig auch nach dem Kreuzbandriss nochmals zurückgekämpft. Und wird es nun auch nach der am vergangenen Wochenende erlittenen Zerrung tun. In den Ruhestand kann er Guido Thürig später folgen. Schliesslich hat er auch vier Jahre später angefangen als sein Bruder.