Estavayer 2016
Topfavorit Armon Orlik: «Ich gehe davon aus, dass mir zum Anschwingen ein grosser Brocken serviert wird»

Armon Orlik gehört dank seiner Erfolge 2016 zu den Topfavoriten für das «Eidgenössische» in Estavayer. Der Maienfelder ist die Nummer 1 der Jahrespunkteliste.

René Weber
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An diese Position hat sich Armon Orlik (l.) in der laufenden Saison gewöhnt: Der 21-jährige Bündner bodigte auf seinem Weg zum Sieg auf der Schwägalp Philipp Laimbacher.Keystone

An diese Position hat sich Armon Orlik (l.) in der laufenden Saison gewöhnt: Der 21-jährige Bündner bodigte auf seinem Weg zum Sieg auf der Schwägalp Philipp Laimbacher.Keystone

KEYSTONE

Die Bergfeste Schwägalp und Weissenstein, das Nordostschweizer Teilverbandsfest sowie das «Thurgauer», «Glarner» und «Bündner» hat Armon Orlik in diesem Jahr gewonnen. Der
21-jährige Teilverbandskranzer führt damitdie Jahreswertung an und gehört zu den Topfavoriten fürs «Eidgenössische» vom kommenden Wochenende in Estavayer. Der Maienfelder reist am Freitag mit seinen Kollegen des Bündner Schwingerverbandes in die Westschweiz.

Armon Orlik, sechs Kranzfestsiege in einer Saison hat landesweit kein zweiter Schwinger geschafft. Gibt es eine Erklärung für diesen Lauf?

Armon Orlik: Erwartet habe ich das auch nicht. Vielleicht gehofft. Ich habe viel dafür aufgegeben. Weil ich das «Eidgenössische» vor Augen hatte, bin ich immervoll motiviert gewesen und habe Gas gegeben. Bereits im Winter habe ich gemerkt, dass sich das Training auszahlt und es aufwärtsgeht. Glücklicherweise blieb ich ohne Verletzungen.

An der Motivation fehlte es also nie?

Nein, es macht Spass, mit den Kameraden zusammen. Alleine macht das Training weniger Spass. Im Vergleich zu früherenJahren habe ich deshalb mehr im Schwingkellergearbeitet. Das ist sicher einer der Gründe für die Leistungssteigerung.

Monotones Kraft- und Konditionstraining gehörten aber auch dazu.

Sicher, ja. Allein ist das manchmal schon schwierig. Wichtig ist, dass man jemanden im Hintergrund hat, der die Trainings plant und einen motiviert.

Ihre Trainingsplanung macht seit diesem Jahr eine Zürcher Firma.

Ich bin über Kollegen zur Firma Training & Diagnostics gekommen. Der grosse Vorteil ist, dass ich weiterhin zu Hause trainieren kann. Sie geben mir sozusagen Hausaufgaben. Für mich ist das motivierend. Man absolviert so auch Einheiten, die man sonst vielleicht weggelassen hätte.

Man muss Sie fürs Training also manchmal auch motivieren?

Das ist so. Ich habe fast nie ein Problem, auch einmal ein Training auszulassen. Ich betrachte diese Einheit dann als Erholung. Die ist wichtig (schmunzelt).

Insider sagen, dass Sie mehr Trainingseinheiten als viele Ihrer Konkurrenten absolvieren.

Fünf, sechs Einheiten sind der Normalfall. Klar, manchmal waren es auch mehr.Solange man gerne in den Schwingkeller geht, fehlt es an der Motivation nicht.

Im Hinblick auf Estavayer haben
Sie fast Ihr gesamtes Leben dem Schwingen untergeordnet. Ein Wagnis, das sich ausgezahlt hat.

Wahrscheinlich geht es nicht anders. Es kommt halt darauf an, was man erreichen will. Wenn man zufrieden ist, an einem Fest pro Jahr vorne dabei zu sein, dann braucht es diesen Aufwand nicht. Wenn man immer vorne mitmachen und gegen jeden Gegner gewinnen will, dann muss man mehr investieren.

Schwingerkönig Matthias Sempach geht einen ähnlichen Weg wie Sie. Vordrei Jahren triumphierte er damit in Burgdorf. Ist er für Sie ein Vorbild?

Vorbild nicht, nein. Er ist aber einer der Schwinger, die den Sport professionell ausüben. Das beeindruckt mich.

Bei der Hauptprobe auf der Schwägalphaben Sie gegen den Nidwalder Marcel Mathis Ihren dritten Gang verloren. Wissen Sie, wie viele Niederlagen es in diesem Jahr insgesamt waren?

Vier. Da muss ich nicht lange überlegen. Im ersten Moment ärgert mich jede Niederlage. Auf der Schwägalp verletztesich aber unmittelbar vor mir Joel Wicki schwer. Im Nachhinein hat mich das wohl abgelenkt. Als mir ein Schwingerkollege danach sagte, dass meine Niederlage im Vergleich zu Wickis Verletzung nichts sei, hat das in mir etwas ausgelöst. Ich war danach noch stärker.

Sie betreiben seit Jahren Mentaltraining. Hilft das in solchen Momenten?

Es ist schwierig, den Wert des Mentalen zu messen. Ich habe gelernt, mich aus dem Mittelpunkt zu nehmen. Für mich ist das wichtig. Mir gibt es Stabilität. Man muss Nein sagen können, wenn es nicht passt. Das musste ich lernen.

Lernen mussten Sie auch, medial im Mittelpunkt zu stehen. Ihrem Naturell entspricht das nicht.

Ich suche das nicht, das stimmt. Das ist eine Herausforderung. Mein Vorteil ist, dass ich noch jung bin. Ich kann das aber meistern. Auch in diesen Momentenauf mich zu hören, das ist das Wichtigste (überlegt). Im Moment wird schon viel über das Schwingen gesprochen. Irgendwannist es dann auch gut. Es ist mir recht, dass alles bald vorbei ist und wieder andere Sachen im Mittelpunkt stehen.

Nach Ihren Festsiegen sind Sie nun aber zuerst in Estavayer einer der Mitfavoriten.

Dass mir der Sieg zugetraut wird, liegt auch daran, dass mehrere der letzten Könige auch jung waren. Kilian Wenger war in Frauenfeld 19 Jahre alt. Jörg Abderhalden war bei seinem ersten Sieg ebenfalls jung. Deshalb hat man wohl das Gefühl, dass das bei mir auch möglich ist.

Haben Sie dieses Gefühl nicht?

Ich weiss nicht. In vielen Bereichen kann und muss ich mich noch verbessern. Ich habe in den nächsten Jahren weitere Möglichkeiten, ein solches Fest zu gewinnen. Priorität hat für mich in Estavayer klar der Gewinn des Kranzes. Ich bin überzeugt, dass ich das schaffen werde (überlegt). Zurück zum König. Ich habe null Druck. Am Sonntagabend werden wir sehen, was herausgekommen ist. Das Leben geht danach für mich so oder so weiter.

Reüssieren Sie, wird das Ihr Leben total verändern.

Nein, wird es nicht. Im September nehme ich mein Studium auf, egal, was in Estavayer passiert. Nach dem ersten Trubel wird sich alles legen. Ich werde der bleiben, der ich bin. Dafür wird auch mein Umfeld sorgen.

Als Gegner im ersten Gang könnte Ihnen Schwingerkönig Matthias Sempach zugeteilt werden. Löst das mehr Freude oder Frust aus?

Frust nicht, nein. Freude? Ja, vielleicht. Ich nehme es, wie es kommt. Mit Sempach anzuschwingen, wäre sicher nicht schlecht. Wenn nicht er, könnten es Bernhard Kämpf oder Matthias Glarner sein. Ich gehe schon davon aus, dass mir ein grosser Brocken serviert wird.

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