Nachruf

Toni Held, der Don Quijote der Sportmedizin, ist freiwillig aus dem Leben geschieden

Toni Held als Zuschauer in Rio.

Toni Held als Zuschauer in Rio.

Der frühere Schweizer Olympia-Chefarzt Toni Held (54) hat seinen Kampf gegen Windmühlen verloren und ist freiwillig aus dem Leben geschieden.

Es gab eine Zeit, da schwärmte das System von Toni Held. Der junge Sportarzt, früher selbst internationaler Athlet im Orientierungslauf, galt als ausserordentlich intelligent, in der Leistungsdiagnostik als visionär, in der Arbeit mit Athleten als überaus einfühlsam und hingebungsvoll, bei wissenschaftlichen Fragestellungen der Sportmedizin schlicht als genial. Zudem war er ein echter Teamplayer, förderte Kollegen und wurde als Gesprächspartner für seine Offenheit gerühmt. «Toni war ein aufgestellter Arzt und ein toller Kollege», erinnert sich ein Mitstreiter.

Es verwunderte niemanden, dass Held in den Neunzigerjahren eine steile Karriere bei Swiss Olympic und beim Bundesamt für Sport in Magglingen hinlegte. 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta gehörte der in Langenbruck wohnhafte Held zum Schweizer Medical Team der Olympischen Spiele, 2000 in Sydney leitete er dieses als Chefarzt.

Ab 1991 war der gebürtige Bündner während elf Jahren leitender Arzt für Sportmedizin und Leistungsdiagnostik am Sportwissenschaftlichen Institut der Eidgenössischen Sportschule Magglingen. Und er betreute erfolgreiche Athleten wie Viktor Röthlin oder die Fechterin Gianna Hablützel-Bürki.

Gegen seinen Willen nach Hause geschickt

Doch die Olympischen Spiele in Sydney veränderten beinahe alles in seinem Leben. Erschöpft von 16-Stunden-Tagen am Limit, geschwächt von einem viralen Infekt, geschüttelt von Fieberschüben bis 40 Grad schickte ihn die damalige Delegationsleitung nach Hause. Gegen seinen Willen, wie Held später immer wieder betonte.

Da Held früher nach Hause musste, verpasste er dieses grandiose Feuerwerk an der Abschlussfeier von Sydney 2000.

Da Held früher nach Hause musste, verpasste er dieses grandiose Feuerwerk an der Abschlussfeier von Sydney 2000.

Aber da war mehr. Held erhielt in Australien die Information, dass der Schweizer Mountainbiker Christoph Sauser verdächtige Tabletten zu sich nahm und dies gegenüber dem Medical Team gezielt verschwieg. Held, punkto Doping von einer Episode aus Atlanta mit dem damaligen Rad-Olympiasieger Pascal Richard bereits geprägt und gegenüber der Einnahme von illegalen Substanzen eine Nulltoleranz fahrend, vermutete eine unsaubere Aktion und forderte von der Delegationsleitung entschieden Massnahmen.

Doch es passierte – wie bereits vier Jahre zuvor – nichts. Anstatt der Athlet, wurde der Doktor nach Hause geschickt – so zumindest stellte es Held immer wieder dar. Zu schaffen machten ihm offensichtlich auch Spannungen unter den Schweizer Ärzten in Sydney und die nicht von allen Kollegen geteilte harte Linie gegen Doping.

Zwei Wahrheiten

Sydney war gleichzeitig Startpunkt von Toni Helds Kampf gegen das Schweizer Sportsystem, das Doping verschweigt und vertuscht, wie seiner psychischen Leidensgeschichte, die ihn sein Leben lang nicht mehr losliess und stark an die Romanfigur Don Quijote erinnerte. «Ich habe ihn nach Sydney nicht wiedererkannt», sagt ein Kollege, der sich wie Held dem Anti-Doping-Kampf verschrieb.

Mit ihm wurde Held immer verglichen: Don Quijote.

Mit ihm wurde Held immer verglichen: Don Quijote.

Seit damals gab es rund um Toni Held zwei Wahrheiten – die seine und jene des Systems. Dieses bestritt alle seine Vorwürfe, liess ihn fallen. Held verlor Kollegen, Freunde, Ehefrau und letztlich sein Ansehen. Er wurde mehrmals in psychiatrische Kliniken zwangseingewiesen und mit Antidepressiva behandelt. Eine bipolare Störung wurde diagnostiziert, was er selber bestritt. Daneben arbeitete Held weiter mit Sportlern zusammen, die ihn überaus schätzten und seine Arbeit lobten. «Er wurde an den Rand der Gesellschaft gestossen. Und dann haben ihn über die Jahre Ereignisse und Vorkommnisse, die er nicht verstehen, mit seiner Haltung nicht vereinbaren konnte, im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen», schreibt eine Athletin.

Held blieb gefangen im Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Eine Aussage in seinem eigenen Blog macht dies deutlich: «Die Schwachstelle im System ist nicht der Athlet, sondern der Funktionär. Das ganze System ist schon seit Jahrzehnten verfilzt, die Funktionäre decken sich gegenseitig, da die meisten gemeinsame Leichen im Keller haben.» Im tristen November 2016 hat Toni Held seinen Kampf gegen Windmühlen verloren. In zehn Tagen wäre er 55 Jahre alt geworden.

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