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Tom Lüthi muss zwei Wochen vor dem Rennen  in Isolation – nur so sind Rennen in Coronazeiten möglich

Ein Hauch von Gefängnis: Tom Lüthi steht vor einer speziellen Töff-Saison.

Ein Hauch von Gefängnis: Tom Lüthi steht vor einer speziellen Töff-Saison.

Ab nächstem Montag rücken die Töffstars in Jerez zur Saison-Fortsetzung für zwei Rennen ins Fahrerlager ein. Damit diese stattfinden können sind verschiedene Massnahmen nötig.

Ein Töff-Geisterrennen ist die wohl grösste logistische Herausforderung, die der Sport in Zeiten der Virus-Krise kennt. Anspruchsvoller als Geisterspiele im Fussball oder ein Formel-1-Rennen ohne Zuschauer. Es geht nicht bloss um ein Spiel. Bei einem Töff-GP geht es – wenn auch die E-Bikes fahren – um vier Klassen und fast 100 Fahrer samt Dienstpersonal. Die grosse Herausforderung ist das Fahrerlager.

Der ganze Tross reist aus allen Kontinenten und mehr als 20 Ländern am nächsten Montag nach Jerez in Andalusien. Zudem wird rund 400 Tonnen Fracht herangekarrt. Die spanische TV- und Vermarktungsagentur Dorna hält alle Rechte im Töff-Zirkus und ist die höchste Instanz vor Ort. Zusammen mit den spanischen Behörden hat Dorna ein Konzept ausgearbeitet, das die ­Sicherheit in Zeiten der Virus-­Krise garantieren soll. Ein Blick in die 30-seitige, streng vertrauliche Weisung an alle, die nach Jerez reisen, zeigt, wie anspruchsvoll die ganze Operation ist.

1682 Personen statt normalerweise 5000

In normalen Zeiten wieseln rund 5000 Personen durchs Fahrerlager: Piloten, Techniker, Helfer, Gäste, Funktionäre, Medienschaffende, PR-Fachpersonal, Werbearbeiterinnen, Köche, Kellner und Hilfspersonal. Doch nun werden nur noch 1682 Personen zugelassen. Die Teams müssen ihren Personalbestand praktisch halbieren. Auf 45 Personen für die Werkteams der Klasse MotoGP, 25 für die Nicht-Werkteams, und je zwölf Personen für die Moto2- und Moto3-Equipen. Für die Strecken-Organisation sind weitere 450 Personen bewilligt, für die Medien nochmals 40, für die technischen Zulieferer ein Kontingent von 250. Die Journalistinnen und Journalisten sind komplett verbannt, auch die TV-Kommentatoren. Die Rennen werden von SRF live übertragen. Aber im Studio in Leutschenbach kommentiert. SRF-Medienchef Lino Bugmann bestätigt:

Die neun wichtigsten TV-Stationen dürfen immerhin einen Reporter entsenden, der Interviews machen darf. SRF gehört nicht dazu. Der wichtigste Grund, warum Geisterrennen überhaupt gefahren werden, sind die Einnahmen aus den TV-Rechten. Darauf kann Dorna nicht verzichten.

Die Piloten und das technische Dienstpersonal rücken bereits ab nächstem Montag in Jerez ins Fahrerlager ein. Erst einmal sind Tests angesagt, um nach der langen Pause den Rost aus Mensch und Maschine zu fahren. Dann werden an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen am 19. und am 26. Juli je ein GP ausgefahren. Dieses Programm bedeutet für die Piloten, die im GP-Hotel (Hotelzimmer in Containern hinter den Boxen) oder im Motorhome nächtigen, eine zweiwöchige Zwangseinschliessung ins Fahrerlager. Sozusagen eine Isolationshaft. Zu diesen Piloten gehört auch Tom Lüthi. Er sagt, er habe die Weisungen zwar noch nicht ganz genau gelesen.

Um 22 Uhr werden die Zugänge bis am nächsten Morgen zugesperrt. Wer im Hotel ausserhalb des Fahrerlagers übernachtet, soll den Kontakt mit Gästen meiden und nur zwischen Fahrerlager und Hotel pendeln. Der Besuch von Restaurants in der Stadt wird ausdrücklich untersagt. Die Verpflegung im Fahrerlager unterliegt strengen Regeln. Die Hospitality-Schlösser werden nicht aufgebaut, die Selbstbedienung am Buffet ist nicht erlaubt, das Essen wird in «Kochkisten» angeliefert und jeder isst sozusagen für sich allein.

Logisch, dass nur ins Fahrerlager darf, wer getestet worden ist und wo getestet werden muss, ist auch vorgeschrieben. Alle müssen auf ihre Smartphones eine entsprechende App herunterladen. Bei jedem Eintritt ins Fahrerlager wird nicht nur über diese App kon­trolliert, sondern auch die Temperatur gemessen. Und es gilt die Maskenpflicht. Wer im Laufe der zwei Wochen erkrankt, wird isoliert und wenn möglich ersetzt.

Eine Rückkehr zur Fahrerlager-Romantik

In gewisser Weise ist es auch eine Rückkehr zur wahren, längst vergangenen Fahrerlager Romantik. Vor 40 Jahren gab es praktisch noch keine Gäste und nur eine Handvoll Medienschaffende. Die Teams waren klein und mit einer Familie vergleichbar. Die Rückkehr zur familiären Sozialstruktur wird nun auf Seite 14 der Weisungen wörtlich empfohlen: «…the philosophy behind the proposed protocol is to think about the members of each team as family units.»

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