Sport

Tennisspieler in der Krise: «Für viele ist es ein Minusgeschäft»

Sandro Ehrat ist sich gewohnt, eigene Wege zu gehen.

Sandro Ehrat ist sich gewohnt, eigene Wege zu gehen.

Tennisspieler wie der Schaffhauser Sandro Ehrat, die Nummer vier der Schweiz, sind Vorbilder für die Jungen. Aufgrund der Coronakrise ist ihre Karriere jedoch bedroht. Alle Turniere wurden abgesagt, Tennisstunden konnten sie auch keine mehr geben. Wie überleben sie diese Zeit?

Es gibt drei Arten von Spielern. Da ist der Nachwuchs im sicheren Hafen, der in der Schweiz von Swiss Tennis unterstützt wird. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die es geschafft haben und Millionen verdienen, Roger Federer, Stan Wawrinka. Und dazwischen befinden sich die anderen. Sie sind Ein-Personen-Unternehmen, machen alles selbst. Sponsorensuche, Turnierplanung, Hotelreservation. Bei den Männern leben in der Schweiz eine Hand voll unter diesen Umständen, bei den Frauen etwas mehr. Sie sind auf sich gestellt, gerade jetzt, in der Coronakrise.

Einer von ihnen ist Sandro Ehrat, 29 Jahre alt, Weltnummer 393. Anfang März spielte der Schaffhauser noch in der peruanischen Hauptstadt Lima im Davis-Cup. Es war sein bisher letzter Auftritt als Tennisspieler. Als er zurück in die Schweiz kam, begann der Lockdown. Und mit ihm die Unsicherheit. Vor Corona lebte Ehrat zwar vom Sport, ernährte damit seine bald vierköpfige Familie. Sein Einkommen besserte er jedoch mit Tennisstunden auf und immer wieder ist er von neuem auf der Suche nach Sponsoren. Doch nun war plötzlich nichts mehr wie vorher.

Von einem Tag auf den anderen fielen alle Einnahmen weg. Statt auf dem Tennisplatz zu stehen, verbrachte er die Tage mit seinem Sohn auf dem Spielplatz. Sein Training absolvierte er im Wald – oder im Wohnzimmer. Er machte sich viele Gedanken, fragte sich, wie es weitergeht. «Es gibt zum Glück immer wieder Hoffnung», sagt Ehrat. Doch auch er bangte zeitweise um seine Karriere.

Sandro Ehrat

Sandro Ehrat

Unterstützung dank Djokovic, Thiem kritisiert Finanzhilfe

«Spieler wie Sandro sind wichtig», sagt Alessandro Greco, bei Swiss Tennis zuständig für den Spitzensport und Mitglied der Geschäftsleitung. «Er ist der Massstab für die Jungen, sie orientieren sich an ihn. Ein Roger Federer ist viel zu weit weg.» Doch wie bleiben Ehrat und seine Kollegen ein Teil der Tenniswelt? Wie überleben sie die Coronakrise? Novak Djokovic sagt:

Zusammen mit Rafael Nadal und Federer lancierte er im April einen Unterstützungsfonds. Topspieler, Verbände und Veranstalter sollen einzahlen, die ärmeren Spieler werden mit einem Beitrag unterstützt. Von 10000 Dollar pro Spieler ist die Rede. Details zur Verteilung sind jedoch noch nicht bekannt.

Die Kritik am Hilfsfonds liess nicht lange auf sich warten. «Es gibt Personen und Organisationen, die die Unterstützung viel nötiger hätten als Tennisspieler», sagte Dominic Thiem, die Weltnummer drei. Man sei schliesslich in einer privilegierten Situation, wenn man seit der Kindheit trainieren durfte. Auch die Einstellung mancher Spieler stört ihn. Sie würden dem Sport nicht alles unterordnen.

Die Antwort kam postwendend und aus den eigenen Reihen. «Versuch dich in ihre Lage zu versetzen», schrieb Nick Kyrgios auf Instagram. «Wir bekommen an der Spitze viel zu viel bezahlt und zu wenig Geld wird verteilt.»

Auf sich alleine gestellt

Alessandro Greco ist bei Swiss Tennis für den Spitzensport zuständig

Alessandro Greco ist bei Swiss Tennis für den Spitzensport zuständig

Alessandro Greco kennt die Diskussionen. «Nur wenige können vom Tennis leben, für viele ist es ein Minusgeschäft», sagt er. «Es ist jedoch ein heikles Thema, ob Tennisspieler finanziell unterstützt werden sollen oder nicht.» Das habe unter anderem auch mit dem Charakter dieser Sportart zu tun. «Tennisspielen als Beruf ist kein sozialer Sport.» Jeder sei auf sich alleine gestellt, auf und neben dem Platz. Das würden Spieler von klein auf lernen. Swiss Tennis bildet die Jungen deshalb auch zu Unternehmern aus.

Der Grund, warum Swiss Tennis während der Coronakrise keine direkte finanzielle Unterstützung bietet, ist jedoch ein anderer. Der Verband richtet sich vor allem an den Nachwuchs. «Wir versuchen jedoch, die Spieler indirekt zu unterstützen», sagt Greco. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. Zusammen mit Clubs und Veranstaltern plant Swiss Tennis eine Preisgeldturnierserie in der Schweiz. Innerhalb von drei Monaten sollen fünf bis sieben Turniere stattfinden. Dadurch erhalten die Sportler Spielpraxis, können ihren Sponsoren wieder Plattformen bieten – und sie verdienen Geld. Leistungsabhängig.

Interclub-Saison verbessert die Situation der Spieler

Ehrat freut sich auf die ersten Matches, hofft auch darauf, bald wieder Interclub spielen zu können. In Deutschland wurde die Clubmeisterschaft zwar gestrichen, in der NLA sollen jedoch ab dem 28.Juli wieder Spiele stattfinden. Das ist ein wichtiger Schritt für Spieler wie ihn. Denn gerade dort verdienen sie einen grossen Teil ihres Geldes. Auf den Hilfsfonds verlässt er sich hingegen nicht, auch wenn er sich über einen Beitrag freuen würde. Ehrat versteht jedoch auch die Kritik:

Er geht in dieser Krise einen eigenen Weg. Via Crowdfunding auf lokalhelden.ch sammelt er Geld, um seine Karriere weiterführen zu können. Über 6000 Franken kamen bereits zusammen. Zudem haben sich zwei Gönner bei ihm gemeldet. Im Tausch gegen Sponsoringgeld gibt er ihnen Tennisstunden.

Sandro Ehrat mit seiner Familie.

Sandro Ehrat mit seiner Familie.

Greco hofft, dass viele dem Sport erhalten bleiben. «Ich bin optimistisch», sagt er. Und rechnet trotz Coronakrise nicht damit, dass einer in diesem Sandwich zwischen Junior und Millionär aufhört. Weil Tennisspieler eben daran gewöhnt sind an diesen Kampf. «Sie sind abgehärtet», sagt Greco. Und Ehrat? Während des Gesprächs strahlt er Zuversicht aus. «Man findet immer eine Lösung», sagt er. Jammern will er nicht.

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