Dezent, aber doch deutlich erkennbar prangt eine goldene Krone auf dem schwarz-weiss gestreiften T-Shirt, das Roger Federer an diesem Tag trägt, als er durch die Katakomben des Indian Wells Tennis Garden geführt wird. Von Kamera zu Mikrofon, von Reporter zu Fan.

Federer, der Sieger von 2004, 2005, 2006, 2012 und 2017 ist hier der König der Massen, und das entspricht wohl auch seinem Selbstverständnis. Die Begehrlichkeiten, die Termine – es sind die oft unterschätzten Begleiterscheinungen seines Erfolgs.

Wo er hinkommt, sind die Handys auf ihn gerichtet. Jeder möchte etwas von ihm und Federer spielt das Spiel mit. Gerne, wie er sagt. Doch manchmal wird man auch bei ihm den Eindruck nicht los, dass der Rummel selbst ihn ab und an überfordert.

Als er gebeten wird, das Turnier, das nach den Grand-Slam-Turnieren als grösstes und wichtigstes im Kalender gilt, mit einem einzigen Wort zu beschreiben, legt er eine Kunstpause ein: «Paradies.»

Der Gigantismus in der Wüste

Es ist der Slogan, mit dem Software-Milliardär Larry Ellison (Oracle) sein Turnier in der kalifornischen Wüste in den vergangenen Jahren zum grössten und wichtigsten nach den Grand Slams ausgebaut hat.

Seit 2009 gehört ihm der 49 Hektar grosse und 29 Plätze umfassende Komplex, den er seither einer Radikalkur unterzogen hat. 2014 wurde innert zehn Monaten ein neues Stadion, das 8000 Zuschauern Platz bietet, aus dem Boden gestampft.

Auch das Hauptstadion, das 16'100 Zuschauern Platz bietet und nach dem Arthur Ashe-Stadion in New York die zweitgrösste Tennisarena der Welt ist, wurde in den vergangenen Jahren veredelt. Ein Ende des Gigantismus ist nicht absehbar.

Für Fans ist der Indian Wells Tennis Garden ein Paradies. Und für Spieler? Federer äussert sich differenzierter, als er dem Schweizer Fernsehen Auskunft gibt. Das Wort Paradies fällt diesmal nicht. «Das Turnier ist gewachsen, und es ist immer viel los. Es ist schon eine Umstellung», sagt er auf die Frage, wie stark der Kontrast zu Dubai sei, wo er vor Wochenfrist seinen 100. Titel gewonnen hatte. «Ich bin ein Fan der kleinen Turniere.» Dort gehe es ruhiger zu und her, «dort kann ich es mehr geniessen». Er sei froh, spiele er nicht jede Woche in Indian Wells.

Unter Zugzwang

Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass Federer in Indian Wells zurück an einem Wendepunkt ist. Von Januar 2017 bis Februar 2018 hatte er 9 von 14 Turnieren, die er bestritt, gewonnen – darunter drei Grand-Slam-Turniere.

Die Resultate gipfelten in der Rückkehr auf den Thorn der Weltrangliste. Im Vorjahr erreichte er den Final, vergab gegen Juan Martin Del Potro aber vier Matchbälle. Seither hat Federer «nur» noch 3 von 12 Turnieren (Stuttgart, Basel und Dubai) gewonnen, aber keines der ganz grossen.

Federer sagt: «Ich sehe mich nicht als einen Übermenschen. Perfektion existiert nicht. Jeder hat seine Fehler, auch ich.» Zwischenzeitlich rutschte er bis auf Platz 7 der Weltrangliste ab. Den Nachweis, Rafael Nadal und Novak Djokovic auf den grössten Bühnen schlagen zu können, ist er zuletzt schuldig geblieben.

Auch deshalb steht er in Indian Wells weiter unter Zugzwang. Gelingt ihm das, wird Indian Wells auch für ihn wieder zum Tennis-Paradies. Es würde ihm und dem Turnier die Krone aufsetzen.