«Nichts Schlimmes», beschwichtigt der Romand. Natürlich überwiege die Enttäuschung, frustriert sei er aber nicht. «Ich habe in den letzten Monaten gelernt, immer nach vorne zu schauen und die Gegenwart noch schneller hinter mir zu lassen. Dass es gut ist, die Dinge manchmal mit etwas Distanz zu betrachten.» Er hat das Aufstehen längst verinnerlicht. Immer und immer wieder. Auf seinem linken Unterarm liess er sich darum auch einst die Worte von Samuel Beckett stechen: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

Seine Einstellung zum Scheitern hat den 33-Jährigen zu einem der Besten gemacht. Er war einmal ein «dicklicker» Junge, wie er selber sagte, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Saint-Barthélemy. Er sei nie ein Talent gewesen, sondern «der Typ, den man übersieht.» In der Schweiz gehörte er nie zu den besten Junioren. So verbunden er der Heimat ist, sein Glück suchte und fand er schon früh in der Fremde. Er ist 15 Jahre alt, als er das Elternhaus verlässt, um mit Dimitri Zavialoff, einem Freund der Familie, im spanischen Castelldefels, einem mondänen Küstenort in der Nähe Barcelonas, seine Karriere aufzubauen.

Einer, der sich nicht verbiegt

Es steht exemplarisch für seine Karriere. Es ist es nicht so, dass er in der Heimat nichts zählt, doch gerade in Basel ist er ein Fremder geblieben. Das hat viel damit zu tun, dass er sich in der deutschen Sprache so unwohl fühlt, dass er sich hier ausschliesslich in seiner Muttersprache Französisch äussert. Im Land der vier Amtssprachen wirkt das auf viele befremdlich. Doch Stan Wawrinka war nie einer, der sich verbiegt, um den Erwartungen der Öffentlichkeit zu entsprechen.

Die Beziehung zu den Turnieren in der Schweiz ist nicht unbelastet. Auf Basel verzichtete er 2010, weil Turnierdirektor Roger Brennwald nicht bereit war, eine Antrittsgage zu entrichten. In Gstaad suggerierte Turnierdirektor Jeff Collet, Wawrinka täusche Verletzungen vor, um sich vor der Teilnahme zu drücken, zu der er vertraglich verpflichtet gewesen wäre. In Gstaad hat Wawrinka seit fünf Jahren nicht mehr gespielt. Dem sportlich unbedeutenden Turnier ist er längst entwachsen. Gleiches gilt im Prinzip für die Geneva Open.

Liebe auf den ersten Blick

Doch von einem Heimturnier hatte er lange nur träumen können. Als das Turnier vor drei Jahren revitalisiert wurde, war es wie Liebe auf den ersten Blick: Wawrinka gewann zwei Mal. Seine Teilnahme liess er sich mit marktüblichen 500 000 Franken pro Vertragsjahr vergüten. Doch als es um die Erneuerung ging, kam es zum Zerwürfnis. Mit seiner Knieverletzung und seinem Absturz in der Weltrangliste sahen die Organisatoren seinen Marktwert erodieren. Auf lediglich 80 000 Franken habe sich das neue Angebot belaufen. Wawrinka sagte: «Ich spürte schon letztes Jahr, dass die Organisatoren keine Lust hatten, einen neuen Mehrjahresvertrag abzuschliessen.» Wawrinka steht nicht im Ruf, geldgierig zu sein. Als er im Februar in Marseille verletzt aufgab, verzichtete er auf den Grossteil der Startgage und spendete den Rest für einen guten Zweck. Es geht ihm ums Prinzip.

Stan Wawrinka ist 3-facher Grand-Slam-Sieger, war die Nummer 3 der Welt. Doch in der Schweiz erfährt er noch immer viel zu selten die Wertschätzung, die er verdient. Noch heute wird er danach gefragt, wie oft er mit Roger Federer telefoniert, oder wie es dem Baselbieter gehe. Er hat sich nie darüber beschwert, aber nicht immer fällt es ihm leicht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

In Basel muss er das nun nicht mehr. «Es war ein schwieriges Jahr, die ersten sechs Monate die schwierigsten meines Lebens», sagte er. 2017 hatte er sich zwei Knieoperationen unterziehen müssen. Erst in den letzten drei Monaten fand er den Tritt wieder. In Cincinnati erreichte er die Viertelfinals, in St. Petersburg die Halbfinals. In der der Weltrangliste verbesserte er sich um 200 Positionen. Stan Wawrinka ist wieder aufgestanden. Nicht in Basel. Sondern in der Fremde. Einmal mehr.