Nach der Finalniederlage in Wimbledon hatte Federer geweint. Es war einfach zu knapp gewesen in diesen fünf Sätzen gegen Novak Djokovic. Viel besser als an jenem Tag konnte Federer nicht spielen. Und zu spüren, dass es trotzdem nicht für seine 18. Major-Trophäe gereicht hat, tat weh. Auch, weil er wusste, dass seine Chancen nirgendwo besser stehen als auf dem Rasen des All England Clubs.

Und viele Gelegenheiten würden ihm mit seinen 33 Jahren nicht mehr bleiben, das ist Federer sehr bewusst. Nun jedoch hatte sich in Flushing Meadows plötzlich eine Möglichkeit aufgetan – ohne Rafael Nadal, zwar mit Andy Murray und Novak Djokovic, allerdings ohne ihre Bestform. So standen Federer für den Titel mit Marin Cilic und Kei Nishikori lediglich zwei Spieler im Wege, die auf der grossen Bühne noch grün sind. Der Papierform nach fühlte es sich an, als müsse Federer bloss zwei Penaltys versenken, bei denen gar kein Keeper im Tor steht. Ein reiner Selbstläufer also, ein Geschenk des Himmels für den Schweizer. 

Doch Federer versenkte die Steilvorlage nicht. Im Gegenteil, er war im Halbfinal gegen Cilic sogar chancenlos. Selten hatte man den Baselbieter so ratlos gesehen, er fand gegen den kroatischen Aufschlagriesen einfach kein Mittel. Dabei verfügt Federer über ein Repertoire, um das ihn alle Welt beneidet. Schon im Viertelfinal hatte er mit dem Rücken zur Wand gestanden, sich gegen Gael Monfils gerade noch gerettet.

Die Frische im Kopf hat gefehlt

Dieses Mal aber reichte die Energie nicht mehr, und gegen Cilic fehlte Federer zeitweise auch der Glaube an die Wende. Im Express-Tempo war es vorbei, die grosse Chance an ihm vorbeigerauscht. «Meiner Fitness wegen habe ich nicht verloren», sagte er, «das war das geringste meiner Probleme.» Denn nicht sein Körper, sondern der Kopf war müde, und die Frische nach den fordernden Wochen auf der Hartplatz-Tour fehlte ihm.

Mit seinen erfolgreichen Auftritten in Toronto und in Cincinnati, wo er seinen ersten Masters-Titel seit zwei Jahren gewann, demonstrierte Federer sich selbst und allen anderen, dass er wieder auf hohem Niveau spielen kann, dass er körperlich wieder bei voller Fitness und weiterhin hungrig auf Titel ist. Dennoch hatte ihn der famose Lauf in dieser Saison nach den Enttäuschungen der letzten dazu verleitet, zu viel zu spielen. Besonders das Mammutprogramm im Vorfeld des US Open rächte sich nun. So schaffte es Federer in der heissen Turnierphase nicht mehr, sich noch zu steigern. Bisher war das immer eine seiner herausragendsten Fähigkeiten. 

Federer wird seine Turnierplanung künftig sicherlich überdenken und geschickter dosieren. «Ich dachte wirklich, ich könnte das Turnier gewinnen. Nach der guten Saison, die ich gespielt habe, ist es sehr schade», sagte Federer. Er war enttäuscht, jedoch nicht am Boden zerstört wie in Wimbledon. Seine Form und seine Fitness liessen ihn sofort nach vorne blicken, auf die nächsten Herausforderungen im Davis Cup gegen Italien und auf das Australian Open im Januar. Federer muss keinen 18. Grand-Slam-Titel mehr gewinnen, doch er will es.

Und er glaubt daran, dass das US Open nicht seine letzte Chance gewesen ist. Die Finals in Paris und Wimbledon würden das belegen. Und dass nun in New York erstmals seit den Australian Open 2005 ein Major-Endspiel ohne einen der «grossen 4» stattfindet, zeige nur, dass die zweite Reihe jetzt nachgerückt sei. Obwohl Federer es nie sagen würde, weiss er dennoch, dass es künftig immer schwieriger werden wird, seine Trophäensammlung zu erweitern.