Pferde, Pferde und nochmals Pferde. Im Leben des 49-jährigen Pius Schwizer dreht sich alles, aber auch wirklich alles nur um die grossen Vierbeiner. «Sieben Tage in der Woche, 24 Stunden pro Tag. Zeit für etwas andere bleibt da nicht übrig», sagt Pius Schwizer. So ist es ziemlich schwierig, den gebürtigen Luzerner für ein paar Fragen ans Telefon zu kriegen. Irgendwo zwischen einem Strohballen und einem Pferdesattel findet er dann kurz Zeit. Er redet schnell, die Hektik ist zu spüren. Aber er bleibt stets freundlich und lacht mehr als einmal in den Telefonhörer.

Von heute bis Sonntag reitet Pius Schwizer beim Weltcupfinal in Leipzig – als einziger Schweizer. «Für mich ist das keine Ehre, der Einzige zu sein. Schade, dass sich sonst keiner qualifiziert hat», sagt die ehemalige Weltnummer 1. Einige hätten Pech mit Verletzungen der Pferde gehabt oder ihre besten Vierbeiner verkauft. «Und dann läuft halt plötzlich gar nichts mehr. So fliegt man schnell aus den Top 200.»

Zurzeit ist der Oensinger der fünftbeste Springreiter des Planeten. Zwei Pferde darf er nach Deutschland mitnehmen. Neben seiner Nummer 1 Carlina – «das ist ein absolutes Ausnahmepferd» – wird Ulysse X in Leipzig über die Hindernisse springen. Den Grossteil der Prüfungen wird er mit Carlina reiten. Das Ziel des Wahl-Solothurners ist klar: «Ich will unter die besten drei kommen und eine Medaille holen. Aber dazu braucht es natürlich auch das nötige Quäntchen Glück.» Für Schwizer geht es nach dem Auftritt in Deutschland darum, sich mit weiteren guten Resultaten bis Ende Saison in den Top 10 der Weltrangliste zu halten. «Das ist für uns enorm wichtig. Dann wird man automatisch zu den grossen Turnieren eingeladen.»

Jeden Morgen steht Pius Schwizer um 6 Uhr auf. Auf der Anlage in der äusseren Klus mit 70 Pferden und zehn Angestellten gibt es eine ganze Menge zu tun. Wann ist Feierabend? «Wenn niemand mehr auf der Anlage ist, dann gehe auch ich», erzählt Schwizer. Zum Mittagessen komme er eigentlich nie. Und wie lautet Schwizers Berufsbezeichnung? «Zigeuner», sagt er und lacht. «Nein, ich bin Kaufmann. Ich bin ja gelernter Metzger. Zum Glück habe ich damit nichts mehr zu tun. Denn mit den Pferden braucht es eine Menge Feingefühl.» Mit auf dem Hof arbeitet auch seine Lebenspartnerin Nicole Scheller, die 2007 sogar noch vor ihm Schweizer Meisterin wurde. «Bei uns funktioniert es. Wenn meine Partnerin meine Liebe zu den Pferden nicht teilen würde, dann wäre die Beziehung zum Tode verurteilt», sagt Schwizer.

Traum: Mit Olympiasieg aufhören

Im nächsten Jahr wird der Weltklasse-Reiter 50-jährig. Ans Aufhören denkt er aber noch nicht. Mit einer Ausnahme: «Wenn ich in London Einzel-Olympiasieger würde, dann würde ich meine Karriere beenden. Ich möchte keiner von denen sein, die den Absprung zum Rücktritt verpassen.» Pius Schwizer, er holte 2008 in Peking bereits eine Olympia-Medaille (Bronze mit dem Team), glaubt an seine Chancen in London. «Mit einem solchen Spitzenpferd wie Carlina gehöre ich zu den Medaillenanwärtern.»