Fussball
YB-Fan Bänz Friedli: «Die ganze Schweiz findet uns drollig»

Heute wartet YB seit 10000 Tagen auf einen Titel – ein Gespräch über Berner Hoffnungen und Illusionen. Und warum es den Young Boys immer wieder gelingt, grossen Gegnern wie dem SSC Neapel paroli zu bieten.

Etienne Wuillemin, François Schmid-Bechtel
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Bänz Friedli, Kolumnist und YB-Fan, bei sich zu Hause auf dem Balkon. Der Sieg gegen Napoli? «Typisch YB! Eine Sternstunde, die nicht viel bringt, aber wir Fans werden lange davon zehren. Und Mvogo hat sich in mein Herz gespielt.»

Bänz Friedli, Kolumnist und YB-Fan, bei sich zu Hause auf dem Balkon. Der Sieg gegen Napoli? «Typisch YB! Eine Sternstunde, die nicht viel bringt, aber wir Fans werden lange davon zehren. Und Mvogo hat sich in mein Herz gespielt.»

Tanja Demarmels

An der CD-Wand hängt nur ein Spieler: Emmanuel Mayuka. Aber sein Leben ist voller YB. Bänz Friedli, 49, Autor, Kolumnist beim «Migros-Magazin» und Kabarettist empfängt die Gäste zu Hause in Zürich Albisrieden. 10 000 Tage ohne Titel, sie können nichts ändern an seiner Liebe zu YB. Um 17.32 Uhr nimmt er den Zug von Zürich nach Bern. «Es ist ein Fussballabend wie gemacht für YB. Ein Sieg gegen Neapel in der Loser-Liga, das gelingt bestimmt!»

Müssen sich Ihre zwei Kinder ab und zu für ihren Vater schämen, weil er YB-Fan ist?

Bänz Friedli: Wenn wir früher im Familiensektor die Spiele verfolgten und ich mich wieder mal nicht mehr spürte und «Schiedsrichter, du Pfiiffe!» schrie, kam es vor, dass meine Tochter sagte: «Bis mal still! Die kennen dich doch alle.» Schämen während des Spiels? Ja. Echte Fans stellen ihr Hirn ja ab, bevor sie das Stadion betreten. Aber dass sie sich in Zürich schämen müssten? Nein. Weil als ewiger Verlierer ist YB hier ja allen sympathisch.

Das ist doch schön.

Die ganze Schweiz findet uns YB-Fans drollig und irgendwie süss. Meine FCZ- und GC-Freunde unterstützen YB, wenn sie mal nicht im Rennen sind. «Hauptsach nöd dä FC Bisel», sagen sie dann. YB ist ja so herzig ungefährlich.

Versucht man als YB-Fan alles, seine Kinder zu Nicht-YB-Fans zu erziehen, um ihnen Leid zu ersparen?

(Lacht laut.) Das ist gemein! Das ist eine religiöse Frage. Es gibt Sachen, mit denen kommt man auf die Welt. Ich bin ein Migros-Kind und YB-Fan. Ich kenne Leute in Zürich, die sind in Thun geboren und jetzt höre ich sie plötzlich «ich bin Effceezett-Fan» sagen, das glauben die ja selber nicht! Nein, wir sind YB, forever! Wobei, mein Sohn hat es auf seine Weise gelöst: Ihm geht Fussball am Füdle vorbei. Es kann WM-Final sein, längst schaut sogar die Frau mit, das halbe Quartier ist bei uns in der Stube, aber er beschäftigt sich in seinem Zimmer mit Lego.

Und Ihre Tochter?

Die ging jeweils von Kopf bis Fuss gelb-schwarz eingekleidet ins Training des FC Blue Stars. 22 andere Mädchen riefen «Scheiss-YB», aber sie hielt das locker aus. Nicht, dass ihr das Loser-Image gefiele, das nicht. Sie ist es, die mich oft tröstet: «Du erlebst den nächsten Titel schon noch.» Und ich muss ihr sagen: «Du bestimmt!» Wir trösten uns gegenseitig.

Ein Fan, der stets Mitleid bekommt – es gibt Schöneres.

Mich nervt, wie man sich in Bern mit den ewigen Niederlagen einfach einrichtet. Letzthin im Radio, Kuno Lauener, grossartiges Interview eigentlich, dann aber die Frage: «Wenn jetzt YB tatsächlich einmal Meister würde, könntest du überhaupt eine Siegerhymne schreiben, du bist ja eher auf «Loser-Songs» spezialisiert?» Antwort Kuno: «Hmm, das ist doch gar nicht so wichtig. . .», und dann sagt er diesen Wahnsinnssatz, ich beisse fast ins Radio: «Rang zwöi isch ja o suberi Büez.» Ich bin fast durchgedreht, bei allem Respekt für Kuno, Rang zwöi isch nid suberi Büez! Im Gegenteil, nichts ist scheisser als Rang zwei, wie Erik Meijer von Leverkusen treffend sagte. So denkt doch jeder Fan.

Ausser in Bern, da denken die Leute wie Kuno Lauener.

Mich stört diese Haltung. Und sie geht weit über YB hinaus. Die Stadt hat sich eingerichtet als gemütlich, ungefährlich, mit dem Image des netten Losers, das ist die Mentalität. Sie schützt ja auch vor Enttäuschungen. Man will gar nicht herausragend sein. Mich verwundert dann eben nur, wie einer von der Elfenbeinküste via Japan zu YB kommen kann, und nach drei Monaten hat er diese Mentalität auch drin. Das ist doch nicht normal! Es gab Phasen, da war die halbe Elfenbeinküste da und hatte irgendwie im Kopf: «Rang zwöi isch o suberi Büez». Obwohl sie nicht einmal Deutsch konnten.

Warum ist YB trotzdem grossartig?

In meinem Leben vielleicht, weil es das Beständigste ist. Weil YB schon doppelt so lange dauert wie die Beziehung zu meiner Frau. Und Fussball, da kann ich zurück in die Buben-Rolle, dann ist die Welt 90 Minuten einfacher als sie eigentlich ist.

Eine Art der Wirklichkeitsflucht?

Ja klar, Fussballfan sein ist immer Flucht aus der Realität. Ich habe ganz viele Kollegen, die allen Ernstes behaupten, der FCZ sei ein Büezer-Verein. Da sagst du: «Hey, aber Frau Canepa ist jetzt nicht der Inbegriff einer Büezerin, sondern Multimillionärin, und sie zahlt eure Träume.» Mit denen kannst du nicht einmal ausserhalb des Stadions vernünftig diskutieren. Ich bin nur im Stadion naiv.

Wo waren Sie am 8. Juni 1987, beim Cupsieg gegen Servette, dem letzten YB-Titel bis heute?

Da war ich Reporter für Radio Förderband auf Platz D52 im alten Wankdorf. Wir Reporter durften damals noch in die Garderobe, «Tinu» Weber gab seine Interviews stets frisch geduscht und splitternackt, so auch an jenem Nachmittag. Ich werde nie vergessen, wie er seelenruhig mit einem Frottiertuch sein Schnäbi trocknete und dazu in mein Mikrofon redete. Die Formation von damals kann ich noch heute im Schlaf aufsagen: Zurbuchen, Wittwer, Conz, Weber, Gertschen, und so weiter. Bei der heutigen habe ich mehr Mühe.

Für YB müsste doch längst wieder ein Titel drinliegen.

Der Druck kommt von aussen. Von Zürich sowieso, von Basel, vom Aargau sogar. Die «Berner Zeitung» schreibt, die Niederlagen gegen Basel seien die besten Saisonleistungen gewesen. Da bekomme ich Vögel. Null Punkte! Sorry, eine Leistung ist scheisse, wenn man nicht gewinnt. Nein, es ist nicht die beste Saisonleistung, wenn Alain Rochat einen derartigen Fehlpass spielt wie ich in der Alternativliga. Ach, was rege ich mich auf, Sie schaffen es, mich in Rage zu bringen – dabei war ich doch viel cooler über die letzten Monate.

Vor einem Jahr startete YB mit fünf Siegen in die Meisterschaft ...

... und ich liess mich täuschen. Ich dachte: Jetzt passiert es. Der Filmemacher Bernhard Giger und ich starteten euphorisch einen Mailwechsel, wollten diesen nach dem Titel als Buch herausgeben. So wie es die beiden US-Autoren Stephen King und Stewart O’Nan 2003/04 taten, als ihr Team, die Boston Red Sox, nach 86 Jahren erstmals wieder einen Titel gewannen. Das soll nicht anmassend tönen – und es wurde ja dann bekanntlich doch nichts.

Die tiefe Depression geht weiter.

Immer wieder stürze ich in die gleiche Falle, ärgere mich über mich selbst. Dieses Jahr wieder. Ich dachte: Fünf
19- oder 20-Jährige in der Stammformation, cool! Da will ich auch geduldig sein, wenn es erst in zwei oder drei Jahren klappt. Und mitten in der aufkeimenden Hoffnung wechselt Michi Frey zu Lille.

Das muss wehgetan haben.

Doppelt! Weil er erstens ein geiler Siech ist. Wieder einmal eine Figur, die berndeutsch sprach und nicht immer vorgestanzte Gehirnwäsche-Antworten gab. Warum hast du das Tor gemacht? «Weil ich zuvor am Thunersee Enten gefüttert habe.» Grossartig! Aber wenn Michi Frey zu Lille geht – und es ist ja nicht Liverpool oder Bayern oder wenigstens eine schöne Stadt – dann heisst das: Nicht einmal er glaubt daran, dass es in den nächsten Jahren etwas wird mit einem Titel. Sonst hätte er es doch erleben wollen.

YB macht wieder einmal glücklich

Die Young Boys haben einen weiteren bemerkenswerten Europacup-Heimsieg realisiert. Die Berner schlugen Napoli dank den Toren von Hoarau (52.) und Bertone (92.) nach der Pause 2:0 und übernahmen in der Europa League die Spitze der Gruppe I. Das wegweisende Führungstor hatte YBs Bester kurz nach der Pause herbeigeführt. Nach Vorarbeit von Renato Steffen auf dem rechten Flügel sowie Yuya Kubo schloss Guillaume Hoarau mit einem Flachschuss aus zwölf Metern ab. Es war für den Franzosen das verdiente Erfolgserlebnis, nachdem er vor der Pause schon die drei gefährlichsten Abschlüsse der Berner verzeichnet hatte. Im dritten Europa-League-Spiel erzielte Hoarau schon den dritten Treffer. Der Erfolg gegen den Gruppenleader Napoli bringt YB bei Halbzeit der Gruppenphase in eine günstige Ausgangslage im Kampf um die Plätze 1 und 2. In zwei Wochen steht das Rückspiel in Neapel an. Gegen ein Napoli in dieser Verfassung ist YB auch im San Paolo nicht chancenlos – und ein zweiter Sieg gegen den Gruppenfavoriten wäre auf dem Weg in die Sechzehntelfinals wohl schon ein vorentscheidender Schritt. Der Sieg ist ein weiteres Highlight für die Berner in ihrer europäischen Bilanz. Napoli ist nach Tottenham Hotspur (2010), dem VfB Stuttgart (2010), Zenit St. Petersburg (2011) oder Udinese (2012) ein weiteres prominentes Opfer im Stade de Suisse. (SI)