Pferdesport

Wilder Westen statt edler Piaffen in der Schweizer Dressur-Szene

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Wo Harmonie draufsteht, muss nicht immer Harmonie drin sein. Im helvetischen Dressursport kracht es derzeit gewaltig. Der Neuendörfer Martin Walther (64) ist als Disziplinenchef der Schweizer Dressurreiter zurückgetreten – einer mehr ...

An der Schweizer Meisterschaft der Dressurreiter in Homlikon waren die vier helvetischen WM-Paare jüngst geladen. Geehrt sollte das Quartett da werden, das aufgrund der WM die SM verpasst hatte. Letzteres sehr zum Missfallen der einen oder des anderen. Zwei, die Bernerin Mélanie Hofmann und die Zürcherin Caroline Häcki, kamen dennoch. Die andere Hälfte, der Zürcher Hans Staub und die Luzernerin Marcela Krinke, liessen sich entschuldigen. Letztere, die an der WM in der Normandie Rang 16 belegte und damit den Einzug in die finale Kür bloss um einen Platz verfehlte, wäre die Titelverteidigerin gewesen. Die 49-jährige, gebürtige Tschechin ist aktuell die klare Nummer 1 im Land. «Nur» die halbe National-Equipe liess sich also an der SM blicken. «Ein absoluter Affront», sagt Disziplinen-Chef Martin Walther. «Nicht mir gegenüber, aber vis-à-vis dem Sport als Ganzes und vieler, die sich mit Herzblut dafür engagieren.» Kaum war die SM vorbei, trat Walther «not very amused» subito von seinem Posten zurück.

Es poltert und rumort

Was da im Wettkampf so anmutig dahergaloppiert, die eleganten Piaffen und Traversalen, die Tempiwechsel, eingerahmt in stimmungsvoller Musik – all das kann abseits der Gala ganz poltern und rumoren. Was zuletzt in der Führungsetage respektive im Lager der Dressurabteilung des Schweizerischen Pferdesportverbands abging, hat wenig mit Eintracht und purer Harmonie zu tun. Dafür viel mehr mit Intrigen, Machtkämpfen, Lagerbildungen und Wahren von primär eigenen Interessen. «Ich bin ein erfolgsorientierter Mensch», gibt Walther zu. Ein Macher. Von 1993 bis 2000 war er Equipenchef der Schweizer Springreiter – eine erfolgreichere Ära, mit unter andrem zwei EM-Teamgoldmedaillen und olympischem Silber, gab es seither nie. Wenn ihm auf seinem Weg Hindernisse begegneten, so Walther, «hinterfrage ich zuerst mich». Wenn er nichts erkennen könne, was er bei sich ändern könnte, um mit starker Hand seinen Weg fortzusetzen, gehe er ihn weiter. Allerdings nicht so lange, bis er irgendwelche gesundheitlichen Schäden davontrage. «Verbiegen aber lasse ich mich nicht. Einen Zickzackkurs gibt es bei mir nicht.»

Logischer Abgang

Martin Walthers Abgang hat in dem Sinn eine gewisse Logik und ist aber auch ein weiteres Kapitel in einer Reihe von wilden Ritts. Schon im Mai waren kurz nacheinander Equipenchef Jean Michel D’Arcis und Sportchef Christian Pläge zurückgetreten. Das Fass zum Überlaufen hatte damals diese Geschichte gebracht: Beim weltgrössten und prestigeträchtigsten Event in Aachen hätte die Schweiz heuer drei Startplätze erhalten. Dies, weil man als Gastland eingeladen war. Diese einmalige Chance sei von einigen Leuten unverständlicherweise verhindert worden, klagt Pläge. In Aachen können normalerweise nur die Allerbesten antreten. Und dazu gehören die Nummern 2, 3 oder 4 der Schweiz hinter Marcela Klinke garantiert nicht. «Hätten wir die Anfrage wahrgenommen und versucht, zwei weitere Paare neben Marcela Krinke zu schicken, wären die beiden in Aachen geschnetzelt und gebraten worden», sagt Walther. Freilich geht es im Dressursport eben auch um andere Werte: Darum, wie viele Schüler von welchem Ausbildner in einem Kader reiten etwa, oder welche Pferde an Top-Turnieren zum Einsatz kommen und, und … Alles Facts, die sich in letzter Konsequenz positiv auf Renommees, Werte und Geldbeutel auswirken können.

Tanz auf der Rasierklinge

Das mit dem leistungsorientierten Handeln kann in so einem Fall darum fix zu einem Tanz auf der Rasierklinge werden. Ganz dem Schrei der Basis folgend: «Wir wollen eine starke Hand am Ruder und ganz klare Richtlinien; aber bitte nur so klar und so stark, solange ich keine Nachteile davontrage.» Der Selektionskommission des Verbandes habe damals auf jeden Fall, als es um Aachen ging, seine Argumentation eingeleuchtet, hält Walther fest. Freilich ist das offenbar so nicht als offiziell für richtig befundene, klipp und klare Verbandshaltung zum Ausdruck gekommen. Pläge und D’Arcis jedenfalls sind davongaloppiert.

So ist das Schweizer Dressurreiten derzeit ohne Equipen- und Disziplinenchef. Den Posten des Sportchefs hat inzwischen Martin Wyss, Mitglied des Kavallerie- und Reitvereins Olten-Gösgen, übernommen. Tja, wahrlich mehr wildes Westernreiten als grazile Galoppade.

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