Eishockey NLB
Wie Michel Zeiter den EHC Winterthur vom NLB-Aussenseiter zum Topteam formt

In der NLB haben sieben Klubs ein Aufstiegsgesuch gestellt. Winterthur gehört nicht dazu – doch nach einem fulminanten Saisonstart, den unter anderem auch die Oltner bei der 2:3 n.V.-Niederlage letzten Samstag am eigenenen Leibe erfuhren, grüssen die Zürcher sensationell von Rang 2. Ein Besuch bei Trainer Michel Zeiter.

Ralf Meile
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Hat gut lachen: Zeiter liegt mit Winterthur derzeit auf Rang 2.

Hat gut lachen: Zeiter liegt mit Winterthur derzeit auf Rang 2.

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«Zielbau Arena» heisst das Stadion des EHC Winterthur seit Anfang Saison und dieser Name ist Programm. Denn Michel Zeiter ist mit dem Ziel angetreten, als Trainer und Sportchef des NLB-Klubs etwas aufzubauen. Das gelingt ihm schneller als erwartet: Winterthur steht nach acht Runden auf Rang 2. Der Heimsieg gegen Martigny am Dienstag war der fünfte in Folge, alle gegen aufstiegswillige Konkurrenten. Zeiter freut sich besonders über die Art und Weise, wie das 3:2 zustande kam: «Wir haben richtig tolles Eishockey gespielt.»

Zeiters neuer Arbeitsplatz: Die Eishalle Deutweg in Winterthur.

Zeiters neuer Arbeitsplatz: Die Eishalle Deutweg in Winterthur.

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Als Spieler war der 42-jährige Zeiter der «König der Löwen», Publikumsliebling beim ZSC. Nun arbeitet er in einer Stadt, deren Wappen aus gleich zwei Löwen besteht. Zeiter kam zu einem Klub, der in seiner ersten NLB-Saison abgeschlagen Letzter wurde. Bloss 24 Punkte wurden in 45 Partien geholt, die Playoffs verpasste Winterthur um 28 Zähler. Die Ernüchterung war gross – so hatte man sich das AbenteuerNLB nach vielen Jahren mit glänzenden Leistungen in der 1. Liga nicht vorgestellt.

Ein ungleicher Kampf

Nach knapp 700 Einsätzen in der NLA musste sich Zeiter in Winterthur erst daran gewöhnen, dass die Uhren eine Liga tiefer ein wenig anders ticken. «Fast alle Spieler arbeiten mit einem 100-Prozent-Pensum. Wir müssen deshalb am Feierabend trainieren und wenn wir am Samstag ein Spiel haben, entfällt das Warm-up am Morgen, weil die Spieler endlich mal ausschlafen können und die alltäglichen Dinge erledigen müssen, für die sie während der Woche keine Zeit haben», erläutert Zeiter.

Zeiter beim Video-Studium in seinem Büro.

Zeiter beim Video-Studium in seinem Büro.

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Die Belastung mit Arbeit, Training und Spielen sei gross. «Wenn wir nach einer Partie in Visp um 2 oder 3 Uhr morgens wieder in Winterthur sind, dann müssen die ersten Spieler trotzdem bereits wieder um 6 Uhr ‹im Stollen› sein.»

Umso erstaunlicher ist Winterthurs momentaner Erfolg. Denn Geld ist kaum vorhanden. «Wir sind auf jeden Zuschauer angewiesen, jeder Franken hilft uns», so Zeiter. Sein Klub habe ein Budget von 1,4 Millionen Franken – ein Pappenstiel im Vergleich mit der Konkurrenz, welche drei oder vier Mal mehr Geld zur Verfügung habe.

Der Klub wollte deshalb einen Schritt vorwärts machen, im ganzen Umfeld professioneller werden. Ohne gleich zu übertreiben. «Wir sagten vor der Saison, dass wir bisWeihnachten um die Playoff-Plätze kämpfen wollen. Und wenn wir dann riechen, dass etwas möglich ist, dann werden wir natürlich alles daran setzen, unter die ersten acht zu kommen», hält Michel Zeiter fest. An diesem Plan ändere der beeindruckende Saisonstart nichts. «Aber klar ist: Was man hat, das hat man.»

Aus finanziellen Überlegungen wollte der EHCW die Saison auch ohne Ausländer bestreiten. Wegen zahlreicher Verletzungen wurde dann doch der Slowake Radovan Pulis verpflichtet. Sein Vertrag läuft noch bis am Samstag, ob sein Engagement verlängert wird, ist noch offen.

«Wie kann man in jedem Moment das Beste herausholen?»

Kaum Geld, fast keine Profis und trotzdem Rang 2 – irgendetwas muss Zeiter richtig machen. Die Resultate seien auch für ihn unglaublich, meint er, um sich dann gleich selber zu korrigieren: «Nein, es ist eigentlich nicht unglaublich. Ich sehe die Spieler jeden Tag, ich arbeite mit ihnen und wir haben gemeinsam etwas kreiert, das nun Früchte trägt. Wir sind auf einem Weg und für uns zählt das Momentum. Unsere grosse Frage lautet: Wie kann man in jedem Moment das Beste herausholen?»

Zeiter tippt sich an die Stirn: «Da drin ist eben auch ein Muskel.» Die mentale Arbeit sei ein keinesfalls zu unterschätzender Teil für das Funktionieren einer Mannschaft. Für Zeiter, der sich schon als Spieler damit beschäftigte, ist die mentale Komponente ein wesentlicher Teil des momentanen Erfolgs.

«Wir wollen stabil sein in der eigenen Zone und schnell vorwärts spielen», erläutert Michel Zeiter seine Philosophie. Schmunzelnd fügt er hinzu: «Aber wahrscheinlich sagen hunderttausend Trainer, dass sie schnell spielen wollen.» Der Coach, dem als Aktiver das Etikett eines Künstlers anheftete, fordert seine Spieler ausdrücklich zur Kreativität auf. «Ich sage ihnen, dass sie die Stärken, die sie besitzen, auch umsetzen sollen. Ich sage ihnen: ‹Habt Freude, macht etwas daraus!›» Man schaue sich auch gemeinsam Tricks von NHL- oder KHL-Spielern an und versuche dann, diese zu probieren.

Wichser als Integrationsfigur

Über allem steht für Zeiter die Entwicklung des Spielverständnisses seiner Akteure. Sie müssten lernen, das Spiel zu verstehen. «Warum passiert was? Warum muss ich mich, mit und ohne Scheibe, so oder so verhalten?» Nur wenn man eine Situation richtig erfasse, könne man agieren statt bloss reagieren.

Wichser, hier bei einem Kindertraining, ist auch als Integrationsfigur wichtig für den Klub.

Wichser, hier bei einem Kindertraining, ist auch als Integrationsfigur wichtig für den Klub.

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Diese Gabe hat mit Sicherheit Adrian Wichser. Der 36-jährige Ex-Nationalspieler wechselte im Sommer in seine Heimatstadt zurück, als «Wunschtransfer» bezeichnet Zeiter den Zuzug. Wichser sei für die jungen Spieler ein absolutes Vorbild, zumal er nach wie vor sehr fit sei. «Adi ist auch fürs Umfeld sehr wertvoll. Er kennt viele Leute und hilft auch extrem mit.»

Nach einer starken Vorbereitung fällt Wichser, der Topskorer beim Champions-League-Triumph der ZSC Lions 2009, noch etwa drei Wochen aus. Bislang erlebte er den Höhenflug seines Teams erst als Zuschauer.

Auf dem Eis übernehmen andere Spieler Führungsaufgaben, beispielsweise der Goalie Remo Oehninger. Seit bald einem Jahrzehnt ist er die Nummer 1 in Winterthur, aber so gut wie jetzt war er vermutlich noch nie. Sagenhafte 94,54 Prozent aller Schüsse wehrte er ab, das ist der klare Liga-Spitzenwert. «Er ist ein Leadertyp, der sich täglich verbessert», lobt Zeiter den 28-Jährigen. «Wenn du einen guten Goalie hast, der dich im Spiel hält, ist das für ein Team sehr wertvoll.»

«Der Unfall hat mich eindeutig geprägt»

Wohin geht die Reise des EHC Winterthur? Dass er auf lange Sicht ganz oben steht, scheint eher unrealistisch zu sein. Andererseits hat der englische Fussballmeister Leicester Cityvergangene Saison gezeigt, was alles möglich ist, wenn ein Team einen Lauf hat. Der Glaube kann Berge versetzen.

Zu weit voraus blicken will Zeiter jedoch nicht. Seine Philosophie heisse «Lebe den Moment». Sein schwerer Unfall habe ihn dazu gebracht, vieles im Leben zu überdenken. Vor 15 Jahren war Zeiter von einer Kufe schwer am Hals verletzt worden, er verlor viel Blut und kann heute darüber sagen, er habe «wirklich Schwein gehabt». Aber der Unfall habe ihn eindeutig geprägt.

Trägt er immer noch weiss?

Am Samstag empfangen die Zürcher zuhause Hockey Thurgauzum Derby. Gegen die Ostschweizer hat Winterthur im ersten Saisonspiel die einzige Niederlage nach 60 Minuten kassiert und deshalb noch eine Rechnung offen. «Wir wollen wie immer unser Spiel spielen», sagt Zeiter, der sich lieber mit der eigenen Mannschaft beschäftigt als mit dem Gegner. Er hofft auf eine gut gefüllte Halle: «Gegen Martigny hatten wir über 1000 Zuschauer und die machten eine super Stimmung. Aber die Jungs hätten es verdient, wenn noch mehr Fans ins Stadion kämen.»

Die weissen Schuhe waren Zeiters Markenzeichen, die ihm zum Spitznamen «Susi» verhalfen.

Die weissen Schuhe waren Zeiters Markenzeichen, die ihm zum Spitznamen «Susi» verhalfen.

Keystone

Bliebe nur noch eine Frage offen: Trägt Michel Zeiter auf dem Eis immer noch weisse Schlittschuhe? Unter dem Schreibtisch in seinem Büro steht ein entsprechendes Paar. Aber Zeiter winkt lachend ab: «Die Spieler haben mich natürlich schon darauf angesprochen. Aber bislang trage ich schwarze Schlittschuhe. Die weissen hole ich dann aber sicher auch mal für ein ‹Gschpässli› hervor.»