Leichtathletik
Werthmüller: «Ich habe geflucht wie ein Stallknecht»

Die Leichtathletin Gabriele Werthmüller aus Zuchwil spricht mit der az über ihre Erfahrungen beim Bieler 100-km-Lauf - und verrät, was ihre nächsten Ziele sind.

Michael Lüthi
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Erlösung: Gabriele Wertmüller läuft in Biel als Zweite ins Ziel. alphafoto

Erlösung: Gabriele Wertmüller läuft in Biel als Zweite ins Ziel. alphafoto

Solothurner Zeitung

Nur noch 14 Kilometer. So nah und doch so fern. Jeder Schritt schmerzt. «Ich habe geflucht wie ein Stallknecht. Wenn ich weiter hinten gewesen wäre, dann wäre ich gelaufen», beschreibt die Zuchwilerin Gabriele Werthmüller ihre grösste Krise während des 100-km-Laufs von Biel. Aber irgendwie schleppt sie sich über die Ziellinie – und dies als hervorragende Zweite. Die erste kleine Krise fängt die Ultra-Distanz-Läuferin nach 40 Kilometern ein. Danach fliegt sie regelrecht dem Ziel entgegen, bevor sie, wie schon erwähnt, 14 Kilometer vor dem Ziel jäh gebremst wird. Bis zu Kilometer 77 läuft sie mit einem Schnitt von 4:57 Minuten. Er wird am Schluss noch bis auf 5:09 Minuten runter fallen.

Mit dem Ziel unter neun Stunden zu laufen ist die Frau von der Läufergruppe Derendingen am Freitagabend in Biel gestartet. Dieses Ziel hat die 37-Jährige mit 8:36:09 ganz klar unterboten – damit lief sie fast eine Stunde schneller als bei ihrer ersten Teilnahme 2009. Platz 2, der verdiente Lohn für die grossen Strapazen, das grosse Leiden. «Es ist Zufall, wenn man im Gesamtklassement aufs Podest läuft. So viele starke Läuferinnen waren am Start. Aber der Plan geht nur für die wenigsten auf», sagt Werthmüller.

Alles reine Kopfsache

Für Otto Normalverbraucher ist die Leistung der Sozialarbeiterin schlicht unvorstellbar. Wieso tut sie sich so etwas überhaupt an? «Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt. Ich habe einfach grosse Freude am Laufen, ja grosse Freude lange zu laufen. Auch das Leiden finde ich schön. Aber so wie in Biel am Schluss, das macht dann keinen Spass mehr», erklärt die gebürtige Aargauerin. Und sie sei ganz klar eine Läuferin für lange Strecken – «dort habe ich am meisten Talent».

Werthmüller spricht von «einer reinen Kopfsache», davon wie sie sich während eines solchen Rennens selber zureden müsse, um das Ziel zu erreichen. «Am Schluss des Rennens war ich wie in einem Tunnel. Dann folgte der schönste Moment, als ich durchs Ziel lief und endlich stehen bleiben konnte – das war phänomenal.»

Ziel: 24-Stunden-Lauf in Brugg

Im Jahr 2002 hat Gabriele Werthmüller mit dem Laufen angefangen. Am 1.1.2006 hat sie in Schlieren ihren ersten Marathon bestritten. «Da wurde ich mit dem Laufvirus infiziert. Von diesem Moment an war ich Läuferin und nicht mehr Joggerin», blickt die Familienberaterin zurück. Im Jahr 2009 wagte sie sich beim 100-km-Lauf in Biel erstmals an eine Ultra-Distanz heran. Sie wurde auf Anhieb Vierte. Ihre bisher grösste Herausforderung erlebte Werthmüller im letzten Jahr beim 12-Stunden-Lauf in Brugg – sie rannte unglaubliche 120 km weit.

Aber die Zuchwilerin will noch mehr. Sie strebt im September eine Teilnahme beim 24-Stunden-Lauf in Brugg an. Weil aber Ende September die 100-km-WM stattfindet – mit Platz 2 in Biel hat sie sich dafür qualifiziert – steht Werthmüller zurzeit etwas im Clinch. Aber eines ist klar: Sie will weiterhin laufen, weit laufen. Schon gestern Abend schwang sie sich wieder zum Training aufs Rennvelo...