Mit zwei Siegen aus den ersten beiden Meisterschaftsspielen startete der FC Wangen optimal in die Erstliga-Saison. Haben die anfänglichen Erfolge eine falsche Euphorie ausgelöst?

René von Euw: Nein, das glaube ich nicht. Der gute Start zeigt aber, was eigentlich möglich gewesen wäre. Die Mannschaft hatte eine hervorragende Saisonvorbereitung. Nach zwei Spieltagen waren wir noch der Gruppenfavorit. Jetzt sind wir leider der Abstiegsfavorit.

Weil aus den folgenden zehn Spielen acht Niederlagen und nur zwei mickrige Punkte resultierten. Welches sind die Gründe für die Negativspirale?

Wir haben vor allem unter den verletzten und gesperrten Spielern gelitten. Im Durchschnitt fehlten uns in jedem Spiel der Vorrunde mehr als fünf Spieler. Das waren meistens nicht Spieler aus dem zweiten Glied, sondern wichtige Leistungsträger. Diese Misere hat im dritten Spiel gegen Delémont begonnen. Der Tiefpunkt war der Match gegen Zug mit nicht weniger neun abwesenden Spielern. Derart viele Ausfälle kann ein FC Wangen einfach nicht verkraften. Wir haben nicht das nötige Geld für ein Kader mit 25 gleichwertigen Erstliga-Spielern. Das Ziel des FC Wangen muss eine starke Startelf mit drei, vier guten Wechselmöglichkeiten sein.

Die Negativserie gipfelte Ende Oktober in der Trennung von Trainer Willy Neuenschwander. Wie gross ist dessen Schuld am Misserfolg der Mannschaft?

Ich habe die Schuld nie beim Trainer gesucht. Willy Neuenschwander hat sehr gut und professionell gearbeitet. Im Nachhinein muss man festhalten, dass die Probleme einzig im zwischenmenschlichen Bereich lagen. Die Kommunikation hat nicht optimal geklappt. Das spürte auch er selbst und hat deshalb das Handtuch geworfen.

Bitter für Sie, schliesslich war Willy Neuenschwander vor der Saison Ihr persönlicher Wunschkandidat.

Er war sogar schon seit längerer Zeit mein Wunschkandidat. Ich war überzeugt, dass mit ihm eine positive Entwicklung möglich ist. Willy Neuenschwander war in den letzten Jahren immer sehr erfolgreich. Zwar auf tieferem Niveau, aber die Resultate sprachen für ihn. In der Startphase sah es so aus, als würde der Erfolg weiter an ihm haften. Leider kamen wir danach in diese Negativspirale und mussten uns schliesslich fragen, ob Neuenschwander auch ein guter Krisentrainer ist. Einer, der in der schwierigen Situation kratzen und beissen kann mit dem Team, um nach vorne zu kommen.

Für die letzten beiden Spiele übernahm Alain Roussel die Mannschaft ad interim und holte immerhin vier Punkte. Ein wichtiges Zeichen des Teams?

Das grosse Highlight des Derbys gegen den FC Solothurn war für mich ganz klar, dass Blerim Bekteshi nach seiner schweren Erkrankung zurückkehrte und kurz vor Schluss den Ausgleich erzielte. Das war ein wichtiges Signal: Der Captain ist zurück und reisst die Mannschaft gleich raus. Für mich ist es wie ein Wunder und wichtiger als alles andere, dass unser Captain wieder gesund ist und uns zur Verfügung steht. Zum Abschluss gewannen wir zwar gegen Buochs, doch dieses Spiel hat noch einmal sinnbildlich unsere Probleme der Vorrunde aufgezeigt: Nur zwei Tage vor dem Spiel war Verteidiger Raphael Moser in einen Autounfall verwickelt und fällt mit einem Armbruch zwei bis drei Monate aus. Das war typisch. Immer wieder wurden unsere Trainer kurzfristig vor die Tatsache gestellt, dass Spieler ausfallen. Ein normales Planen war dadurch gar nie möglich.

Die zahlreichen Ausfälle sind aber nur die eine Seite der Medaille. Gerade in der Offensive fehlte dem Team doch schlicht die Qualität. Spieler wie Andonov, Zeqiri, Wernli und vor allem Douglas konnten nicht ersetzt werden.

Die Transfers im Sommer waren teilweise unglücklich. Wir haben es verpasst, die richtigen Verstärkungen zu finden. Das nehme ich auf meine Kappe. Seid Duraku und Léotrim Gashi kannte ich vor der Verpflichtung nicht persönlich. Sie hatten zwar hervorragende Referenzen, konnten diese aber bei weitem nicht bestätigen. Ein Schuss in den Ofen war auch Enes Golos. Ihn holte ich blind. Ich dachte, einer, der in der vergangenen Saison in der Promotion League beim FC Old Boys siebzig Prozent Einsatzzeit hatte, wird uns auf jeden Fall weiterbringen. Doch er sass bei uns grösstenteils auf der Bank. Diese drei Spieler werden den FC Wangen in der Winterpause sicher verlassen.

Wer noch?

Getuar Preniqi, der zwar ein sehr grosses Potenzial hat, aber auch extrem verletzungsanfällig und im Beruf momentan extrem ausgelastet ist. Ihm habe ich empfohlen, zum FC Olten in die 2. Liga inter zu wechseln. Das gilt auch für Verteidiger Justin Browne. Er ist ein grosses Talent, braucht nach seiner Verletzung aber einen Neuaufbau in Olten. Ebenfalls nicht mehr im Team sind Bledar Binaku und Alan Nabarro. Alan ist der einzige Spieler, dem ich wirklich nachtrauere. Einen Sechser mit seinen Qualitäten zu bekommen, ist sehr schwierig. Er wechselt in die höchste polnische Liga. Das hat sich seit längerer Zeit angedeutet. Wir hatten keine Chance, ihn zu halten.

Der teuerste Zuzug war Flügelstürmer Dragan Gyorgiev. Auch er hatte Mühe, in die Gänge zu kommen.

Dragan hat eine riesige Karriere hinter sich mit internationalen Spielen für sein Heimatland Mazedonien. Er hat vor ein paar Jahren sogar die WM-Ausscheidung gegen Schottland gespielt. Seine Qualitäten sind unumstritten. Die Mannschaft war aber nicht in der Lage, sich seiner Spielweise anzupassen. Dragan braucht den direkten Pass in den Lauf. Diese schnellen Bälle hat er in der Vorrunde nicht bekommen und stand deshalb sehr oft im Abseits. Obwohl er weit unter den Erwartungen spielte, wird Gyorgiev beim FCW bleiben. Ich denke, dass wir noch viel Freude an ihm haben werden.

Trotzdem bedeuten die Abgänge, dass es hinsichtlich der Rückrunde auch ein paar Verstärkungen braucht?

Ja, wir werden mindestens drei Hochkaräter holen. Einen Spielmacher habe ich bereits gefunden: Ein routinierter Spieler aus der 1. Liga, mehr möchte ich noch nicht verraten, bis alles im Trockenen ist. Was wir ebenfalls brauchen, ist ein Top-Stürmer. Ob wir auch im Abwehrbereich etwas unternehmen, wird sich noch herausstellen. Ein Verteidiger, der auch auf der Sechser-Position spielen kann, wäre optimal. Diese sind leider rar gesät. Wichtig ist in erster Linie, dass wir vorne die nötige Qualität bekommen.

Offen ist weiterhin auch die Trainerfrage: Bleibt Alain Roussel?

Nein, Alain Roussel hat beim SC Binningen in der 2. Liga inter einen Vertrag unterschrieben. Das war auch mein Rat an ihn. Er ist sehr jung und muss noch weiter Erfahrungen sammeln. Wir brauchen in unserer Situation einen Trainer, der den Abstiegskampf kennt. Es braucht einen Trainer mit starker Hand, eine Respektsperson. Zwei heisse Kandidaten sind noch im Rennen für den Posten. Ich hoffe, wir werden uns noch diese Woche einig. Fehler können wir uns sicher keine mehr leisten, sonst ist der Zug in der Rückrunde sehr schnell abgefahren.

Welche beiden Mannschaften kann der FC Wangen in der Rückrunde hinter sich lassen?

Von den U21-Mannschaften der Super-League-Klubs Luzern, YB und Thun wird sicher keiner absteigen. Es wird höchst interessant in der Rückrunde. Abstiegskandidaten gibt es einige: Sursee, Buochs, Schötz, Bern, Muri oder auch Solothurn, wenns für sie schlecht läuft. Ich denke, es braucht in dieser Saison unglaublich viele Punkte, um den Nicht-Abstieg zu schaffen.

Wie ist eigentlich die Stimmung in der Mannschaft nach dieser verkorksten ersten Saisonhälfte?

Dank den vier Punkten aus den letzten beiden Spielen ist die Stimmung gut. Wir hatten in der vergangenen Woche unser Mannschaftsessen, und ich habe mich zudem mit dem Spielerrat getroffen. Das Team sieht die Probleme. Was mir vor allem imponiert, ist, dass die Spieler die Fehler vor allem bei sich selber suchen. Die Spieler wissen, wer das Team verlässt, und hoffen auf die eine oder andere Verstärkung. Dies werden wir erfüllen. Kein Spieler denkt an einen möglichen Abstieg.

Gibt es einen Plan B für das WorstCase-Szenario Abstieg?

Nein, ein Plan B existiert nicht. Niemand kann sich einen Abstieg des FC Wangen vorstellen. Falls dies doch passieren sollte, wäre dies in erster Linie für die Fussballregion ein riesiger Verlust. Wer soll in Zukunft 1.-Liga-Fussball bieten in der näheren Umgebung? Aber ich zweifle keine Sekunde, dass wir den sportlichen Turnaround noch schaffen.

Sie wurden Mitte Juli an der 85. Generalversammlung des FC Wangen zum Ehrenmitglied gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Es war natürlich nie mein Ziel, Ehrenmitglied des FC Wangen zu werden. Doch ich bin mittlerweile seit rund sechzig Jahren beim Verein und bekenne mich auch ganz klar zu diesem. Deshalb ist die Ehrenmitgliedschaft eine schöne Auszeichnung.