Bahnradsport
Von Null auf 60 in 15 Monaten

Der regionale Trainingsstützpunkt für Radtalente im Velodrome Suisse in Grenchen ist eine Erfolgsgeschichte. Die ehrenamtlichen Trainer legen sich für den Schweizer Nachwuchs voll ins Zeug.

Rainer Sommerhalder
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Die Einsteiger-Gruppe des Trainingsstützpunktes in Grenchen beim wöchentlichen Techniktraining mit dem Bahnvelo.

Die Einsteiger-Gruppe des Trainingsstützpunktes in Grenchen beim wöchentlichen Techniktraining mit dem Bahnvelo.

Zur Verfügung gestellt

Wie zwei Tatzelwürmer drehen die jüngsten Bahnfahrer Rad an Rad ihre Kreise im Velodrome. An der Spitze geben die beiden Instruktoren Max Kunz und René Schiegg die Richtung an. Ab und zu steuern sie den Tatzelwurm etwas höher durch die beiden mächtigen Steilwandkurven. Diese Linie erfordert von den kaum 10 Jahre alten Talenten einiges an Mut. Und die richtige Technik.

Während des knapp zweistündigen Trainings im Stützpunkt am Mittwochnachmittag wird bei der ersten Gruppe viel an der Technik geschliffen. Diese ist die Basis jedes Radrennfahrers – egal ob auf der Bahn, auf der Strasse oder mit dem Bike. Die Kinder absolvieren einen Technikkurs, umkurven Stangen, fahren einen engen Korridor entlang, fangen und werfen Tennisbälle und bücken sich unter Hindernissen hindurch. Absteigen ab dem Bahnvelo ist nicht erlaubt.

Ehrenamtliche Trainer

Als Trainer stehen Instruktoren des Vereins Velodrome Suisse zur Verfügung. So wie Max Kunz und René Schiegg. Sie verrichten diesen Job ehrenamtlich, freuen sich als ehemalige Bahnfahrer über das unerwartet grosse Interesse der Jugendlichen für eine Disziplin, der man noch vor wenigen Jahren in der Schweiz nicht mehr viel Kredit gab. Doch heute feiern wir dank Stefan Küng WM-Medaillen und träumen mit dem Bahnvierer von einer Olympischen Medaille in Rio. Und in Grenchen wird nun wie zuvor schon in Aigle dafür gesorgt, dass der Nachschub nicht versiegt.

In den Augen von Kunz und Schiegg ist die Begeisterung für die neue Aufgabe zu erkennen. Sie verrichten ihre Arbeit mit grosser Motivation, reissen die Jungen mit. Und erinnern manchmal selbst an kleine Kinder. Etwa, wenn René Schiegg von seinem am 14. Mai anstehenden Projekt erzählt. Dann will der 61-Jährige eine neue Weltbestzeit im 24-Stunden-Fahren auf der Bahn aufstellen. So 650 Kilometer sollten es sein. Das Velodrome in Grenchen macht auch solche Träume wahr.

Rennen wird simuliert

Schiegg ist nicht der einzige „Spinner“ unter den Betreuern. Pierino Rossi hat sein Leben dem Velosport verschrieben. Ehrensache, dass er sich auch für den Nachwuchs im Trainingsstützpunkt Grenchen einsetzt. Einmal im Monat organisiert er für die beiden Fortgeschrittenen-Gruppen unter den 60 Talenten ein Trainingsrennen mit verschiedenen Disziplinen, mit Speaker, mit Kommissären, mit Live-Resultaten auf der Videowand – überhaupt mit allen Schikanen eines „richtigen“ Bahnrennens.

Durch die regelmässige Rennsimultation sollen die Jungen an den Bahnwettkampf herangeführt werden, soll der Unterschied zur nationalen Spitze Schritt für Schritt verkleinert werden. Auch Rossi ist an diesem Mittwoch mit Herz und Seele dabei.

Operativer Cheftrainer des kombinierten Trainingsstützpunktes und der Radsportschule ist Simon Luder, der in Solothurn bereits den Mountainbike-Stützpunkt leitet. Im Hintergrund wacht der ehemalige Strassenprofi Sven Montgomery über die Arbeit. Der 38-Jährige ist seit 2012 bei Swiss Cycling als Nachwuchs- und Ausbildungsverantwortlicher angestellt.

Viele Anfragen für das Projekt

Als nach der Eröffnung des Velodromes die Idee eines regionalen Leistungszentrums aufkam, war Montgomery anfänglich noch skeptisch. „Wie wollen wir einen Stützpunkt gründen, wenn es keine Rennfahrer gibt“, fragte er sich. Mit Schnupperkursen rief man nach den Talenten. Deren Antwort kam überwältigend, Grenchen wurde von Anfragen beinahe überrannt.

Startete man im Oktober 2013 mit einer Gruppe und einem guten Dutzend Interessierten, so sind es heute bereits drei Gruppen und 60 Talente. Diese trainieren von Anfang Oktober bis Ende März auf der Bahn, im Sommer auf der Strasse.

Hauptsächlich Berner und Solothurner

„Wir mussten sogar erstmals einige Jugendliche zurückweisen“, sagt Montgomery. Derzeit versucht der Könizer die wöchentliche Trainingszeit am Mittwoch auszudehnen. „Drei Gruppen in drei Stunden unterzubringen, ist bereits heute eine logistische Herausforderung“, sagt er. Der Experte bei Radübertragungen im Schweizer Fernsehen möchte bald eine vierte Gruppe gründen. Der erfreulich grosse Anteil von Mädchen – ein gutes Dutzend trainiert im Stützpunkt – ruft auch nach einer eigenen Mädchengruppe.

Das einzigartige Velodrome in Grenchen hat offenbar eine magische Anziehungskraft. Die Teilnehmer am Stützpunkttraining kommen hauptsächlich aus den Kantonen Solothurn und Bern. Aber auch Aargauer oder Jurassier hat es dabei. Und es ist ein Schmelztigel aller Disziplinen. Selbst Mountainbiker stehen auf das Bahntraining.

Asylbewerber fallen positiv auf

Und seit letztem August strahlt der Stützpunkt sogar bis nach Afrika aus. „Eines Tages standen auf einmal drei junge Eriträer da, die mittrainieren wollten“, erzählt Max Kunz, „mit alten Klappervelos und teilweise in Jeans“. Er liess sie mitfahren und wurde überrascht von der Ausdauerfähigkeit. Sowohl jene auf dem Rad, wie auch jene bei der Trainingsdisziplin.

„Am nächsten Mittwoch kamen sie wieder und heute sind sie sogar regelmässig zu fünft im Training.“ Kunz organisierte für die jungen Afrikaner aus Biel, die als Asylbewerber in die Schweiz kamen, nach und nach bessere Velos und eine funktionale Bekleidung. Er hat trotz einiger Sprach- und wohl auch Mentalitätsunterschieden den Plausch am unerwarteten Zuwachs. Zu bemängeln gibt es nur eines: „Sie sind mit ihrer Ausdauer wohl eher die Strassenrennfahrer. Technisch sind die Eriträer nicht unbedingt die grossen Könner. Auf der Bahn ist ihr Stil deshalb bisweilen etwas abenteuerlich.“ Max Kunz muss herzhaft lachen, als er dies sagt.