Schiessen
Von Mümliswil bis Seoul am Drücker

Jüngst hat der Mümliswiler Josef «Sepp» Jäggi zum letzten Mal eine Patrone Richtung Zielscheibe abgefeuert. Wie so oft davor, traf der 82-jährige Macher im Dienst des Schiesssports auch mit dieser ins Schwarze.

Michael Schenk
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Josef Jäggi mit stolzer Brust vor seiner «Schiessabzeichen-Tapete» zu Hause in Mümliswil.

Josef Jäggi mit stolzer Brust vor seiner «Schiessabzeichen-Tapete» zu Hause in Mümliswil.

Wenn er im Tram sitze, «figuretelten» alle an ihrem Handy oder PC rum. «Und die Kopfhörer haben sie dabei auch noch im Ohr», staunt Josef Jäggi. Der 82-Jährige gehört zur Spezies, die weder Internet noch Hosensacktelefon nutzen. «Und daran wird sich auch nichts mehr ändern», stellt der Mann, der viel lieber pilzlet als googelt, fest. Ein Mümliswiler, der durch seinen Sport gelernt hat, ein Ziel ins Auge zu fassen und es im Idealfall auch zu erreichen. Und der gelernte Zimmermann, der als Ältestes von sieben Geschwistern in Mümliswil aufwuchs und später 34 Jahre Instruktor in der Armee war, hat in seinem Leben viele Volltreffer gelandet. Angefangen bei seiner Frau Yvonne, mit der er seit 56 Jahren verheiratet ist. «Und wir haben es immer noch gut miteinander», sagt er. Seine Frau sei stets seine rechte Hand gewesen. Kennen gelernt haben sich der Solothurner und die Baslerin während Jäggis Gesellenjahren in Basel. Überhaupt spielte die Rheinstadt eine grosse Rolle im Leben des Mümliswilers. Unter anderem nahm dort seine Sportschützen-Karriere, seinerzeit bei den Scharfschützen Basel, ihren Anfang.

Ein Lieferservice für die Schützenfest-Preise

Josef «Sepp» Jäggi könnte mit all den Preisen, die er während mehr als 60 Jahren an Schützenfesten gewonnen hat, ein Migros-Filiale füllen. «Puhh....», verwirft er darauf angesprochen nur die Hände. Nicht selten hätten ihn seine Frau und sein Schwiegervater von Festen abholen müssen, um die Preise nach Hause zu transportieren. Da war das geblümelte Sofa ebenso dabei wie der Heizölgutschein. Stolz ist der Solothurner, der notabene von 1950 bis 2014 am Feldschiessen 65-mal in Folge den Kranz gewann, aber vorab auf seine 3-Stellungs-Meisterschaftsmedaillen (300 m und 50 m) – und zwar aus allen Kantonen. Merke: Dreistellungsschiessen ist die Königsdisziplin. «Einmal habe ich drei Wochen Ferien bezogen, um an acht Kantonalen in einem Jahr teilzunehmen», erzählt er. Tja, auch so kann man durch die Schweiz reisen. Einzige Ausnahme punkto Meisterschaft bildet freilich der Jura. «Als der Kanton gegründet wurde, hatte ich mit den Matchschiessen schon aufgehört», präzisiert Jäggi.

Stichwort Präzision. Präzis ist ein treffendes Adjektiv, um den 82-jährigen, verdienten Schützen zu charakterisieren. Allein das tipptopp in Schuss gehaltene und wunderbare Anwesen in Mümliswil zeugt davon. Trotz seiner Erfolge im breitensportlichen Schiessen hat es Josef Jäggi als Aktiver indes nie an eine EM oder WM geschafft. «Das hat dann meine Tochter Jacqueline für mich nachgeholt», sagt er stolz. In der Tat zählte die Solothurnerin während Jahren zu den Besten ihres Fachs.

Der Delegationsleiter mit den Noten im Gilet

Der Vater seinerseits kann auf eine reich befrachtete, internationale Karriere als Funktionär zurückblicken. So war Josef «Sepp» Jäggi von 1975 bis 1982 Gewehr-Nationaltrainer des B-Kaders und später der Frauen. Es folgten Jahre als Schiesslehrer. Zwischen 1988 und 1998 übte er dann eine Funktion im Schiesssportverband aus, die erst jüngst von der Leistungssportchefin des SSSV, Ines Michel, wieder forciert wurde. «Ich fuhr in der ganzen Schweiz herum und habe unzählige Gespräche geführt», erinnert sich der 82-Jährige. Sei es mit Arbeitgebern von Spitzenschützen, mit Letzteren selbst oder mit Vertretern der Sporthilfe. Als Athletenbetreuer kümmerte sich Jäggi darum, dass die Besten auch bestmögliche Bedingungen erhielten. Von 1998 bis 2002 war er Delegationsleiter an Weltcups in Europa in Einsatz. Und auch da stets akkurat mit seinem braun-grauen Gilet übergestreift, in dem meist das oft mehrere 10 000 Franken betragende Budget des Trips verstaut war. Links oben die Franken, rechts unten die Dollar, links oben die Liren...

Man darf in dem Sinn getrost behaupten, dass Josef Jäggi indirekt für etliche WM- und EM-Medaillen gesorgt hat. Allein, indem er sich in all seinen Funktionen leidenschaftlich dafür einsetzte, dass die Topleute ein Top-Umfeld bekamen. Seine Frau, Tochter eines Büchsenmachers, hat die Leidenschaft ihres Gatten geteilt. Wenn er einen seiner unzähligen unvergesslichen Momente im Verlauf seiner Schützenkarriere erwähnen müsste, würde Jäggi den Einmarsch an der WM 1978 in Seoul wählen. «Das war unerhört, was das OK da auf die Beine gestellt hat», schwärmt er noch heute. Mit farbigen Kärtchen, die sie die Luft streckten, haben die Koreaner auf der Tribüne richtige Gemälde – passend zu jedem Teilnehmerland – entstehen lassen. So farbig und präzis, wie es auch das Schützenleben von Josef «Sepp» Jäggi aus Mümliswil war.