Turnen
Vom Neuankömmling zur Vereinsikone des TV Subingen und Turnerlegende

«Wenn man Freude hat, kann man etwas erreichen. Ob im Leben oder im Sport», sagt Heiri Kröplin. Der 78-Jährige kam 1948 nach Subingen. Dort hat der Sohn eine Kriegssoldaten eine reicherfüllte Turnerkarriere beim örtliche TV eingeschlagen, die bis heute anhält.

Jessica Widmer
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In Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen kam Turnlegende Heiri Kröplin 1948 in die Schweiz und heiratete da seine Frau Erika.

In Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen kam Turnlegende Heiri Kröplin 1948 in die Schweiz und heiratete da seine Frau Erika.

Jessica Widmer

Die Vereinsphilosophie des Turnverein Subingen – wer im Verein mit dabei ist, darf an Turnfesten teilnehmen. Egal ob talentiert oder nicht – ist massgeblich durch den langjährigen Subinger Oberturner Heiri Kröplin geprägt. Seine unbekümmerte und lustige Art machen den 78-Jährige bis heute aus. «Wenn man Freude hat, kann man etwas erreichen. Ob im Leben oder im Sport», davon ist der Älteste des Kröplin-Clans überzeugt.

Schon in jungen Jahren polarisierte er mit dieser Einstellung zum Turnen, wo es meist um Leistung ging und für Spass nicht viel Platz war. «Ich war schon immer ein Lausbub und bin es bis heute geblieben», schmunzelt Kröplin und blickt zu seiner Frau Erika.

Mutter gestorben - Vater an der Front

Im Kanton Solothurn kenne man ihn seit eh und je. Eines sei aber sicher: «Nur ganz wenige kennen mich und meine Geschichte wirklich.» Denn die ersten Jahre seines Lebens verbrachte Heinrich Kröplin in Gross Milzow im Südosten von Mecklenburg-Vorpommern. Als uneheliches Kind kam Heinrich Glatz 1936 zur Welt. «Meine Mutter war 17-jährig, als sie mich bekam. Mein Vater war ein Kriegssoldat», so wurde es ihm zumindest erzählt. Zwei Jahre später bekam er eine kleine Schwester, seine Eltern heirateten und er wurde zum Kröplin. Doch das Familienglück währte nur kurz. «Meine Mutter starb kurze Zeit nach der Geburt der Schwester – wahrscheinlich an den Folgen daran – und meinen Vater haben sie dann wieder an die Front geholt», erzählt «Heiru». Von ihm habe er seither nie wieder etwas gehört. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof bei seinen Grosseltern mütterlicherseits – ohne seine Schwester. «Sie wuchs bei anderen Onkeln und Tanten auf. So genau wurde mir das nie erzählt», sagt Kröplin.

Dank Russen mit Essen versorgt

Noch während seines 1. Schuljahrs 1942 wurde der Schulunterricht in Gross Milzow aufgehoben und alle Lehrer an die Front geschickt. Kröplin bekam mit, wie seine Grossmutter Kriegsflüchtlinge, die an ihrem Bauernhof vorbeikamen, mit Essen versorgte. «Erst 1945 hat der Krieg unsere Region erreicht. Wir hatten kein Essen mehr und uns wurde verboten unsere Kühe zu melken», erzählt der 78-Jährige. Von der Zeit kennt er auch sein heutiges Lieblingsessen: geschwellte Kartoffeln mit Salz.

An eine Begegnung mit russischen Soldaten erinnert sich Kröplin heute noch ganz genau: «Eines Tages standen drei in unserem Haus und verlangten einen «Doktor». Meine Grossmutter reagierte blitzschnell, holte Verbandsmaterial und Jod aus einem Schrank und verarztete einen der Soldaten.» Von da an brachten ihnen die Russen Fleisch und Brot, weil die Familie ihnen in dieser Situation geholfen hatte. Während Heiri Kröplin diese Anekdoten erzählt, blickt er immer wieder zu seiner Frau Erika, um abzusichern, dass er keinen «Seich verzellt».

Mit 12 kam er zum TV Subingen

Ende des Jahres 1945 begann dann Kröplins Reise in die Schweiz. Weil sein Grossvater krank war, durfte er als Auslandschweizer entscheiden, ob er zurück in die Schweiz kehren will. «Eines Morgens stand das Amerikanische Rote Kreuz vor unserem Haus und hat die, die wollten, auf einen Lastwagen geladen. So sind meine Grosseltern und ich in die Schweiz gekommen», erinnert sich Kröplin. In der Schweiz sind sie oftmals umgezogen, bevor sie 1948 nach Subingen kamen. Da begann auch sein Leben als Turner. Als 12-Jähriger trat er der Jugendriege bei und durchlief seither jede Stufe des TV Subingen. Mit der Heirat mit Frau Erika komplettierte er seine Niederlassung in Subingen. Das Turnen war und ist noch heute die Leidenschaft des Ehepaars. Beide übernahmen etliche Ämter im Verein. Heute sind beide Ehrenmitglieder des Turnverein Subingens. Das Turnen habe ihm sehr geholfen, sich als Neuling im Dorf zu integrieren. Auf die Frage, ob und wie er seine ganze Kindheit verarbeitet hat, antwortet Heiri Kröplin: «Lange habe ich alles verdrängt. Doch in den letzten Jahren habe ich damit begonnen, Dokumentarfilme über den Zweiten Weltkrieg zu schauen. Da habe ich realisiert, dass meine Erinnerungen wahrheitsgetreu sind», sagt Kröplin in ungewohnt ernstem Ton und blickt zu seiner Frau.