Schönenwerd

Volleyballer zum Konflikt in seiner Heimat Katalonien: «Es erscheint mir wie ein Streit zwischen Kindern»

In der spanischen Nationalmannschaft ist der gebürtige Katalane eine wichtige Stütze.

In der spanischen Nationalmannschaft ist der gebürtige Katalane eine wichtige Stütze.

Daniel Rocamora lebt als Volleyball-Profi in der Schweiz. Der gebürtige Katalane erzählt, wie er den Katalonien-Konflikt aus der Ferne erlebt.

«Es kommt mir alles ein bisschen befremdend vor», sagt Daniel Rocamora. Was der Katalane diesen Herbst aus der Ferne miterlebt, ist anders als alles, was bisher war. Unabhängigkeitsbestrebungen kannte Rocamora schon, als er in Sabadell nahe Barcelona aufwuchs. Über viele Jahre hinweg kamen und gingen Politiker, die ein unabhängiges Katalonien anstrebten. Nun aber eskaliert der Konflikt zwischen der Zentralregierung Spaniens und der katalanischen Regierung zusehends.

Als Katalonien am 1. Oktober über die verfassungswidrige Unabhängigkeit befindet, gehen Bilder der Gewalt um die Welt. Die Policia Nacional aus Madrid unterbindet die Abstimmung rücksichtslos. Doch Rocamoras Eltern scheuen den Weg an die Urnen nicht. Der 29-Jährige fürchtet, seine Eltern würden Opfer der Gewalt. «Mach dir keine Sorgen, wir gehen keine Risiken ein», erwidern die Eltern.

Ein Streit zwischen «Kindern»

Seit Spanien auch hierzulande die Schlagzeilen dominiert, erkundigen sich die Teamkollegen des NLA-Volleyballklubs Schönenwerd im Training jeweils beim Spanier, wie er die Situation einschätze. «Es erscheint mir wie ein Streit zwischen Kindern», gibt Rocamora jeweils zur Antwort. Das Verhalten der Politiker kann er nicht nachvollziehen. «Beide Seiten haben recht, aber keine will der anderen zuhören.»

Rocamora, 2,03 Meter gross, kurze Haare, dunkler Bart, ist noch immer mit Katalonien verbunden – und doch ist er seiner einstigen Heimat fern. Als 16-Jähriger zog er weg. Seither finanziert er seinen Lebensunterhalt rund um den Globus als Volleyball-Profi. In Asien und Europa tat er, was er am besten kann, und bildete dabei einen festen Bestandteil der spanischen Nationalmannschaft. Vor zwei Jahren traf Rocamora bei einem Einsatz mit der «Selección» auf einen alten Freund aus Katalonien. Da fragte ihn dieser: «Weshalb sprichst du nicht in deiner Muttersprache Katalanisch mit mir?» Rocamoras Antwort fiel simpel aus: «Ich habe es vergessen, weil ich seit vielen Jahren nicht mehr da lebe.»

Daniel Rocamora durchlief in seiner Kindheit zwar das katalanische Schulsystem, wuchs von klein auf mit der Sprache auf. Im Kindsalter differenzierte er nicht zwischen Katalonien und Spanien. Ihm fiel nur auf, dass es nicht immer leicht war, zwischen den Sprachen hin und her zu wechseln.

Die zwei grossen Tabuthemen

Zu Hause spricht der Hüne bis heute Spanisch. Denn wie viele Katalanen hat Rocamora keine katalanischen Wurzeln. Seine Mutter stammt aus Salamanca. Die Grosseltern väterlicherseits kamen aus Murcia und Saragossa, ehe sie nach Katalonien migrierten. Im familiären Umfeld Rocamoras halten sich Unabhängigkeitsbefürworter und -gegner die Waage. «Zwei Themen bleiben in Spanien tabu», sagt Rocamora. Er schmunzelt. «Das sind der Fussball und die Politik.» Von diesen beiden Angelegenheiten sprechen Spanier nicht gerne. Der Lieblingsfussballklub bleibt, wie auch die Sympathie gegenüber einer politischen Partei, auf Lebzeiten gleich. Durch die Katalonien-Krise seien Leute von diesem ungeschriebenen Gesetz abgekommen. «Meine Mutter erzählt mir, dass lokale Zeitungen von familieninternen Konflikten berichten, die an den Spanischen Bürgerkrieg erinnern», sagt Rocamora. Für den gebürtigen Katalanen ist klar: In der Unabhängigkeitsfrage handelt es sich primär um eine politische Einstellung. Die Herkunft und Identität ist kein vordergründiges Argument.

Rocamora selbst will sich politisch nicht zur einen oder anderen Seite bekennen. Leben könne er mit beiden Fällen. Dem Unabhängigen oder dem weiterhin Spanien angehörenden Katalonien. Käme das Aufgebot für die katalanische Volleyball-Auswahl, würde er es ebenso annehmen, wie er es tut, wenn die spanische Nationalmannschaft ruft. «Ich identifiziere mich weder als Spanier noch als Europäer», sagt er, der gemeinsam mit seiner Schweizer Freundin in Villigen lebt. Er sei einfach einer unter vielen Menschen, die ihr Möglichstes dafür tun, um eine lebenswerte Existenz zu führen.

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