Vanessa Bürki, was genau ist am 25. März passiert?

Bürki: Im Training mit Bayern München haben wir Eins-gegen-Eins-Situationen geübt. Als ich an der Aussenlinie den Ball abschirmte, bin ich ohne gegnerische Einwirkung mit dem linken Fuss umgeknickt. Ich wusste sofort, dass er gebrochen ist: Es fühlte sich an wie vor ein paar Jahren, als ich die gleiche Verletzung am rechten Fuss hatte.

Sie wurden bereits zwei Tage später operiert.

Ja – zum Glück. Vom selben Doktor, der schon den rechten Fuss wieder zusammenflickte. Seither trage ich einen Gips und bin auf Gehstöcke angewiesen.

Wie lange noch?

Mindestens vier Wochen.

Das heisst, Sie verbringen Ihren Alltag derzeit vor allem auf dem Sofa?

Ja, ich verfaule langsam aber sicher (lacht). Nein im Ernst: Jeden Tag bin ich in der Physiotherapie, in der nächsten Woche beginne ich mit Krafttraining für den Oberkörper. Das Leben mit Krücken ist gewöhnungsbedürftig: Zum Duschen brauche ich jetzt eine Stunde statt 15 Minuten. Sie sehen – langweilig wird mir nicht (lacht).

Und Ihr Nebenjob im Büro eines Autohauses?

Auch dort setze ich aus, solange ich an Krücken bin. Ich muss den Fuss möglichst oft hochlagern, das geht im Büro schlecht.

Wie fielen die Reaktionen aus, nachdem das Ausmass der Verletzung bekannt war?

Es haben sich viele Freunde und Verwandte bei mir gemeldet. Auch aus meinem Heimatort Grenchen. Auf Facebook habe ich viele aufmunternde Nachrichten erhalten.

Und von der Nationalmannschaft?

Klar, meine Teamkolleginnen und unsere Trainerin Martina Voss-Tecklenburg haben sich erkundigt, wie es mir gehe und mir viel Mut zugesprochen. Auch sie bedauern meine Verletzung – umso mehr, weil es im dümmsten Moment passiert ist.

Sie sprechen die WM im Juni in Kanada an, für die sich die Schweizer Frauennationalmannschaft das
erste Mal qualifiziert hat. Wie gross sind Ihre Chancen, dabei zu sein?

Wenn die Heilung optimal verläuft und der Knochen zusammengewachsen ist, dann ist es möglich. Wir müssen jetzt von Woche zu Woche schauen und ich hoffe natürlich, dass ich in Kanada dabei sein kann. Momentan gibt es allerdings ein grosses Fragezeichen…

Das da wäre?

Ob mein Fuss bis dahin wieder voll belastbar sein wird und ich eine ausreichende Fitness haben werde um an so einem grossen Turnier mitwirken zu können. Das Trainerteam steht voll hinter mir und hält mir die Türe bis zum Schluss offen.

Besteht die Gefahr, dass Sie die WM-Teilnahme erzwingen wollen?

Nein, auf keinen Fall. Sofern ich gesund und fit bin, steht einer Teilnahme nichts im Wege.

Sie wirken erstaunlich gefasst. Andere in Ihrer Situation wären zu Tode betrübt.

Klar bin ich enttäuscht, aber was soll ich machen? Ich bin Leistungssportlerin – zu diesem Beruf gehören Verletzungen nun mal dazu. Ich war in meiner Karriere selten verletzt, jetzt hat es mich zu einem saudummen Zeitpunkt getroffen. Ich habe bei Bayern Teamkolleginnen, die sind wegen Verletzungen über ein Jahr lang ausgefallen. Ich könnte mich heulend zu Hause verkriechen, aber das bringt nichts. Es ist doch auch so, dass die Heilungschancen besser sind, wenn man positiv an die Reha herangeht. Ich habe alles unternommen, dass es vielleicht doch noch reicht für die WM – der Rest liegt nicht in meiner Macht.

Sie sind am 1. April 29 Jahre alt geworden. Ist ein Rücktritt aus der Nationalmannschaft ein Thema?

Aktuell ist es kein Thema. In zwei Jahren findet die Europameisterschaft in Holland statt. Das wäre schon ein reizvolles Ziel.

Ihr Vertrag bei Bayern München läuft bis 2016. Auch darüber, was dann passiert, haben Sie noch nicht nachgedacht?

Konkret jedenfalls nicht. Frühestens im Winter werde ich mit meinem Berater die aktuelle Situation analysieren und mir Gedanken machen, was die beste Lösung für mich wäre. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland und im Ausland andere sehr gute Vereine, aber ich weiss natürlich auch was ich hier in München habe.