Turnverein Grenchen
TV Grenchen: «Wir müssen innovativer werden»

Nach einem Jahr im Vorstand wagt Präsident Holger Scheib eine kritische Standortbestimmung. Mit den Themen Nachwuchsmangel, Velodrome, Sportlerstadion oder Sorgenkinder Basketball- und Volleyballabteilung kommt einiges auf den neuen Präsidenten zu.

Patrick Furrer
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Präsident Holger Scheib hat gut lachen – mit dem TV Grenchen soll es künftig steil nach oben gehen. fup

Präsident Holger Scheib hat gut lachen – mit dem TV Grenchen soll es künftig steil nach oben gehen. fup

Der gebürtige Deutsche Holger Scheib (43) ist seit einem Jahr Vorstandsmitglied des grössten Sportvereins der Stadt Grenchen und seit einem halben Jahr Präsident. Der promovierte Chemiker und langjährige Basketball-Semiprofi will den Turnverein wieder auf Vordermann bringen.

Holger Scheib, Ihr erstes Halbjahr als Präsident war kaum so, wie Sie es sich vorgestellt haben. Was hat Sie am meisten beschäftigt?

Holger Scheib: Ganz eindeutig das Velodrome, das sich vom anfänglichen Gerücht zum heutigen Bauprojekt gewandelt hat. So gesehen war es ein sehr spezielles Jahr für mich im Vorstand und ein noch spezielleres in meiner Funktion als Präsident. Wir mussten uns viel mit dem Projekt beschäftigen. Mitte Oktober des letzten Jahres wurde den Initianten dann von unserer Mitgliederversammlung das gegenseitige Grenzbaurecht und das damit verbundene Unterschreiten des Abstandes zu unserem Vereinsgelände genehmigt.

Auch der Turnverein mit seinen 10 Abteilungen kann von der Multifunktionshalle mit Dreifachsportplätzen profitieren, sagen die Initianten. Eine Knacknuss werden aber die Hallenmieten sein.

Das ist richtig. Allerdings werden nicht alle unsere Sportabteilungen im Velodrome trainieren oder Wettkämpfe durchführen. Dies wird nur für einzelne Abteilungen, nicht zuletzt die Handballer, ein Thema sein. Das Velodrome ist für den Sport in Grenchen eine einmalige Chance.

Und die Hallenmieten?

Die könnten tatsächlich zur Knacknuss werden. Vor vier Wochen wurden erstmals Zahlen auf den Tisch gelegt. Die Vorstellungen der Projektleitung über die Mietpreise weichen noch deutlich von dem ab, was für uns als auf dem Ehrenamt basierenden Verein machbar ist. Sie sind für den Dauerbetrieb zu hoch, und wir hoffen, dass sich da noch etwas machen lässt.

Welche Auswirkungen hat das Velodrome auf die Dreifachturnhalle, welche seit vielen Jahren ein grosser Wunsch und ein angedachtes Projekt des TV Grenchen ist?

Wir haben erkannt, dass es unsere Dreifachturnhalle nicht braucht, wenn das Velodrome kommt. Darüber sind wir froh, denn die Finanzierung wäre schwierig gewesen, es hätte viel zu lange gedauert, bis die Halle hätte realisiert werden können. Wir sind erleichtert und können uns nun auf andere Projekte konzentrieren.

Projekte, um den Nachwuchsproblemen des Turnvereins entgegenzuwirken? Gibt es Korrekturbedarf?

Wir müssen nichts korrigieren, aber wir müssen innovativer werden.

Von welchen Projekten sprechen Sie konkret?

Für den Nachwuchs werden wir eine Ballschule ins Leben rufen. Dort werden Kinder polysportiv geschult, anstatt dass sie sich von Anfang für eine Einzelsportart entscheiden müssen. Geübt wird spielerisch, mit einer breiten Bewegungsausbildung, auch mit alternativen Trainingsmethoden. Es soll den Kindern in erster Linie Spass machen, sie aber auch motivieren, sich sportlich zu engagieren. Ich kenne das Prinzip aus Deutschland, wo sich zeigte, dass Kinder, welche eine solche Ballschule besuchten, später eine wesentlich steilere Lernkurve aufwiesen als klassische Anfänger.

Eine Möglichkeit, den Sport grundsätzlich zu fördern und auch potenzielle Mitglieder zu gewinnen.

Die Ballschule ist für alle da. Es wird ein kleiner Obolus verlangt, für die Dauer eines Kurses sind die Kinder auch TVG-Mitglieder. Im Frühling wollen wir einen ersten Testlauf machen, im Sommer definitiv starten.

Gibt es noch weitere Projekte?

Ja. Weil wir uns nicht mehr um die Dreifachhalle kümmern müssen, wollen wir eine andere Idee vorantreiben, und zwar die eines erneuerten Sportlerstadions mit wettkampftauglichen Bahnen und Plätzen. Wir werden schon bald Genaueres sagen können.

Kritik gab es, weil der TV sich an der diesjährigen Ausführung von schweiz.bewegt nicht engagiert. Weshalb kein Engagement?

Wir waren und sind mit anderen Projekten wie dem Velodrome, der Ballschule und dem Sportlerstadion stark absorbiert. Da bleibt wenig Zeit, um sich noch zusätzlich zu engagieren, wie arbeiten schliesslich alle ehrenamtlich und verfügen nur über begrenzte Ressourcen.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der TV fürchtet doch auch, dass schweiz.bewegt wieder mehr oder weniger floppt...

Der Bewegungsanlass verlief in den letzten Jahren tatsächlich nicht befriedigend. Wir werden die diesjährige Durchführung beobachten. Sollte sie erfolgreich sein, werden wir uns wieder engagieren. Den einzelnen Abteilungen des TV ist es aber freigestellt, schon jetzt mitzumachen.

Wie sieht es auf der sportlichen Seite aus? Die Basketballabteilung beispielsweise hat Probleme, die erste Mannschaft wurde aufgelöst.

Ja leider, das schmerzt mich besonders, ist Basketball doch auch der Sport, den ich selber 25 Jahre lang betrieben habe. Auch die Herren-Volleyballer haben verletzungsbedingt Engpässe und stellen im Moment keine Mannschaft mehr. Das kriegen wir aber in den Griff. Wir können aber auch gute Erfolge vorweisen. Die Trampolinabteilung und unser Leichtathlet Elias Meier sind sehr erfolgreich unterwegs, ebenso die Volley-Damenmannschaft, die in der 2. Liga den zweiten Platz belegt.

Der TV Grenchen muss sich nicht verstecken?

Natürlich nicht. Besonders nicht, wenn wir mit dem Velodrome, der Ballschule und dem erneuerten Sportlerstadion neue Leute und endlich adäquate Trainingsbedingungen erhalten. Beispiel: Unsere Basketballplätze sind nicht normkonform und eigentlich nur toleriert. Dort, wo man nicht richtig trainieren und spielen kann, will auch kein guter Sportler hin. Deshalb glaube ich, sind wir jetzt auf dem richtigen Weg.