Turnen
Turner kämpft weiter um sein Leben – Direktor des Eidgenössischen im Sturm

Das Strafverfahren wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung gegen Fränk Hofer , den Direktor des Eidgenössischen Turnfests 2013 von Biel, läuft nach wie vor. Eine Verurteilung hätte gravierende Folgen punkto Organisation künftiger Grossanlässe

Michael Schenk
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Gegen Fränk Hofer, den Direktor des Eidgenössischen Turnfest 2013 in Biel, läuft weiterhin ein Strafverfahren.

Gegen Fränk Hofer, den Direktor des Eidgenössischen Turnfest 2013 in Biel, läuft weiterhin ein Strafverfahren.

Keystone

«Sollte ich verurteilt werden, würde ich sicher nie mehr die Direktion eines Eidgenössischen Turnfestes übernehmen. Obwohl es ein total geniales Projekt war und ich, abgesehen von den Stürmen, sehr viel Positives erleben konnte. Ich denke aber, das würde in dem Fall wohl eh niemand mehr tun», sagt Fränk Hofer.

Der Thuner, der bis heute lobende Mails von ETF-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern erhält, war just vor einem Jahr Boss des Eidgenössischen Turnfests in Biel. In Erinnerung bleiben der breiten Bevölkerung in dem Zusammenhang primär die beiden heftigen Stürme, die das ETF-Gelände innerhalb von einer Woche heimgesucht und für erschreckende TV-Bilder gesorgt hatten. «Joran» – der Fallwind am Jurasüdfuss – fetzte am ersten Donnerstag mit über 100 km/h übers Festgelände.

Sieben Tage später traf dann ein bisher unbekannter, tornadoähnlicher Sturmwind mit weit über 120 km/h das ETF und sorgte dabei für Verwüstung und Verletzte. Rund 100 Personen mussten am 20. Juni 2013 mit leichten, mittleren und teils schweren Verletzungen, in Spital. Eine Person kämpft nach wie vor um ihr Leben.

«Trage die Verantwortung, falls...»

Im Nachgang des trotz Sturm und Zerstörung letztlich gelungenen Anlasses, mit tollen Wettkämpfen und grossmehrheitlich glücklichen Turnerinnen und Turnern und Festbesuchern, hat die Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland gegen den Direktor des ETF eine Untersuchung wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung eröffnet. Im Vordergrund steht die Frage, ob die Verletzung von Personen vermeidbar gewesen wäre.

Ein Mensch kämpft nach den Stürmen am Eidgenössischen Turnfest vor einem Jahr am Bielersee nach wie vor um sein Leben.

Ein Mensch kämpft nach den Stürmen am Eidgenössischen Turnfest vor einem Jahr am Bielersee nach wie vor um sein Leben.

Enrique Muñoz García

Fränk Hofer kann aufgrund des laufenden Verfahrens nicht sagen, ob er die Evakuation des Geländes heute exakt wie damals befehlen würde. Aber: «Ich bin sehr interessiert daran zu erfahren, ob es Leute gibt, die die Hand dafür ins Feuer legen können, dass garantiert niemandem etwas passiert wäre, wenn man anders gehandelt hätte.»

Wenn das der Fall sei, «stehe ich sofort hin und trage die Verantwortung», so Hofer. Rund 30 000 Leute wurden an jenem zweiten Sturmtag, dem 20. Juni eben, an diversen Standorten, an denen das Unwetter notabene sehr unterschiedlich heftig zuschlug, binnen Minuten evakuiert. Etwas, dass es so zuvor in der Grössenordnung und dem Ausmass in der Schweiz noch nie gab.

Es droht wegweisendes Präjudiz

Die Hauptuntersuchung ist derzeit noch gar nicht eingeleitet worden. Der Fall befindet sich nach wie vor in der Voruntersuchung. Ob die Angelegenheit dereinst effektiv in ein ordentliches Verfahren überführt wird, obliegt der Staatsanwaltschaft. Fakt ist, dass eine Verurteilung von Fränk Hofer – selbst wenn das erst in ein paar Jahren der Fall wäre – ein ganz massives Präjudiz schaffen würde.

Wer sollte in dem Fall jemals noch die Verantwortung für die Durchführung eines Grossanlasses übernehmen, wenn er je nach unvorhersehbarem Ereignis mit Gefängnis rechnen muss? Was wäre, wenn beispielsweise irgendeine Schlägerei – inszeniert oder nicht – an einem anderen Turnfest für Verletzte sorgte? Was, wenn eine Lebensmittelvergiftung an einem Schwingfest 500 Besucher ins Spital zwänge und für einige gravierende Folgen hätte? Jedes OK müsste in dem Fall künftig mit einer strafrechtlichen Untersuchung und entsprechenden Folge – sprich Gefängnis – rechnen. «Wer will sich das dann noch antun?», fragt Hofer zurecht.

Auch sein Umfeld ist betroffen

Bis heute ist so das ETF in Biel täglicher Begleiter des 49-jährigen Sportmanagers. Obwohl dieser inzwischen bei der Firma Sanu in Biel tätig ist – einem Unternehmen, das sich im Bereich nachhaltige Bildung und Beratung für Unternehmen und Gemeinwesen engagiert. Nicht nur für Hofer ist das ETF jedoch steter Begleiter. «Ich bin erschrocken, wie sehr der Fall auch meine Familie und mein Umfeld betrifft», sagt er.

Wenn seine Eltern zum Beispiel im Dorf essen gingen, sei spätestens die zweite Frage, die an sie gestellt wird, wie es denn nun dem Fränk gehe und ob der schon im Gefängnis sitze. «Man kann darüber staunen», so Hofer «aber in dem Sinn bin ich froh, dass das Verfahren auf mich allein personifiziert ist.

Andere müssen das nicht auch durchmachen.» Indes: Kommt es noch zu einer Verurteilung, dann wird das bestimmt auch weitere Leute aus dem OK des ETF 2013 betreffen. Und eben, was dann bleibt ist die Konsequenz, dass es ab dem Moment sehr schwer wird, Leute zu finden, die trotz unberechenbarer Risiken wie dem «Joran» noch bereit sind, Grossanlässe zu organisieren.