Wo soll man bloss beginnen beim Rückblick auf die Karriere von Urs von Wartburg, dem Wangner mit einer Strahlkraft weit über die Region und selbst die Landesgrenze hinaus? Aus aktuellem Anlass soll das Rad der Zeit um exakt 50 Jahre zurückgedreht werden. Es war am 15. August 1965, als in Olten, nach einem mehr als 30-jährigen Entstehungsweg (bereits 1932 wurde das für den Stadionbau notwendige Land erstmals für den Betrag von 160 000 Franken erstanden), das Leichtathletik-Stadion Kleinholz eingeweiht wurde.

Mit dabei war auch Urs von Wartburg, welcher, im Jahr zuvor, an den Olympischen Spielen in Tokyo mit Rang 5 einen ersten Karrierehöhepunkt erlebt hatte. Obwohl es am Tag zuvor geregnet hatte und der Anlauf, auf Rasen, weich und tief war, nutzte von Wartburg die besonderen Umstände und warf gleich im ersten Versuch 82,75 Meter. Weiter hatte den Speer vor ihm kein anderer Schweizer geworfen, und daran sollte sich bis heute nichts ändern.

Erstmals über 80 Meter

Dafür, dass er die namhafte Konkurrenz aus dem Ausland – welche der Athlet des TV Olten übrigens eigenhändig zum Heim-Meeting eingeladen hatte – deutlich hinter sich liess, gab es eine einfache Erklärung: die Schuhe. «Die Nägel habe ich eigenhändig angebracht», sagt er nicht ohne Stolz und hält Daumen und Zeigefinger gut fünf Zentimeter auseinander. «Diese Länge bedeutete natürlich einen grossen Vorteil.»

Das Eröffnungs-Meeting in Olten ging zwar aufgrund der Rekordweite in die Geschichtsbücher ein, doch es waren andere Auftritte, welche in der persönlichen Hitparade des heute 78-Jährigen noch weiter oben stehen. So leistete von Wartburg im selben Jahr zwei Einladungen aus Spanien und kurz darauf einer aus Polen Folge: «Warschau war damals wohl das beste Meeting Europas, vor allem bei den Würfen war die gesamte Weltelite versammelt.» Der Wangner wurde Dritter, warf zum ersten Mal überhaupt über 80 Meter und spricht noch heute vom «wertvollsten Resultat» seiner Karriere.

Dabei hatten die Vorzeichen nicht auf ein derart erfreuliches Wettkampfjahr hingedeutet, reiste er doch im Frühjahr mit satten acht Kilogramm Übergewicht an die beiden Meetings in Madrid und Barcelona. «Nach den Olympischen Spielen in Tokyo kam ich viel umher und zeigte meine Lichtbilder, welche ich aus Japan zurückbrachte. Dadurch», so von Wartburg, sei das Training viel zu kurz gekommen und die acht Kilogramm, welche er sich in der zweiten (wettkampffreien) Hälfte in Tokyo angefuttert hatte («wir haben da zwei Wochen lang ausgiebig gelebt, ja richtig geschlemmt»), ganz einfach hängengeblieben.

Wie ein Pfeilbogen

Viele spezielle Erinnerungen sind bei Urs von Wartburg gerade auch mit den Olympischen Spielen verbunden. Fünfmal vertrat er die Schweiz zwischen 1960 und 1976 auf der grösstmöglichen Bühne, der grosse Wurf hingegen blieb dem gelernten Mechanikermeister verwehrt. Mehr noch: Seine Auftritte hatten zuweilen beinahe etwas Tragisches an sich. So schaffte er in Tokyo zwar als einziger Athlet überhaupt die Qualifikationsweite von 77 Metern, ehe er im Final den Speer mit dem allerletzten Versuch der gesamten Konkurrenz auf deutlich über 80 Meter katapultierte.

«Der russische Trainer versicherte mit ein Jahr später, dass die Weite zum Sieg gereicht hätte», sagt von Wartburg heute. Allein, der Versuch wurde vom Kampfrichter als Nuller gewertet, weil der Speer nicht steckte – ein Fehlentscheid. Ähnliches Pech verfolgte den Inhaber der Schweizer Bestweite zwölf Jahre später in Montreal. Mittlerweile 39, verpasste er den Finaldurchgang nach drei Nullern, obwohl er sich richtig gut gefühlt habe: «In Montreal hätte mir der ‹Weihnachtswurf› gelingen können», sagt er gar.

Noch heute ist Urs von Wartburg eng mit der Leichtathletik verbunden. Als Mitglied des Männerturnvereins in Olten oder aber als Kampfrichter bei Meetings des BTV Aarau. So ist er nicht sonderlich erfreut über die Entwicklung im Schweizer Speerwurf. «Wenn ich sehe, wie heute technisch geworfen wird, bin ich nicht überrascht, dass nicht weiter geworfen wird», wird er deutlich. «Es bringt nichts, einem Weltrekordler wie Jan Zelezny nacheifern zu wollen, wenn die Grundtechnik fehlt.» Über die Schulter müsse die Bewegung ablaufen, nicht seitlich. «Es braucht die Bogenspannung wie beim Pfeilbogen», nennt er das Rezept für weite Flüge. Er muss es wissen.