Martina Strähl, Sie haben am Sonntag am Halbmarathon in Berlin den Schweizer Rekord geknackt. Sind Sie seither dazu gekommen, mal durchzuschnaufen?

Martina Strähl: Sportlich habe ich sehr schnell Ruhe gefunden. Doch emotional ist schon noch sehr viel passiert. Weil wir noch einen Tag in Berlin blieben und die Stadt genossen hatten, konnte ich viele Gratulationsnachrichten noch gar nicht lesen und wurde mit Nachrichten und Medienanfragen überhäuft.

Geniessen Sie das?

Ja, ich geniesse das sehr. Auch die Freude im Umfeld zu spüren, ist ein sehr schönes Gefühl. Es fühlt sich noch fast ein wenig wie in einem Traum an, ich befinde mich fast noch ein wenig wie in einem Flow. Aber allmählich realisiere ich, was geschehen ist und mir gelungen ist.

Und was Ihnen gelungen ist! Sie haben den Schweizer Rekord mit einer Zeit von 1:09:29 Stunden regelrecht um 48 Sekunden pulverisiert. Mal ehrlich: Haben Sie selber damit gerechnet?

Ich war ja zuvor noch krank. Ich wusste, wenn ich wieder zu meiner alten Form zurückfinde und die Grippe keinen Einfluss mehr hat, dass ich in einer super Form bin. Ich wusste innerlich: Läuft alles ideal, kann ich durchaus im Bereich des Schweizer Rekords von 1:10 laufen und die Bestzeit toppen. Aber dass ich sogleich diese Schallmauer von diesen 70 Minuten brechen würde, daran hätte ich nicht erwartet.

Martina Strähl im Frühling vor einem Jahr

Martina Strähl im Frühling vor einem Jahr

Wie haben Sie das Rennen selber erlebt? Sie starteten ja bereits ungemein schnell, lagen bei 5 km mit 16:05 min an dritter Stelle.

Ja, ich wollte eigentlich zuerst in einer Gruppe laufen. Ich wusste, dass da eine Gruppe war, die eine Zeit von 1:12 anpeilte. Und dann waren da auch noch ein paar Kenianerinnen, die 1:07 laufen wollten. Doch das war mir zu schnell – das ist ja auch horrend schnell! Dann hatte ich das Gefühl, dass ich mit Maja Neuenschwander laufen könnte, die ja auch schon 1:10 gelaufen war. Doch ich spürte schon bald, dass etwas drinliegt, und entschied mich dann, alleine zu laufen, weil ich mich wirklich super gut gefühlt hatte. Ich lief dann mein eigenes Rennen, ein bisschen hinter den Kenianerinnen. Abgesehen von den letzten fünf Kilometern lief ich mein eigenes Rennen.

Die 10 km liefen Sie in 32:13 Minuten – eine Fabelzeit!

Ja, da realisierte ich ein erstes Mal so richtig: «Hey, du bist wirklich unglaublich schnell unterwegs.» Ich konnte dann diesen hohen Rhythmus bis ins Ziel beibehalten.

Hatten Sie nie Bedenken, dass der Moment kommen könnte, in welchem Sie einbrechen würden?

Nein, weil ich mich wirklich absolut super gefühlt hatte. Da war sogar noch Gegenwind im Rennen. Ich würde daher behaupten, dass sogar noch viel mehr drinliegen könnte als dieser Rekord.

Dass Sie nochmals eine Schippe drauflegen könnten?

Ja, mein Trainer hatte schon vor dem Start gemeint, dass ich doch ein kleines Risiko eingehen könnte und alles auf eine Karte setzen soll. Er wusste, dass ich mich super gefühlt hatte. Ich bin dann eigentlich tatsächlich nach Anweisungen meines Trainers gelaufen, so wie er mich auf das Rennen vorbereitet hatte. Es ging auf.

Ihre Leistung ist umso erstaunlicher, weil Sie ja keine guten Voraussetzungen für einen Start hatten. Sie waren zuvor noch krank.

Ich hatte eine Grippe und musste schweren Herzens für die Halbmarathon-WM vom 24. März in Valencia Forfait erklären. Das war enttäuschend. Ich hatte dann lange relativ schlechte Blutwerte, schleppte den Virus lange mit mir rum. Ich hatte vorher auch noch eine Zeit lang Antibiotika. Aber eine Woche vor diesem Halbmarathon spürte ich, dass es mir immer besser geht, obwohl noch Begleiterscheinungen wie Halsweh, Druck auf den Ohren oder Schmerzen in der Stirnhöhle auftraten. Diese konnte ich dann aber auch ablegen, sodass ich rechtzeitig fit wurde. Das war vielleicht unter dem Strich sogar auch ein Vorteil. Ich hätte wohl ohne Grippevirus mehr trainiert. Und so war ich womöglich total erholt an den Start gegangen, was vielleicht die Basis war, um eine solche Zeit zu laufen.

Martina Strähl Glacier 3000 Run in Gstaad.

Martina Strähl Glacier 3000 Run in Gstaad.

Auch letztes Jahr lief vieles lange nicht nach Ihrem Gusto. Sie hatten eine schwere Magenblutung und verloren zwei Drittel Ihres Blutes. Wie kämpften Sie sich zurück?

Das war im letzten August, das war ein sehr grosser Rückschlag für mich. Ich war im Spital und hatte eine lange Rehazeit zu absolvieren. Es brauchte «süferli» einen Aufbau ohne Druck und ohne Stress. Wir hatten dann von Woche zu Woche geplant, ja sogar nur von Tag zu Tag, je nach Befinden. Wenn es nicht ging, war auch kein Training möglich. Doch plötzlich kam die Kraft zurück.

Was bedeutet für Sie ein langsamer Aufbau? Was trainierten Sie?

Das war am Anfang wirklich nur leichtes Wandern. Vielleicht mal auf ein Velo auf einen Crosstrainer. Erst dann kam das stetige Lauftraining dazu und der Aufbau der Langstrecken-Trainings. Und dann konnte ich wieder Rennen bestreiten, nahm unter anderem am Bremgarter Reusslauf teil und konnte so immer stärker aufbauen bis nun zum Halbmarathon.

Sie sagten kürzlich, Ihr Körper funktioniere nun besser, als dies vor dem Zusammenbruch der Fall war. Inwiefern meinen Sie das?

Ich hatte vorher sehr oft Magenprobleme, hatte oft Bauchschmerzen und auch die Verdauung funktionierte nicht immer reibungslos. Es war oft ein Kampf, diese Magenblutung kam schrittweise und baute sich auf. Und jetzt habe ich überhaupt keine körperlichen Beschwerden mehr, fühle mich viel besser. Ich hatte durch den Zusammenbruch etwas an Gewicht verloren, das ich nun fast nicht mehr aufbauen kann. Ich weiss, dass ich noch das eine oder andere Kilogramm zulegen sollte. Immerhin sind die Blutwerte super. Vielleicht ist das auch ein Zeichen, dass mein Körper gar nicht viel mehr braucht. Und solange ich mich richtig ernähre und meine Leistungen bringen kann und ich mich gut fühle, ist das auch nicht weiter tragisch.

Ihr Blick ist nach vorne gerichtet. Wie sehen Ihre nächsten Ziele aus?

Das nächste grosse Ziel sind die Europameisterschaften im August in Berlin. Ich erhoffe mir ein erfreuliches Resultat, obwohl das erfahrungsgemäss immer etwas spezielle Rennen sind, weil man nicht nach Zeit läuft, sondern nach Rang. Danach möchte ich noch den Schweizer Rekord im Marathon anpeilen. Ich habe das Gefühl, dass es mit einer solchen Halbmarathon-Zeit durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Doch nun möchte ich mich ein paar Tage erholen, um dann die Vorbereitungen für den GP in Bern in Angriff nehmen zu können.

Martina Strähl

Martina Strähl