Im Tessin kursiert in diesen Tagen ein Gerücht. Der Wunschkandidat für die Nachfolge des unlängst entlassenen Trainers Raimondo Ponte sei Antonio Tavares gewesen. Weil Pontes Assistent aber nicht über die nötigen Papiere für die Challenge League verfügt, fiel die Wahl auf Francesco Gabriele. Er ist im Besitz der Uefa-Pro-Lizenz und kann Tavares den Rücken freihalten. Gabriele als Alibitrainer? Er nimmt die von diversen Medien aufgebauschten Mutmassungen auf die leichte Schulter und sagt: «Ich höre diese und ähnliche Geschichten Tag für Tag. Was soll’s? Ich konzentriere mich auf den sportlichen Bereich und verschwende meine Energie nicht für Dinge, die ich nicht beeinflussen kann.»

Für Gabriele ist der Wechsel vom 1.-Ligisten Baden zur AC Bellinzona ein wichtiger Schritt. Zum Auftakt seiner Trainerkarriere war der frühere Torhüter bei Wacker Grenchen tätig. Von 2006 bis 2012 arbeitete er fürs Team Aargau und machte sich vor allem als Ausbildner einen Namen. Nach dem achtmonatigen Höhenflug mit Baden bietet sich dem 35-Jährigen bei Bellinzona die Chance, sich auf nationaler Ebene einen Namen zu machen.

Auf dem Schleudersitz

Der Druck ist allerdings gross. Das Umfeld des Tessiner Challenge-League-Klubs gilt als schwierig. Mit Martin Andermatt und Raimondo Ponte wurden zuletzt zwei erfahrene Coaches entlassen. Nun soll mit Gabriele ausgerechnet ein Trainer-Greenhorn die AC Bellinzona auf die Erfolgsspur zurückführen? Gabriele kennt die grosse Erwartungshaltung bei den Südschweizern, lässt sich aber nicht ins Boxhorn jagen und sagt: «Als junger Trainer muss ich Erfahrungen sammeln. Ich werde alles tun, um Erfolg zu haben. Muss ich am Schluss Lehrgeld bezahlen, dann ist das halt so.»

Lehrgeld bezahlen musste Gabriele bereits bei seiner Premiere: Gegen Aarau setzte es für Bellinzona Anfang dieser Woche eine 1:2-Niederlage ab. Davon lässt sich der Neue nicht beirren. Ob Erfolg oder Misserfolg; Gabriele ist ein Trainer, der Fussball arbeitet. Tag und Nacht. Mit ihm über Systeme und Taktiken zu diskutieren macht Spass. Spricht man Gabriele allerdings auf die Privatsphäre an, so beisst man auf Granit. Sie ist ihm nach eigener Aussage heilig.

Er ist in Solothurn aufgewachsen, besuchte das Gymnasium, machte die Matura und studierte an der Fachschule in Olten Wirtschaft. Heute wohnt Gabriele in Lommiswil, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Für Hobbys bleibt ihm nach eigener Aussage keine Zeit. Wächst ihm der Fussball mal über den Kopf, macht er einen Spaziergang. Mit dabei ist meistens der schwarze Labrador Aaron. «Er ist ein treuer Gefährte», sagt Gabriele. Seinem Hund kann er vertrauen. Bellinzona nicht.