Schiessen
Solothurner Schülerin Gina Gyger (13) nimmt Olympischen Spiele ins Visier

Die 13-jährige Schützin Gina Gyger aus Oensingen gilt als grosses Sporttalent und wird gefördert. Wenn alles nach Wunsch läuft, hofft die wettkampfstarke Gyger an den Olympischen Spielen 2028 teilnehmen zu können.

Hans Peter Schläfli
Merken
Drucken
Teilen
Gina Gyger aus Oensingen ist dann am besten, wenn es drauf ankommt.

Gina Gyger aus Oensingen ist dann am besten, wenn es drauf ankommt.

Eine grüne Schlangenlinie zeichnet sich auf dem Bild der Zielscheibe des Computers ab. Gina Gyger legt ihren Finger langsam, aber sicher immer fester um den Abzug, bis der Luftdruck den kleinen Schuss mit einem spitzen Knall aus dem Gewehr und auf die echte Zielscheibe am anderen Ende der Halle katapultiert.

Unbeeindruckt lädt die 13-jährige Schülerin das Gewehr nach, atmet tief durch, legt an und beginnt wieder zu zielen. In der Realität der Oensinger Halle ist von einer grünen Linie nichts zu sehen, diese existiert nur im Computer.

«Das System nennt sich SCATT», erklärt Trainer Fritz Ryser, «Gina trainiert heute das stabile Haltevermögen. Das Resultat ist zweitrangig, es geht darum, während möglichst langer Zeit ruhig und exakt zu zielen.» Ryser analysiert die Linien auf dem Bildschirm. «Sie befand sich heute 53 Prozent der letzten Sekunde im Zehner. Das ist gut. Vor einem Jahr lag Gina zwischen 30 und 35 Prozent. Die Steigerung ist wirklich bemerkenswert.»

Ein wenig Perfektionismus

Das Training zeigt auch in den Wettkämpfen seine Wirkung. Im Final der Schweizer Wintermeisterschaft 10 Meter in Utzenstorf lieferte sich Gina Gyger vor kurzem mit der ebenfalls erst 13-jährigen Schattdorferin Sandra Arnold ein packendes Duell. Am Ende gewann Gyger in der Alterskategorie U17 mit 405.1 Punkten. Es war der erste wichtigste Titel, auf den noch viele weitere folgen sollen.

Zum Schiessen hat Gina Gyger durch den Ferienpass 2013 gefunden. «Man muss Perfektionist sein, aber nicht zu fest, sonst kommt es auch nicht gut.» So beschreibt sie ihr Erfolgsrezept. Fritz Ryser hat ihr Talent sofort erkannt und der Trainer der Sportschützen Winistorf hat sie unter seine Fittiche genommen.

«Der erste Test ist ganz einfach: Wenn ein Kind in der Turnhalle gerade auf einer Linie rennen kann, dann kann es auch mit viel Geduld und Trainingsfleiss das Schiessen lernen. Wenn die Motorik stimmt, ist alles andere eine Frage des Charakters.»

Nun wird Gina Gyger durch die Sports Academy Solothurn gefördert und sie darf den Sonderzug für Sporttalente der Sekundarschule in der Stadt Solothurn besuchen. Der angepasste Stundenplan macht es möglich, dass sie morgens in der Oensinger Halle trainieren kann, bevor sie zur Schule geht. Die weiteren Schiesstrainings finden dann aber in Winistorf statt.

In Oensingen habe man zunächst nicht gerade Freude gehabt, als sie nach Solothurn in die Schule wollte, sagt ihre Mutter, Daniela Gyger. «Aber jetzt ist alles geregelt und ich denke, es hat sich bereits positiv auf ihre Leistungen ausgewirkt.» Und damit meint sie sowohl Sport wie Schule. Für Fritz Ryser ist das keine Überraschung.

«In Deutschland wurde das wissenschaftlich untersucht. Der Schiesssport wirkt sich positiv das Konzentrationsvermögen der Kinder aus.» Der erfahrene Trainer ist überzeugt, dass das Schiesstraining bei Konzentrationsschwäche sogar die bessere Therapie als das das oft verschriebene Medikament Ritalin darstellen kann.

Ein aufwendiger Sport

Ein Luftgewehr der Spitzenklasse kostet um 3000 Franken, Kleinkalibergewehre sogar 5000 Franken. Kein billiger Spass. «Die Technik wird konstant weiterentwickelt und die Treffsicherheit wird immer besser. Wer an der Spitze mithalten will, muss immer wieder in neue Technik investieren», erklärt Fritz Ryser.

Da sich die 13-jährige noch im Wachstum befindet, muss sie die stabilisierenden Spezialkleider alle paar Monate justieren lassen. Dass sie eher klein ist, darf beim Schiessen als Vorteil angesehen werden. «Da die Scheiben laut Reglement auf einer Höhe von 140 Zentimetern sein müssen, können die kleinen Schützen exakt horizontal zielen. Für den Wettkampf ideal wäre deshalb eine Körpergrösse von 160 Zentimetern», erklärt Ryser.

Eine Zehn genügt nicht mehr. Die Zielscheibe wird heute in Zehntel aufgeteilt. Somit zählt der perfekte Schuss 10.9 Punkte. «10.4 muss im Durchschnitt heute erzielen, wer international an der Spitze mitmischen will», sagt der Trainer. Das kann Gina Gyger bereits schaffen.

Liegend hat sie mit dem Kleinkalibergewehr über 50 Meter schon 614.1 Punkte gemacht, mit dem Luftgewehr über 10 Meter deren 407. Aber auf dem internationalen Parkett müsste sich die 13-Jährige bereits jetzt mit den U21-Frauen messen.

Beide Disziplinen, die sie schiesst, sind olympisch, aber unter den deutlich älteren Frauen kann sich Gina Gyger bei Grossanlässen noch nicht durchsetzen. Doch für die Zukunft ist Trainer Fritz Ryser optimistisch: «Ich denke, 2024 ist noch etwas zu früh. Aber wenn sie dran bleibt, dann sind die Olympischen Spiele 2028 ein absolut realistisches Ziel. Sie ist wettkampfstark, sie zeigt nie Nerven und sie ist immer dann am besten, wenn es drauf ankommt.»