Shayne Wiebe, sind Sie sich eigentlich bewusst, aktueller Liga-Topscorer zu sein?

Shayne Wiebe: (schmunzelt) Ja, einige der Jungs haben mich darauf hingewiesen, daher ist es eine Weile her, seit ich mir dessen bewusst bin. Ich verfolge es hingegen nicht aktiv.

Und sind Sie darüber im Bilde, wer letzte Saison Topscorer war?

Truttmann.

Sie weisen junge 23 Jahre auf, kommen nach Europa und spielen sich innerhalb zweier Monate an die Spitze der NLB-Scorerliste. Das ist bemerkenswert.

Die Gelegenheit, die mir hier geboten wird, hilft mir sehr: Meine Linienpartner Diego und Remo (Schwarzenbach und Hirt; die Redaktion) haben mir dazu verholfen. Wenn du hart mit diesen Jungs zusammenarbeitest, wirst du Punkte erlangen.

Hätten Sie sich vor Ihrer Ankunft eine derartige Leistung zugetraut?

Ich setzte nicht allzu grosse Erwartungen in irgendetwas, sondern kam hierhin und arbeitete hart, in der Hoffnung, dass alles gut verläuft. Vielleicht läuft es mir ein wenig besser als ich annahm, was gut ist und mich antreibt, dran zu bleiben und die Dinge wie bis anhin anzugehen.

Wie fühlen Sie sich in der Rolle als Topscorer, mit goldenem Helm und Leibchen?

(lacht) Ich wusste nicht, dass dies hier so gepflegt wird, weshalb es für mich überraschend kam. Manchmal macht es mich zum Ziel des Gegners, aber ich kann locker damit umgehen.

In Visp begannen die einheimischen Anhänger Sie auszupfeifen, wissen Sie, woher dies rührte?

Keine Ahnung. Vielleicht gerade wegen meines goldenen Helms, der mich zum Zielobjekt machte.

Wenn Sie nicht im Topscorer-Leibchen gekleidet wären, würden Sie die Nummer 21 tragen – wie kommen Sie auf diese Zahl?

Als ich aufwuchs, war dies die Lieblingszahl meines Vaters. Ich habe diesen Brauch übernommen und sie wurde zu meiner Lieblingsnummer. Wenn ich die Chance habe, diese Nummer zu tragen, packe ich sie.

Wussten Sie, inwiefern Sie in der NLB unter Leistungsdruck stehen würden?

Bei bloss zwei Ausländern vermutete ich, mit einen gewissen Druck konfrontiert zu werden, scoren zu müssen. Aber selbst Scott (Beattie, Headcoach des EHC Olten; die Red.) sagte mir: «Lass diesen Druck nicht an dich heran, spiele so, wie du es kannst.» Das hat mir Sicherheit gegeben.

Wie bewerten Sie Justin Fesers Leistung?

Angesichts dessen, dass er zwei Jahre jünger ist als ich, leistet er ausgezeichnete Arbeit. Für einen Neo-Profi in einem fremden Land ist seine Leistung bemerkenswert.

Nun haben Sie erste Eindrücke in der NLB sammeln können. Wie würden Sie diese zusammenfassen, um die Liga zu charakterisieren?

Es ist ein schnelles Hockey, die Spieler sind gute Schlittschuhläufer, sie spielen stark. Hier wird mehr Stockarbeit – sprich Einhaken oder Stockschlagen – verrichtet als zuhause, aber daran gewöhnst du dich rasch. Und natürlich macht das grössere Eisfeld einen Unterschied aus.

Welcher Gegner hat Sie am meisten beeindruckt?

Spielermässig ist niemand mit Alex Kovalev zu vergleichen, da er das Format eines NHL-Stars hat. Alle Mannschaften spielen stark, insbesondere gegen uns. Weil Olten letztes Jahr im Final war, ist zu spüren, dass alle versuchen, uns zu schlagen. Es ist eine sehr ausgeglichene Liga dieses Jahr, wie sich anhand der Punktabstände ablesen lässt. Ich achte mich jedoch generell nicht zu sehr auf den Gegner, sondern konzentriere mich auf uns selbst.

Mittlerweile haben Sie sämtliche NLB-Stadien gesehen – wo fühlten Sie sich am wohlsten?

(überlegt)

Vielleicht hier zu Hause?

Ja, das wäre die einfache Antwort (lacht). Ich weiss nicht; es ist überall eine brandneue und wertvolle Erfahrung für mich.

Wie erleben Sie die Atmosphäre in dieser Liga?

Die ist schlicht hervorragend. Die Fans feuern einen unermüdlich an, stehen immer hinter einem – es ist schön, dies zu spüren.

Unmittelbar nach Ihrer Ankunft in der Schweiz erkundigten Sie sich nach den Alpen. Hatten Sie bereits Gelegenheit, in die Schweizer Berge zu fahren?

Nicht direkt, aber auf den Auswärtsfahrten habe ich schon einige Blicke erhaschen können. Wenn meine Familie im Dezember zu Besuch kommt, werden wir die Alpen bestimmt unter die Lupe nehmen.

Seit ihrer Ankunft in der Schweiz sind ein paar Monate verstrichen, wie fühlen Sie sich hier?

Mir ist es wohl, ich fühle mich hier zu Hause und es fällt mir leicht, mich anzupassen. Die Leute sind sehr nett, freundlich und einfach im Umgang – ich habe ausschliesslich gute Erfahrungen gemacht.

Heimweh ist also kein Thema?

Nicht wirklich. Ich vermisse meine Heimat ein wenig, bin jedoch bereits als 17-Jähriger von zuhause weggezogen, womit es jedes Jahr einfacher wird – eine gewisse Sehnsucht bleibt dennoch immer. Der Lebensstil hier ist zwar ein bisschen anders, aber es gibt nichts, dass mich davon abhalten könnte, hierher zu kommen.

Sie verfügen über einen Einjahresvertrag beim EHC Olten, mit Option auf Verlängerung. Könnten Sie sich eine Vertragsverlängerung vorstellen?

Das wäre schön. Ich denke, die Entscheidung liegt nicht bei mir. Wenn die Verantwortlichen mich für die Zukunft als Teil der Mannschaft sehen, wäre ich glücklich, hier zu bleiben. Ich kümmere mich jedoch bloss ums Eishockeyspielen.

Die Erwartungshaltung der Zuschauer in Olten ist nach wie vor immens. Trauen Sie der Mannschaft zu, dem Druck standzuhalten?

Ja, ich glaube wir sind ihm gewachsen. Wenn wir so spielen, wie wir es einige Matches gezeigt haben und wie wir spielen sollten, sind wir eine sehr starke Mannschaft. Wie das Jahr voranschreitet, werden wir immer besser und hoffentlich können wir unser Potenzial in den Playoffs konstant abrufen.

Ein Satz zur Zusammenarbeit mit Scott Beattie?

Oh, die ist gut. Ich bin froh, dass er es mir ermöglicht hat, hierher zu kommen und mir diese Chance gibt.