Etwas Besseres kann einem Rennfahrer fast nicht passieren: In der letzten Saison vor dem endgültigen Übertritt zur Elite quasi vor der Haustüre um den Schweizer Meistertitel fahren zu können. Der Niedergösger Severin Sägesser bekommt heute genau diese Möglichkeit, und die will er für eine möglichst gute Klassierung nutzen. Etwa gar den Sieg? «Der Reiz ist natürlich ein Platz auf dem Podest», sagt der 22-Jährige selbstbewusst. «Wenn es der Tag X ist, ist alles möglich.» Gleichzeitig weiss der Niederämter seine Chancen aber auch realistisch einzuschätzen. Geht es nach den letzten Auftritten im Rahmen des BMC Racing Cups auf der Lenzerheide oder in Montsevelier, dann muss er mit einer Top-6-Klassierung zufrieden sein, «super zufrieden» sogar. Denn obwohl er in den letzten Monaten alles versucht hat, sich auf den finalen Heimauftritt in die bestmögliche Ausgangslage zu bringen, ist es ihm zuletzt alles andere als nach Wunsch gelaufen.

Missglücktes Experiment

Sägesser vermute den Hauptgrund für sein frühsommerliches Zwischentief in einem missglückten Experiment. «Ich habe im Hinblick auf die SM ein paar Sachen ausprobiert, auf den Punkt in Form zu kommen, doch das hat nicht funktioniert.» Konkret konnte der Velomechaniker ein Höhenzelt ausleihen und damit ein Höhentraining simulieren. Das Schlafen auf 2200 Meter über Meer, welches mittels Regulierung der Sauerstoffzufuhr perfekt gesteuert werden kann, bekam Sägesser aber ganz offensichtlich nicht.

«Ich konnte mich dadurch zu wenig gut erholen», mutmasst er, weshalb er die Übung Anfang Juli, unmittelbar nach dem Rennen in Montsevelier, wieder abbrach. Nachdem es ihm auf der Lenzerheide letzten Sonntag bereits wieder ein wenig besser lief und er zumindest über die halbe Renndistanz die erwünschte Leistung abrufen konnte, hofft er, das Rennen in Lostorf ohne Durchhänger absolvieren zu können.

Von Anfang an Kontakt zur Spitze

Entgegen kommt ihm dabei die im Vergleich zur Elite kürzere Renndauer, und von Vorteil ist bestimmt auch das kleinere Feld. Sägesser wird so unmittelbar hinter den Favoriten (Forster, Beeli, Frischknecht, Paumann, Chenaux) ins Rennen steigen können und so von Anfang an den Kontakt zur Spitze haben – anders als in der Elite-Kategorie, in welcher er regelmässig aus den hinteren Positionen losfahren muss. So hat das Ganze zumindest am Anfang ein wenig Eliminator-Charakter, was Sägesser, welcher sich in den Duellen Mann gegen Mann sehr wohl fühlt, entgegenkommt. Er habe in den letzten Wochen und Monaten sicher fünf Stunden auf der Strecke trainiert, vor allem die technisch anspruchsvollen Passagen im hinteren Teil immer wieder abgefahren und so die Ideallinie gefunden – auch bei Regen. «Dann ist es besonders wichtig, die richtige Linie zu erwischen, denn es kann schon ziemlich rutschig werden.»

Kräfteschonen vor der SM

Am Mittwoch war Severin Sägesser noch einmal Mal auf der Strecke und machte am steilen Starthang seine Intervall-Übungen – dann fuhr er bewusst herunter. «Wenn es im Rennen nicht so läuft, sollte man es im Training nicht übertreiben.» Kräfteschonen war also angesagt kurz vor der SM für einen Parcours, der Sägesser nicht nur Heimvorteil beschert, sondern auch einen längeren flachen Abschnitt vor Start und Ziel. «Das gibt einen die Möglichkeit, sich zu erholen», hofft er, und dann will er mit den Beinen, wie er sie beispielsweise beim Bergklassiger Silenen–Bristen hatte, in den nächsten Aufstieg: «Da hatte ich jene Form, welche ich mir für diese SM erhoffe.»